Die Summe der Tage von Alfred Kolleritsch, 20001, Jung & Jung1.) - 3.)

Die Summe der Tage.
Gedichte von Alfred Kolleritsch (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Martin Adel aus Der Standard, Wien vom 22.9.2001:

Erinnerung ist Gegenwart
Alfred Kolleritschs Gedichtband "Die Summe der Tage".

Die Summe der Tage ist immer auch das eigene Leben, aber wer hier von "Summe" spricht, rechnet die gesamte Lebenserinnerung hoch, resümiert die eigene Geschichte aus einem späten Bewusstsein. Nicht Ordnung oder Raisonnement bestimmen so sehr die Gedanken, sondern die frei schwebende Erinnerung, in der die Erfahrung gerinnt: ein nachsinnendes Hineinversetzen, das aus dem unausweichlichen und stetigen Verlust der Lebenszeit Distanz und Weite gewinnt. Das Erinnerte lässt sich nicht wiedergewinnen, und könnten wir es, würden wir - so hat es Walter Benjamin vermerkt - die Erinnerung verlieren. Erinnerung ist Gegenwart.

Hinter den aufsteigenden Bildern, Erfahrungen und Begebenheiten tickt, manchmal kaum vernehmbar, manchmal unüberhörbar, der Countdown. Keine literarische Form eignet sich so gut, diese Verschneidung der Zeitebenen wiederzugeben wie das Gedicht.

Vor einigen Monaten feierte Alfred Kolleritsch seinen 70. Geburtstag. Die 67 Gedichte weben die späte Zwischensumme und, vor diesem Hintergrund, die Erfahrung einer späten, jungen Liebe und des Verlusts. Wenn Kolleritsch in dem Gedicht Für Christiane sagt: "DIR als Unmaß / mehr zu geben, / den Wortschatz, / der uns erzeugt", dann ist damit auch der Grund genannt, weshalb uns diese Bekenntnisse interessieren können, dürfen, sollen (wie auch immer): Der Mehrwert der Sprache. Arnold Stadler hat in seinem Nachwort darauf hingewiesen, dass Kolleritsch in einer von Faktizität zugerichteten Welt das Fragen und Staunen hochhält. Man muss dazu sagen: weniger "im Gedicht" als "als Gedicht". Wie Stadler es ausdrückt: "Kolleritsch hat ein Leben lang gestaunt und gefragt und ist in die Nähe gegangen: seine Gedichte sind (weniger Antworten als) Fragen". Unter den zitierten Belegen: "es zu sagen, auch als ASCHE, / dem Wunder des Übriggebliebenen" oder "Daß nach dem Abschied / der Himmel unangestrengt leuchtet".

"den Dingen zu, dem DIR", wie es im Gedicht Für Christiane heißt, "sie aus dem Mehr, als sie / selber sind, / als Dinge sagen": Genau das ist der Mehrwert. Kolleritsch, der 1960 (gemeinsam mit Alois Hergouth) die international wohl beachtetste österreichische Literaturzeitschrift, die manuskripte, gründete, aber allein schon seiner Bedeutung als Erzähler und Lyriker nach zu den Größen der österreichischen Gegenwartsliteratur zählt, schließt auch mit diesen Gedichten an eine Tradition an, die Lyrik zum Ort der philosophischen Selbstbestimmung und Selbstreflexion machen: unpathetisch und doch mit großem Ernst (um nicht "Schmerz" zu sagen).

Vielleicht spielt trotzdem die frühe und intensive Beschäftigung mit Martin Heidegger eine nicht unwesentliche Rolle, obwohl wir ja heute beim Lesen Heideggers von dessen ontologischer Schwere und vor allem von den zeitgeschichtlichen Implikationen auch unangenehm berührt reagieren. Nicht so bei Kolleritsch, dem es wie Johnson oder Bachmann etwa nicht um das Gewicht der Worte geht, sondern um die Gewichtigkeit dessen, was mit Worten persönlich existentiell ausgedrückt wird. Der schmerzliche Ernst folgt weniger der Logik als der eigenen Erfahrung, deren Intensität in Die Summer der Tage allerdings gemildert wird durch einen Ton, der wie später Glanz des Tages über den Gedichten liegt.

