Die Tänzerin und der Krieg.
Erzählung von Ivan Ivanji (2003, Picus-Verlag).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 5.11.2003:

Das verschlossene Herz
Ivan Ivanjis Erzählung der Tänzerin Daria, die am jugoslawischen Krieg verzweifelt

Der Glaube, dass sich in einem Leben seine Zeit spiegelt, hat stark nachgelassen. Die letzten Jahrzehnte in Europa fielen zu extrem aus. Außerdem gelten Biographie und Autobiographie heute als Konstruktionen, die im Nachhinein alles phantasievoll zurechtrücken. Und schließlich hat, seit die Geschichte nicht mehr vom Fortschritt, sondern vom Zufall beherrscht scheint, das ganze Konzept einen harten Schlag erlitten. Wer nun noch eine exemplarische Biographie schreibt, muss eigentlich eine doppelte Arbeit verrichten: Er muss erst der Historie jenen Sinn verleihen, den er dann im menschlichen Leben spiegeln möchte.

Der nach Wien emigrierte Jugoslawe Ivan Ivanji hat sich von solchen Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen. In seinem neuesten Roman Die Tänzerin und der Krieg erzählt er die Geschichte seiner untergegangen Heimat an Hand der Biographie einer Primadonna. Darias Schönheit öffnet ihr Bühnen und Männerherzen; einer glänzenden Karriere in Jugoslawien, Deutschland und den USA aber steht sie selbst im Wege. Denn seit sie als Kind ihren Vater, einen Partisanen, ihre Mutter und ihren Onkel im Kampf gegen die deutschen Besatzer verloren hat, hängt die Waise aus Angst vor dem Verlust ihr Herz an niemanden mehr.

In besonderem Maße ist Daria daher ein Kind des jungen sozialistischen Jugoslawien, in dessen Waisenheim sie aufwächst, in dessen Ballettsälen sie ausgebildet und in dessen Opernhäusern sie bejubelt wird. Als Serbin erlebt sie durchaus die Spannungen zwischen den Teilrepubliken, tröstet sich aber mit Titos Ideologie der einander brüderlich verbundenen Nationalitäten. Ivanji skizziert Darias Lebensstationen in einem frischen, verknappten, der Umgangssprache angenäherten Tonfall. Er behält ihn auch bei, um die ersten Jahre der Volksrepublik zu schildern: Wie damals die Partisanen aus den Wäldern kommen, die Bürger verschrecken und bald soviel Gefallen an der Macht finden, dass sie an Stelle der Klassengesellschaft eine Kastengesellschaft aufbauen. Wie deutsche Kriegsgefangene Möbel für das Innenministerium, das Institut für Kernspaltung und den Schriftstellerverband tischlern. Wie gemütlich die Filmzensur ist, deren ausgewählte Genossen die Vorführungen im Kreise von mitgebrachten Freunde und Freundinnen zu sehr genießen, um Verbote auszusprechen.

Diese Anekdoten dürften historisch verbürgt sein. Ivan Ivanji, 1929 in Zrenjanin im Banat geboren, entkommt den Deutschen, als sie 1941 seine jüdischen Eltern verhaften. Er schlüpft bei einer Tante in Novi Sad unter und hat ein zweites Mal Glück, als in dem von Aleksander Tisma beschriebenen Massaker im Januar 1942 6000 Serben und Juden erschlagen werden. Doch einige Monate später verschleppt man ihn nach Buchenwald. Sein Roman Schattenspringen (1993) erzählt von der Befreiung. Im September 1945 kehrt Ivanji nach Novi Sad zurück, studiert, wird Journalist, Dramaturg, Theaterintendant, Übersetzer, Diplomat in Bonn und Dolmetscher von Tito.

Ivanjis joviales Behagen an den Geschichten der Genossen, die er in der Nähe von Tito gehört haben dürfte, ist unverkennbar, und manchmal scheint es, als kehrte er nur ungern, mit einem harten Zeilenbruch, zu Daria zurück. Historie und Fiktion laufen unverbunden nebeneinander her, und gegen den Detailreichtum der Geschichten aus dem Jugokommunismus fällt das Leben der schönen Künstlerin zuweilen recht dürr aus. Innerhalb von drei Szenen auf zehn Seiten altert Daria um sechs Jahre, der Bauernmarkt "mitten in der Stadt" ist selbstredend "lustig", "die Linden in Belgrad dufteten betörend". Was der Zeithistorie die Anekdote, ist der Biographie das Klischee.

Als Titos Vielvölkerstaat im nationalistischen Hass von Slobodan Milosevic untergeht, werden Daria und ihr Ehemann Peter, ein Fotograf, hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Heimatliebe. Daher leben sie abwechselnd in Wien und Belgrad. Im ersten Jugoslawienkrieg bringt Daria unter Einsatz ihres Lebens Hilfsgüter nach Sarajewo, und als Nato-Bomben auf Belgrad fallen, hält Peter die Verwüstungen auf Fotografien fest. Daria und Peter repräsentieren das "gute" Jugoslawien. Mehr ist über sie allerdings kaum zu sagen. Ihre Reflexionen über den Krieg, den Tanz und die Fotografie verdienen in ihrer Hilflosigkeit diese Bezeichnung eigentlich nicht. Ivan Ivanji stellt Daria und Peter wie Puppen in eine Tragödie, mit der sie nichts zu schaffen haben, gegen die sie nichts tun können und die ohne Auswirkung auf ihre Haltung zur Tito-Vergangenheit bleibt. Milosevic ist eine durch und durch rätselhafte Erscheinung. Vielleicht wollte Ivanji zeigen, wie fatal dies für die Menschen ist. Leider ist es noch fataler für seine Erzählung von ihnen. Denn Milosevic sprengt endgültig deren Konstruktion: die Parallelität von Geschichte und Biographie.

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