Die Struktur der modernen Literatur von Mario Andreotti, 2014, UTB/HauptDie Struktur der modernen Literatur.
Neue Formen und Techniken des Schreibens: Erzählprosa und Lyrik von Mario Andreotti, (2011/2014, UTB-Reihe im Verlag Haupt).
Besprechung von Christiane Matter
für LYRIKwelt.de, Dezember 2014:

Warum moderne Autoren anders schreiben
Zur Neuauflage eines Standardwerks der literarischen Moderne

Im vergangenen September brachte der Haupt Verlag Bern innerhalb der UTB Reihe die 5. stark erweiterte und aktualisierte Ausgabe des Standard- und mittlerweile auch Lebenswerks von Prof. Dr. Mario Andreotti heraus: Die Struktur der modernen Literatur. Seit 1983 verfolgt der Autor kontinuierlich die neuen Formen und Techniken des modernen Schreibens in Erzählprosa und Lyrik im deutschsprachigen Raum. Er definiert präzise, was die modernen von den herkömmlichen literarischen Texten und Textgattungen unterscheidet und stellt die moderne Literatur und ihre Entstehung in den Kontext der neueren Geistesgeschichte: der modernen Naturwissenschaften, der verschiedenen Strömungen der modernen Philosophie und der Psychologie, aber auch der bildenden Kunst und der Musik.

Andreotti beschäftigt sich mit der Situation der Dichtung im 20. und 21. Jahrhundert, welche eine Diskrepanz zwischen einem breiten an traditioneller Literatur orientierten Publikum und einer schmalen an avantgardistischen Texten interessierten Schicht aufweist. Romane oder Theaterstücke, die sich an tradierten Formen orientieren, finden einen breiten Absatz, obwohl sie häufig epigonal sind, bei der Lyrik hingegen stossen avantgardistische Experimente eher auf Akzeptanz.

Man könne heute nicht mehr von Epochenstilen wie beim Barock oder bei der Romantik sprechen, sondern nur noch von Gruppenstilen, die zum Teil kontradiktorisch, traditionswahrend und traditionskritisch, nebeneinander verlaufen. Hier interessiert den Autoren besonders die sogenannte Zweite Moderne, die seit Mitte der 90er Jahre neben der Postmoderne herläuft und besonders in der Lyrik wieder auf experimentelle Formen der klassischen Moderne zurückgreift. Dagegen werden in der Postmoderne häufig Romane produziert, die sich hauptsächlich am literarischen Markt orientieren und somit mehr oder weniger konventionell geschrieben sind. Mit der Abkehr von jeglicher Form von engagierter Literatur dominiere nun eine Literatur der autonomen Ästhetik, die von der Literaturkritik enthusiastisch gefeiert wird, deren Inhalte aber dünn sind und die wohl nur ein kurzzeitiger Saisonerfolg bleiben. Ob man beispielsweise die Romane des Erfolgsautors Martin Suter noch in 50 oder 100 Jahren lesen wird, sei zu bezweifeln, so Andreotti.

Die Neuauflage ist inhaltlich nicht nur stark erweitert, sondern auch wieder auf den neuesten Stand der Literaturentwicklung gebracht worden. Das jüngste Textbeispiel stammt aus dem Jahr 2014. So werden im Buch avantgardistische Formen wie Hip-Hop, Rap, Beatboxing, Slam Poetry, Twitter-Lyrik und die digitale Literatur, um nur einige der neuen Genres zu nennen, vorgestellt, die in der Fachliteratur sonst kaum Beachtung, geschweige denn eine gerechte Würdigung finden. Dem Handyroman ist neu sogar ein eigenes Kapitel gewidmet.

Dass moderne Texte oftmals schwieriger sind wegen ihrer viel komplexeren Struktur als die der traditionellen Texte, ist jedem klar, der sich mit ihnen befasst. Hier bietet Andreottis Stan-dardwerk einen Zugang durch ganz neue Möglichkeiten der Textinterpretation und durch Analysen moderner Erzähl- und Gedichttechniken, die auch Sprachlehrern als Lese- und Interpre-tationshilfen äusserst dienen. Vor allem für sie sind auch die Arbeitsvorschläge im letzten Kapitel gedacht, deren Musterlösungen der Verlag auf seiner Homepage zur Verfügung stellt.