Den Klang zu erfassen, fällt einem beim Lesen nicht schwer; dem Sinn zu folgen, ist einem nur möglich mit diesem Klang im Ohr. Die Schwierigkeit der Metaphern - so einfach die angerufenen Worte und Dinge auch sind -, die eigenwillige Syntax, die sparsam gebrauchten Mittel der Interpunktion, das alles verlangt uneingeschränkte und konzentrierte Bereitschaft, sich auf die Gedichte einzulassen, ihnen zuzuhören. Aber es fällt nicht schwer, ihnen zuzuhören oder mit ihnen zu "sehen". Ihre Suggestivkraft lässt uns ihnen vertrauen und "Richtigkeit" auch dort anerkennen, wo wir nur noch als schweigender Chor einem orphischen Abschied beiwohnen.

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Die Summe der Tage von Alfred Kolleritsch, 20001, Jung & Jung2.)

Die Summe der Tage.
Gedichte von Alfred Kolleritsch (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Marion Löhndorf in Neue Zürcher Zeitung vom 27.10.2001:

Die Flüchtigkeit der Liebe
Zwei Gedichtbände von Alfred Kolleritsch

Alfred Kolleritsch findet sichtbare Äquivalente für unsichtbare Seelenregungen meist vor der eigenen Türschwelle, im Garten und manchmal, seltener, auch im Wald. Die Schauplätze seiner Gedichtbände «Die Summe der Tage» und «Die Verschwörung der Wörter» liegen weit weg von Städten, Lärm und zeitgenössischem Leben; es sind kleine, private Welten, still und fast menschenleer. Sonnenblumen, Gewürze, Unkraut, Mücken und Vögel kommen darin vor, weniger als Gegenstände eines Pastoralidylls denn als Indikatoren des Rückzugsortes eines Zivilisations- und Weltverdrossenen: So wenigstens scheint es. Seinen Garten beackert der Grazer Schriftsteller vor allem im Band «Die Summe der Tage». Aber auch in «Die Verschwörung der Wörter», einer Gedichtsammlung, die von der Sprache selbst handelt, finden sich Bilder aus der domestizierten Natur. Der Garten des Dichters kann ein Paradiesgarten sein, so hingebungsvoll wird seine Schönheit beschrieben, aber auch ein Jardin secret, dessen verschwiegene Wege schwierig und wenig idyllisch sind....Fortsetzung

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Die Summe der Tage von Alfred Kolleritsch, 20001, Jung & Jung3.)

Die Summe der Tage.
Gedichte von Alfred Kolleritsch (2001, Jung und Jung).
Besprechung von Cornelius Hell aus Rezensionen-online *LuK*:

Gesehen und zugleich gedacht
Zu den neuen Büchern von Alfred Kolleritsch

Wie die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern" (so der Titel eines Sammelbandes von Peter Laemmle und Jörg Drews aus dem Jahr 1975), das ist auch im Rückblick ein spannender Prozess, wenngleich nicht alle Autoren der "Grazer Gruppe" spannend (oder überhaupt literarisch produktiv) geblieben sind. Von heute aus gesehen fällt auf, wie leicht es damals war, öffentlich aufzufallen, sei es durch Texte oder durch spektakuläre Auftritte (Handke in Princeton). Die allgegenwärtige finstere Reaktion, die sich großsprecherisch auf das Abendland berief oder provinzielle Gamsbärte in Szene setzte, war ein einfacher Gegner, der Nachfrage nach seinem Gegenteil erzeugte. Hitzige Theoriedebatten über Sprache und Welt, das Experiment mit traditionellen Literaturgattungen und literarischer Widerstand gegen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster - das wurde damals erwartet. Weit weg oder an den Rand gedrängt erscheint uns das heute, wo es wieder wichtig ist, dass ein ordentliches Buch "Roman" genannt wird und die Inhalte entscheidend dafür sind, ob man im Feuilleton reüssiert.

Einer, der von Anfang an dabei war, als die Grazer auszogen, einer verkrusteten Literaturszene das Fürchten zu lehren, ist Alfred Kolleritsch. Seit 1960 ist er Herausgeber der "manuskripte", 1968 wurde er Präsident des Grazer "Forum Stadtpark". Dass Kolleritsch selbst schreibt, war damals in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt, und auch später hat der "Literaturfunktionär" oft den Autor verdeckt. Ohne Bitterkeit hat er in einem Interview konstatiert, dass ihm für das eigene Schreiben oft zu wenig Zeit bleibt. Außer Gerhard Fritsch hat kaum ein Autor dieses Formats so selbstverständlich seine kreative Energie in die Literatur als gemeinsame Sache investiert. Und doch kann man seinen Texten eine größere Haltbarkeit bescheinigen als manchem, was damals in schneller Folge geschrieben und publiziert wurde.

