Die Straße nach Midland.
Roman von Arnaud Cathrine (2002, Eichborn - Übertragung Lis Künzli).
Besprechung von Tomas Fitzel in der Frankfurter Rundschau, 8.6.2002:

Die Strenge der Leere
Eine Leiche im Kofferraum ist manchmal zuviel: Arnaud Cathrines Roadnovel

Arnaud Cathrines Sätze haben etwas Anrührendes, so wie sie sich auf diesen schmalen und sehr locker gesetzten, gerade mal 134 Seiten verlieren, die von sich behaupten, Roman zu sein.

Ein New Yorker Literaturdozent holt seinen Bruder ab. "Sie werden sehen, er sieht noch gut aus. Ich ging nicht darauf ein. Er sprach von Ray, von seinem Zustand, seinem Verwesungsgrad. Er war noch immer zu erkennen, wollte er damit sagen." Ray ist der ältere Bruder von Will, dem Literaturdozenten, und er ist tot, weil er sich eine Kugel in den Kopf schoss. Will packt ihn in einen Van mit Kühlaggregat, fährt los von Midland in Texas und nimmt die route 349 Richtung El Paso. Weit muss er allerdings nicht fahren bis zum Salt Café, einem Motel mit Tankstelle und Café. (Auf Frankfurter Verhältnisse übertragen hieße dies: die Straße Richtung Rom nehmen, um in Bensheim einzukehren.) "Kein Laut." Eine junge Frau steht hinterm Tresen, erstaunt, "einen Unbekannten auftauchen zu sehen." Es ist Amy, die Frau von Ray, bildschön, früher Model, und wartet in dieser trostlosen Wüste auf Ray, der sie vor etlichen Jahren ohne ein Wort verließ. Einfach so. Sie weiß nicht, dass er mausetot im Kofferraum liegt. Will gibt sich nicht als Rays Bruder zu erkennen. Er bleibt erst einmal, um nachzudenken über sich und seinen Bruder: "Völlig im Einklang mit diese trostlosen Gegend. Ray vor einem Horizont aufgebahrt, den keine Unebenheit je aufbrechen wird. Nichts und noch mal nichts in dieser verdammten Wüste. Was mir deine Zeit als Lebender beigebracht hat, ist hier. Schau. Die unerschütterliche Strenge der Leere. Aber du antwortest nicht."

Man sieht das direkt vor Augen: Schwarz-Weiß, auf 35 Millimeter gedreht, Weitwinkel und noch einen Rotfilter vor das Objektiv gepackt. So wie John Houston in Misfits. Wenders hat das probiert, Jarmusch würde das hinkriegen. Die Musik vielleicht von Ry Cooder oder besser gleich lambchop, denn die bieten zur Zeit den traurigsten Sound fürs melancholische Gemüt. Will liebt aber "My Funny Valentine" von Chet Baker und Amy "trällert" den Text dazu. Aber wer wäre nicht schon einmal der Cowboy gewesen, der von Gütersloh nach Nirgendwo zog? Und wenn es nur auf einem Moped war. Dazu stellte man sich vor, wie man an einer Bar stünde, die Zigarette im Mundwinkel, eine Flasche Bourbon vor sich und eben solche Sätze formulieren würde.

Es ist also die todtraurige Ballade von der schönen Maid Amy, der traurig, traumatischen Brüderliebe zwischen Will und Ray (Inzest! Vergewaltigung!) und zu der gesellt sich als Dritter im Bunde das arme Waisenkind Singer, den Amy einst von der Straße auflas. Man schweigt viel. Will vermag nur, einer Prostituierten und ehemaligen Geliebten Rays von seinem Trauma zu erzählen. Singer verbrennt am Ende Ray samt Sarg und wandert dafür für ein Jahr in ein Arbeitslager. Ein merkwürdiges Land diese USA: Man kann zwar unbeanstandet mit einer Leiche verreisen, aber verbrennen darf man sie nicht. Vielleicht verstößt dies gegen die örtlichen Umweltschutzverordnungen. "Tels sont les Etats-Unis" - so sind die USA, schreibt der Autor auf die Nachfrage des Rezensenten.

Will und Amy kriegen sich. Hoffnung keimt. "Cathrines Roman macht glücklich", schrieb Le Monde - na dann! Talent hat er und Nachwuchsförderung ist eine verdienstvolle Sache. Arnaud Cathrine schreibt große Sätze - aber viel zu groß für ihn und nicht in einem einzigen widersteht er der Sentimentalität, am allerwenigsten dort, wo er sich besonders davor gefeit glaubt.

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