Die Tigerfrau.
Roman von Téa Obreht (2012, Rowohlt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 24.3.2012:

Wahre Magie
In ihrem Romandebüt „Die Tigerfrau“ ergründet Téa Obreht die Geheimnisse des kriegsgeschüttelten Balkans. Sie hatte Belgrad bei Kriegsausbruch verlassen. Heute lebt sie in Amerika. Doch ihre Heimat bleibt: „Jugoslawien“.

Der Großvater eilt vor seiner kleinen Enkelin Natalia durch die nächtlichen Straßen einer Stadt im Krieg, namenlos und doch unschwer als Belgrad erkennbar. Und dann sieht Natalia ihn, in einem verzauberten Augenblick: Durch die Straßen läuft ein Elefant, abgemagert, aber lebendig, „ein Unterpfand der unbestreitbaren Tatsache, dass der Krieg enden würde“. Und ein Geheimnis, das der Großvater mit seiner Enkelin teilt: „Wir befinden uns im Krieg. Die Geschichte dieses Krieges – Daten, Namen, wer ihn angefangen hat und warum – gehört allen. . . . Aber so etwas wie dieser Moment – das ist deins. Das gehört nur dir. Und mir. Nur uns.“

Der Krieg, der Großvater, das Geheimnisvolle. In dieser einen Szene offenbart sich zugleich der Zauber von Téa Obrehts Roman „Die Tigerfrau“. Teilt die junge Autorin darin doch ihrerseits jene Geschichten mit uns, die sich dem Krieg auf magische Weise entziehen: Die erwachsen gewordene Natalia bringt Medikamente in ein Waisenhaus, als sie vom Tod ihres Großvaters erfährt. Im Rückblick kommt sie seinem Geheimnis näher, das zu tun hat mit einem Mann, der nicht sterben kann und einer Taubstummen, die sich mit einem Tiger anfreundet.

Téa Obrehts Sätze sind von einer Ökonomie, die eine gute amerikanische Schule verrät, unter anderen war T.C. Boyle ihr Lehrer an der Cornell University. Und nur selten ist im dichten Geschichtengeflecht noch spürbar, dass der Roman aus Kurzgeschichten erwuchs. Die Short Stories der Debütantin wurden ja in namhaften Literaturmagazinen gedruckt; der „New Yorker“ wählte Téa Obreht dafür in die Liste der „20 under 40“, den 20 vielversprechendsten Schreibtalenten unter 40. Auch ihr Debüt wurde bereits ausgezeichnet, mit dem „Orange Prize for Fiction“. Und dabei ist sie erst 26!

Téa Obreht, 1985 in Belgrad geboren, verließ das Land bei Kriegsausbruch mit ihren Großeltern und ihrer Mutter – „wir waren ja auf keiner Seite und auf allen“, erklärt sie. Der Großvater ein römisch-katholischer Slowene, die Großmutter eine bosnische Muslimin. Ihre Mutter und sie selbst vor allem den Traditionen, Ritualen verpflichtet: „Das Weihnachtsessen gab es bei uns zweimal im Jahr.“

„Und dann kam irgendeine verrückte Geschichte“

Die Familie lebte lange auf Zypern und in Ägypten. Im Alter von zwölf Jahren kam Téa Obreht in die USA. Und wirkt nun vor allem so, wie man sich eine junge Amerikanerin vorstellt: Sie ist blond, hübsch, lebendig, spricht schnell und lacht viel. Und überrascht dann doch. Ihr Heimatland? „Jugoslawien“, sagt sie. Ohne Ex davor. Und ohne Zögern.

Nach Kriegsende sprach sie mit Freunden und Verwandten und merkte bald, dass ihre Berichte dem „allgemein menschlichen“ Impuls folgten, dem zu Ertragenden ins Gesicht zu lachen. „Der Fokus ihrer Geschichten hat mein Buch sehr beeinflusst. Wenn meine Freunde davon berichteten, wie ihre Stadt bombardiert wurde, erzählten sie das so: Und da saßen wir also im Keller und stell dir vor, dort war einer, der . . . Und dann kam irgendeine verrückte Geschichte.“

Stell dir vor: Dort war einer, der hatte einen Elefanten gesehen, einen Tiger. Oder einen Menschen, der nicht sterben konnte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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