Das Jahr 2001 hat uns gleich vier Bücher von Alfred Kolleritsch zugänglich gemacht. Zu seinem 70. Geburtstag erschienen im Residenz Verlag "70 ausgewählte Gedichte", die seine Entwicklung vom ersten Gedichtband (wenn man von einem Privatdruck absieht) "Einübung in das Vermeidbare" von 1978 bis zu "In den Tälern der Welt" von 1999 dokumentiert. Vom ersten programmatischen Bekenntnis "Meinen Einfällen vertraue ich nicht" bis zu Widmungsgedichten für Ernst Jandl und H. C. Artmann spannt sich der Bogen dieses Auswahlbandes, der auch ein wunderbarer erster Zugang zum Lyriker Kolleritsch sein kann. Denken und Sinnlichkeit nennt Hans Eichhorn in seinem Vorwort als die beiden Pole von Kolleritschs Gedichten. "Er war gesehen / und zugleich gedacht,/ bereinigt / ließen sich die Bilder / sagen" heißt es einmal über einen vergangenen Tag. In der Tat ist Kolleritsch auch in seinen Gedichten ein Denker - der Titel "Philosoph" verbietet sich leider wegen seines akademischen Klanges (Albert Camus wollte ihn "den Deutschen und ihren zahlreichen Schülern" überlassen). Und das schreckliche Wort "Gedankenlyrik" verbietet sich auch, weil es diese Gedichte damit zur Ausnahme erklärt und insinuiert, dass Gedichte eigentlich Gefühle zum Ausdruck bringen sollten - die poetische Revolution der "Sturm und Drang"-Bewegung hat uns diesbezüglich im deutschen Sprachraum nachhaltig verdorben. Kolleritsch denkt auch in seinen überraschenden und unverbrauchten Landschaftsbildern, und er denkt oft im Dialog. Seine Bildwelt greift auch dominante poetische Traditionen auf und entwickelt sie überraschend weiter: So erscheint der Teich, in der romantischen und nachromantischen Literatur ein Ort abgründiger Unheimlichkeit oder melancholischer Sehnsucht, bei Kolleritsch als eine vom Schilfband umgebene "Wunde" und als starrendes "Krötengesicht".

Offenheit und Unzugänglichkeit halten sich in diesen Gedichten auf spannungsvolle Weise die Waage, einfache Bilder sind eingespannt in einen oft rätselhaften Satz- und Argumentationszusammenhang. Platon und Descartes tauchen in den Überschriften auf, Abstraktes tritt uns entgegen, aber ebenso intensiv sind die topographischen Verortungen. "Eine verstehende Lesart der Gedichte von Alfred Kolleritsch ergibt sich nur, wenn man sich nicht am Schein des Hermetischen festbeißt, wenn man nicht die ›wahre‹ Bedeutung der Begriffe, Worte, Formeln sucht, sondern sie als poetische Projektionsphänomene annimmt" - so hat Manfred Mixner im Kritischen Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eine gangbare Schiene zu diesen Texten gelegt.

Eines der Gedichte reflektiert das Wiederlesen alter Texte:

"DIE NACHT, in der man Sätze nachliest, / die einen zwangen, im Zimmer zu bleiben, / im Schrank, zeigt: / die Sätze, sie sind mitten im Tanz erstarrt."

Sehr schnell kommen diese Sätze an ihren Ort, "zu den abertausend Sätzen anderer". Einschränkungen und Negativ-Charakterisierungen dominieren den Blick auf die nachgelesenen Sätze - bis zum "Trotzdem" der Schlussstrophe:

"Trotzdem, / etwas Warmes, fast Heißes / taucht auf, / die Liebe dazu, / daß man es so gesagt hat."

