Die Studenten von Berlin von Dieter Meichsner, 2003, Schöffling/Büchergilde GutenbergDie Studenten von Berlin.
Roman von Dieter Meichsner (2003, Schöffling/Büchergilde Gutenberg).
Besprechung von
Susanne Ostwald in Neue Zürcher Zeitung vom 6.3.2003:

Veritas, Justitia, Libertas
Dieter Meichsners Roman «Die Studenten von Berlin»

Berlin lag noch in Trümmern, als Ende 1948 ein entscheidender Beitrag zur Wiederbelebung des geistigen Lebens in der kriegszerstörten Stadt geleistet wurde: die Gründung der Freien Universität. Schon zwei Jahre zuvor hatte Unter den Linden, also im sowjetischen Sektor, die Berliner Universität - die heutige Humboldt-Universität - ihre Pforten wieder geöffnet. Doch es dauerte nicht lange, bis auch dort der Kalte Krieg seine Auswirkungen zeigte und den Wissenschaftsbetrieb lähmte. Die politischen Konflikte eskalierten, und die Hochschule geriet zusehends unter den Einfluss sozialistischer Funktionäre, der Lehrbetrieb in die Hände marxistisch-leninistischer Ideologen. Als drei Studenten ohne Rechtsverfahren aus politischen Gründen exmatrikuliert wurden, erlebte Berlin seine erste Studentenbewegung. Dem Anstoss jener, die ohne politische Gängelung studieren wollten, sowie der finanziellen Unterstützung der Amerikaner ist es zu verdanken, dass am 4. Dezember 1948 die Freie Universität (FU) ins Leben gerufen werden konnte. «Es geht um die Errichtung einer freien Universität, die der Wahrheit um ihrer selbst willen dient», hiess es im Gründungsaufruf der FU, die sich, diesem Anspruch folgend, die Worte «Veritas, Justitia, Libertas» auf ihr Banner schrieb.

Der Autor Dieter Meichsner war einer der ersten Studenten an der neuen Universität, und er hat bereits sechs Jahre nach ihrer Gründung, erst 26-jährig, einen Roman über ihre Entstehungsgeschichte geschrieben. Jetzt wurde sein Buch «Die Studenten von Berlin» erstmals seit vierzig Jahren neu aufgelegt, und es gilt, einen Roman wiederzuentdecken, der nicht nur die Geschichte der Gründung der FU und ihrer ersten Studenten spannend wie einen Politkrimi erzählt, sondern der auch ein einzigartiges Zeitzeugnis des Lebens in der Frontstadt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Virtuos hält Meichsner seine zahlreichen Erzählstränge in der Hand und erweist sich als Chronist von enormer Kenntnis der politischen Verwerfungen im Berlin der Nachkriegszeit und grossem Gespür für das Schicksal der sechs jungen Menschen, die im Mittelpunkt der Handlung stehen.

Zentrale Figur ist der Student Harald Momber, der sich aus Nazihaft befreien konnte und sich später, enttäuscht von der Massregelung, Indoktrinierung und Intoleranz, von der Universität Unter den Linden ebenso wie von seinen Genossen bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) abwendet, um an der FU «in Ruhe» zu studieren - bis er schliesslich erneut zwischen die Fronten und in die Fänge der Stasi gerät. Seine Kommilitonen, die Hauptpersonen des Romans, bringen die unterschiedlichsten Erfahrungen aus dem Krieg mit: Mombers spätere Frau Jutta Gebert verlor ihren Vater in Dresdens Bombennacht und arbeitete im Lazarett. Erst danach konnte sie mit dem Chemiestudium beginnen und ging eine Liaison mit dem Widerstandskämpfer Karl-Heinz Schick ein, bis dieser sich von ihr abwendete, als sie schwanger wurde. Herbert Strittich war Offizier der NS-Armee, desertierte und schlug sich zunächst mit zweifelhaften Schiebergeschäften durch. Helmut Hirth wäre beinahe in Kriegsgefangenschaft gestorben und sieht seinem Studium an der FU erwartungsfroh entgegen, während die verwöhnte und reichlich naive Monika Pape in erster Linie die Universität besucht, um dort eine gute Partie zu machen.

Der Roman, gewidmet der Philosophischen Fakultät der FU, gliedert sich in dialektischer Folge in die Abschnitte «Das Ende», «Der Anfang», «Der neue Anfang», «Das Ende vom Anfang» und «Der Anfang vom Ende». Die Erzählung wechselt beständig die Perspektive; stehen die Figuren anfänglich noch isoliert, so führt Meichsner ihre Geschichten mit der Zeit geschickt zusammen, verwebt sie zu einem breit gefächerten Panorama an Lebenserfahrung, spiegelt Ideenvielfalt und Gedankenaustausch seiner Protagonisten. Es ist beeindruckend, mit welcher Souveränität der seinerzeit sehr junge Autor die verschiedenen Handlungsebenen miteinander verschränkt und dabei weit in die Tiefe der politischen Implikationen und Komplikationen lotet. Die Handlung spitzt sich dramatisch zu, als die Untergrundarbeit der «Leitstelle für gesamtdeutsche studentische Angelegenheiten» der FU, welche politisch bedrängte Studenten an den Universitäten im Osten unterstützt, in der DDR ruchbar wird und die Involvierten in Lebensgefahr bringt.

Meichsner hatte der Literatur nach der Veröffentlichung von «Die Studenten von Berlin» einstweilen den Rücken gekehrt, um beim Fernsehen und für den Hörfunk zu arbeiten - bis zum Jahre 1998, als sein Roman «Abrechnung» erschien. Für seine Hör- und Fernsehspiele wurde er vielfach ausgezeichnet; zweimal erhielt er den renommierten Grimme-Preis. Über die Neuauflage seines Romans sei er sehr überrascht gewesen, heisst es beim Schöffling-Verlag, der mit der Wiederentdeckung dieses bedeutenden Werkes der Nachkriegsliteratur einer neuen Leser- und Studentengeneration einen grossen Dienst erwiesen hat.

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