Beim modernen und postmodernen Erzählen bringt Andreotti neben einer ganzen Reihe neuer Textbeispiele, z.B. zu Montage und Textcollage, auch neue Unterkapitel zu den Themen Rückblende, Perspektivenwechsel, Metalepse und Tempuswechsel, zur Intertextualität und Mehrfachkodierung wie auch zur Gestusmontage und zum Gestuswechsel.

Bezüglich der Literaturgattungen wurde im Kapitel über den bürgerlichen Trivialroman nun auch der konventionelle Liebesroman und seine Parodierung mit einbezogen, in die Kapitel über die Novelle, das Tagebuch und den Essay sind neueste Forschungsergebnisse eingeflossen.

Auch die moderne Lyrik wurde durch neue Kapitel erweitert: So ist denn u.a. auch vom Zitat und vom Prinzip der Reduktion im modernen Gedicht die Rede. Ergänzt wird das Ganze durch jüngste Beispiele aus der Text/Bild-Collage, etwa von Herta Müller, und aus der digitalen Lyrik.

Dem interessierten Laien, z.B. auch Schülern, erschliesst sich das Sachbuch sehr schnell, da die Sprache auf sämtliche unnötigen Fremdwörter verzichtet und auch die komplexesten Themen gut nachvollziehbar, klar und einfach behandelt werden. Unterstützend wirken hier auch etliche gut gestaltete Tabellen, Schaubilder und Übersichten, die das Wichtigste zusammenfassen und veranschaulichen.

Das stark erweiterte Glossar am Ende des Buches, das nun rund 100 Seiten umfasst, erklärt Fachbegriffe aus der Literatur, der Linguistik, der Philosophie und der Psychologie anhand kurzer Beispiele und ist für sich genommen schon ein einfach verstehbares Lexikon, das man unabhängig vom übrigen Teil des Buches benutzen kann, z.B. für den Literaturunterricht, für Ma-turavorbereitungen oder für die Ausbildung von Autorinnen und Autoren und das Germanistikstudium.

Die Autoren selber werden in einem eigenen Unterkapitel zur aktuellen Situation der Schriftsteller, die sich zwischen Kunst und Kommerz bewähren müssen, angesprochen. Dazu kommt im Schlusskapitel eine Neufassung der Kriterien guter literarischer Texte, wobei aktuellste Textbeispiele einbezogen werden.

Der heutige Literaturbetrieb, vom Buchmarkt bis zu den Literaturpreisen, wird mit einigen kritischen Anmerkungen unter die Lupe genommen. Die Autoren müssen heute gut vermarktet werden, weshalb vor allem junge Schriftsteller gefördert werden, die es freilich meist nur zu Saisonerfolgen bringen, bevor sie wieder dem Vergessen anheimfallen. Ihre Werke beschreiten häufig inhaltlich und erzähltechnisch ausgetretene Wege, statt auf Dauer oder auf Überraschung hin durch innovative Inhalte und Formen angelegt zu sein. Auch zum Eventcharakter vieler literarischer Veranstaltungen, bei denen das Buch oft Nebensache bleibt, findet man markante Worte.

Wer ein gut lesbares, informatives, pointiert geschriebenes und -für den Leser erfreulich- auch humorvolles Buch über die neuesten Entwicklungen der deutschsprachigen Literatur lesen möchte, dem sei die 5. Auflage der Struktur empfohlen.

Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur. Neue Formen und Techniken des Schreibens: Erzählprosa und Lyrik. Mit einem Glossar zu literarischen, linguistischen und philosophischen Grundbegriffen. UTB Band 1127. 5., stark erw. und aktual. Aufl., 488 S., Bern, Stuttgart, Wien 2014 (Haupt). CHF 28.--(UVP), € 19.99. ISBN 978-3-8252-4077-6

Der Autor des Buches, Mario Andreotti, Prof. Dr., geb. 1947, ist in Schwanden aufgewachsen hat dort von 1954 bis 1962 die Primar- und die Sekundarschule besucht. Er arbeitet heute als Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen und als Dozent für neuere Literatur an der Zürcher Fachhochschule für Angewandt Linguistik.

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