Beim Rückblick ist es nicht geblieben. Dem Verlag Jung und Jung hat Kolleritsch seinen neuen Gedichtband anvertraut, dessen Titel nach poetischer Lebensbilanz klingt: "Die Summe der Tage" bringt in den Gedichtanlässen auch die Schwerkraft des Autobiographischen ("Am Grab des Vaters") zur Sprache und zeichnet in bedrängenden Bildern "wie wir aus der Liebe fielen", doch die Wegmetaphorik, die das Nachwort von Arnold Stadler treffend aufnimmt, konterkariert den bilanzierenden Gestus. Vor allem aber verleiht das für Kolleritsch so charakteristische Beiseiteräumen-Wollen der Deutungen auch diesen Gedichten ihre eigene Dynamik: "Krank, weil ihm die Deutungslosigkeit / geraubt war", so beginnt das letzte Gedicht.

Die zarten Liebesgedichte dieses Bandes sind allerdings verhaltene Bilanzen eines Verlustes, und die Entfernung zur verlorenen Liebe wird nicht nur als individuelle Fallhöhe registriert. "Als gehörten sie nicht her, / lang überlebt, / Liebende" - so beginnt ein Gedicht, dem das Anführungszeichen genügt, um Liebende zu exotischen Exemplaren einer ausgestorbenen Spezies zu machen. Das Hohelied wird einmal zitiert: als ferner Klang, von dem sich der Gedichtschluss weit entfernt: "Das Gehör zu verlieren füreinander" lautet der Anfang der letzten Strophe. Das schon zitierte Fallen aus der Liebe ist vor die universalisierende Kulisse des Himmels gestellt:

"Der Himmel darüber / verschüttet Nebel, / er vergißt uns, / hat uns vergessen."

Sehr treffend hat Martin Adel im "Standard" von der Suggestivkraft und der Schwierigkeit auch dieser Gedichte Kolleritschs geschrieben: "Den Klang zu erfassen, fällt einem beim Lesen nicht schwer; dem Sinn zu folgen, ist einem nur möglich mit diesem Klang im Ohr. Die Schwierigkeit der Metaphern - so einfach die angerufenen Worte und Dinge auch sind -, die eigenwillige Syntax, die sparsam gebrauchten Mittel der Interpunktion, das alles verlangt uneingeschränkte und konzentrierte Bereitschaft, sich auf die Gedichte einzulassen, ihnen zuzuhören."

Alfred Kolleritsch denkt nicht nur in Gedichten. Kurt Bartsch hat "Marginalien und Widersprüche, Texte zu Literatur, Kultur und Politik" aus mehr als drei Jahrzehnten zusammengestellt (und ihre Anlässe und Kontexte in Kommentar und Nachwort erschlossen), die nicht nur den breiten Horizont der Aufmerksamkeit und den oft grandiosen Stil des nachdenklichen Polemikers Kolleritsch zu Tage fördern, sondern ein Stück österreichische Literatur- und Kulturgeschichte Revue passieren lassen. Manches ist heute schon wieder amüsant: wenn etwa Kolleritsch wegen der Veröffentlichung der "verbesserung von mitteleuropa" Oswald Wieners wegen Pornographie geklagt wurde oder wie Michael Scharang mit großem Theorieaufwand für die Besetzung des ORF argumentierte. In den "Marginalien" aus den "manuskripten" und in zahlreichen Reden wird Kolleritschs Literaturauffassung deutlich, die konsequent gegen die "Realismuslüge, die Abbildung vortäuscht", gerichtet ist. Argumentation, die von Theorien geleitet wird, aber nicht darin erstickt, eine selbstverständliche Belesenheit, die nie "vorgeführt" wird und andere nicht mit geborgten Argumenten zum Verstummen bringen will, und eine ausgeprägte Urteilskraft machen die Lektüre dieses Bandes zu einem Gewinn und Vergnügen.

Bleibt noch zu sagen, dass der Droschl-Verlag auch Kolleritschs zweiten Roman "Die grüne Seite" wieder zugänglich gemacht hat. Diese sich über drei Generationen erstreckende Geschichte der Sozialisation der Söhne durch ihre Väter lebt von ihrem Detailreichtum ebenso wie von modellhafter Abstraktion und zeigt einen Grundimpuls von Kolleritschs Schreiben: die Opposition gegen ideologisch verfestigte Denk- und Handlungsmodelle, die auf Zeitlosigkeit und Wahrheit angelegt sind. "Von der Unwahrheit der Wahrheit" ist ein autobiographischer Essay Kolleritschs aus dem Jahr 1983 überschrieben. Dagegen mobilisiert Alfred Kolleritsch noch immer Denken und Sehen, und das erwartet er auch von der Literatur, für die er präzise argumentiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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