Die Teufel in Arezzo von Dirk von Petersdorff, S.FischerDie Teufel in Arezzo.
Gedichte von Dirk von Petersdorff (2003, S. Fischer).
Besprechung von Michael Braun in Neue Zürcher Zeitung vom 20.11.2004:

Ironischer Traditionalismus
Dirk von Petersdorffs Gedichte

«Bis auf weiteres», so teilte ein altersweiser Hans Magnus Enzensberger schon vor Jahren mit, «bleibe ich / in der Schwebe.» Der Lyriker als ein eskapistisches Wesen, das sich wie der Fliegende Robert des berühmten Märchens in die Lüfte erhebt, um sich allen Wahrheitssuchern zu entziehen - das war und ist Enzensbergers Modell der stoischen Weltbetrachtung.

Einen gelehrigen Schüler hat Enzensberger seit einiger Zeit in dem Lyriker Dirk von Petersdorff gefunden, der in sehr eloquenten Essays und Gedichten die Zumutungen der «erschöpften Moderne» abzuwehren trachtet. In den frechen Essays des Bandes «Verlorene Kämpfe» (2001) hatte er bereits die Ingredienzien seiner ästhetischen Theorie der «offenen Gesellschaft» zusammengetragen: Ironie, Heiterkeit, Utopie-Abstinenz. Die lyrische Beglaubigung dieser Levitations-Poetik liefert nun sein neuer Gedichtband «Die Teufel in Arezzo». Und siehe da: Aus dem vormaligen Spezialisten für die geistreiche Dekonstruktion der poetischen Altvorderen ist selbst ein entschiedener Traditionalist geworden, der die hohen Töne liebt und die ironischen Zwischentöne nur noch sehr zurückhaltend einsetzt.

Im souveränen Zugriff auf ehrwürdige Formen - Sonett, Volksliedstrophe, Emblem, Prosagedicht - wendet sich von Petersdorff demonstrativ jenen Genres zu, die in der Moderne unter Idylle-Verdacht standen: den «Lobgedichten», den enthusiastischen «Reisebildern», dem Einsammeln diverser Schöpfungs-Wunder. So findet sich hier auch ein heiteres Sonett über den «Ironiker mit 35», in dem die Verbrauchtheit des hochgemuten Ironie-Gestus dekuvriert wird. Dieses Porträt greift wie andere «Lieder» dieses Bandes auf das lässig gereimte Parlando des späten Benn zurück. Von Petersdorff liefert hier einige durchaus gekonnte lyrische Entspannungsübungen ab: In vielen Gedichten wird die hymnisch dahinströmende Emphase durch profanierende Verse aufgefangen und konterkariert. Bei «Wanderungen in den Vogesen» gestattet sich das lyrische Ich zwar die Vermischung mit dem Naturstoff: «Ich sah die Ebene, die sich breitet - zur Welle, zum Kamm, Hebung und Senkung, dunkel und fern.» Wo aber «neue Mysterien» auftauchen, da sind auch diskrete Ironisierungen der Szenerie nicht fern.

Schon im Eröffnungszyklus des Bandes, der sich dem Askese-Programm des Franz von Assisi widmet, wird jene schnoddrige Reimtechnik bemüht, die sich wie eine Imitation von Benn- und Rühmkorf-Versen ausnimmt. Hier kommen Petersdorffs lyrische Entdämonisierungen der Moderne als Reprise daher: «Wer ist hier zuständig für das Glück? / Unken gibt es, ‹Studien zum Ekel›, / Melancholie-Projekte, chic, / das Trauer- Gehäkel.» In einem «Rätsellied» wird der hohe Ton Hölderlins mit banalisierenden Versen kurzgeschlossen. Das «Schicksalslose» ist hier der «Adidas-Tasche» benachbart, im «Psalm» befindet sich die «Seele» in unmittelbarer Tuchfühlung mit der «Iso-Matte». Der romantische Weltschöpfungstraum muss bei von Petersdorff immer wieder mit Ernüchterungen rechnen. Bei aller emphatischen Annäherung an eine anmutige Idyllik rettet sich der Dichter beizeiten in die ironische Volte.

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