Die Straße von Cormac McCarthy, 20071.) - 3.)

Die Straße.
Roman von Cormac McCarthy (2006, Rowohlt - Übertragung Nikolaus Stingl).
Besprechung von Karsten Herrmann aus dem titel-magazin vom 6.4.2007:

Packendes Endzeitdrama
In seinem neuen Roman führt der große amerikanische Romancier Cormac McCarthy seine Leser auf eine Reise an das Ende aller Nächte: unerbittlich und unentrinnbar.

Ein Mann wandert mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Amerika, durch eine versunkene Zivilisation. Mit einem quietschenden Einkaufswagen, der ihr ganzes Hab und Gut enthält, sind sie auf dem Weg aus dem eisigen Norden über steile Bergpässe an die Küste im Süden. Das Land liegt verbrannt, stumm und gottverlassen vor ihnen, es ist kahl gefressen, geplündert und verheert: „Nächte, deren Dunkel, alle Dunkelheit überstieg, und jeder Tag grauer als der vorangegangene.“

In diesem dunklen wüsten Land leuchtet nur die raue Liebe zwischen Vater und Sohn, „jeder die ganze Welt des anderen.“ Sie führen einen verzweifelten Überlebenskampf gegen Kälte, Hunger und marodierende Banden, die den letzten Rest Menschlichkeit schon lange verloren haben. Vater und Sohn, die namenlos bleiben und dem Leser doch ganz nahe kommen, versuchen eben diese Menschlichkeit gegen alle äußeren Umstände und Anfeindungen zu bewahren:
„Weil wir die Guten sind.
Ja.
Und wir bewahren das Feuer.“

Cormac McCarthy hat mit die straße ein packendes Endzeitdrama vorgelegt, in dem die Welt und die verbliebene Menschheit nach einer nicht näher benannten Kriegs- oder Naturkatastrophe auf ihren kleinsten Nenner reduziert ist und „die Hinfälligkeit von allem und jedem endlich zutage getreten“ ist.

Unerbittlich zieht McCarthy die Leser mit seiner traumwandlerisch sicheren und lakonisch reduzierten Prosa ganz tief hinein in diese schwärzeste aller Welten. Als letzter Hoffnungsschimmer glimmt nur noch die Liebe zwischen Vater und Sohn und droht dabei sekündlich zu verlöschen. die straße ist ein Martyrium von biblischem Ausmaße, eine grandiose Katharsis, die bis an die Grenze des Erträglichen führt und lange nachwirkt.

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Die Straße von Cormac McCarthy, 20072.)

Die Straße.
Roman von Cormac McCarthy (2006, Rowohlt - Übertragung Nikolaus Stingl).
Besprechung von Thomas Laux in der Frankfurter Rundschau, 18.4.2007:

Das ist das Ende
Cormac McCarthys ergreifend trostloser Roman "Die Straße"

Dieses Buch böte die Steilvorlage für einen Science-Fiction-Horrorfilm, doch darf man bezweifeln, dass selbst Großmeister des Genres eine solche Vorlage adäquat verwerten könnten. Es wäre, wenn es denn eine Eins-zu-Eins-Umsetzung dazu gäbe, ein Film, der schon wegen seiner en passant geschilderten Grausamkeiten kaum eine Jugendfreigabe bekäme. Vorläufig sind wir aber bei der Lektüre, bei der es ratsam erscheint, immer wieder Pausen einzulegen, Luft zu holen, vor allem zwischendurch mal an etwas anderes zu denken, aufzuschauen, sich darüber klarzuwerden, dass man in einem bequemen Sessel sitzt, kurzum: zu registrieren, dass es einem vergleichsweise gut geht, denn dieses Buch - für das der Autor soeben den Pulitzer-Preis zugesprochen bekam - kann einen fertigmachen. Unvorstellbar, dass es irgendjemanden unberührt lässt.

Irgendwo und -wann in unbestimmter Zukunft spielt dieser Roman des heute 74-jährigen Cormac McCarthy, und die hier geschilderte Zukunft ist nichts anderes als der Entwurf einer Hölle auf Erden. Ein apokalpytischer Krieg muss stattgefunden haben, ein ganzes Land - vielleicht (aber nicht zwingend) die USA - ist heruntergebrannt, noch raucht es allüberall, verkohlte Leichen liegen herum, und Asche gibt es, soweit man schaut, immer wieder Asche, auf die der Schnee fällt. Grauer geht es nicht, nähere Informationen über das stattgefundene Desaster bekommen wir allerdings auch nicht, nur einen Nuklearkrieg kann man ausschließen. Ein Vater und sein kleiner Sohn (beide bleiben die ganze Zeit über namenlos, die Ehefrau bzw. Mutter ist tot) ziehen mit einem Einkaufswagen voller letzter Habseligkeiten - Decken vor allem und ein wenig Proviant - durch eine unsägliche Katastrophentristesse gen Süden. Der Vater will an die Küste, vermutlich ist das nur ein irgendwie fixierter Fluchtpunkt, denn was ihn dort konkret erwartet, was er überhaupt dort finden will, weiß er nicht.

Für Vater und Sohn geht es im Grunde nur ums nackte Überleben, und damit haben beide schon genug zu tun. Die Natur ist archaisch-feindlich, sie trotzt ihnen die letzten Kräfte ab, selbst das Feuermachen stellt sie oft vor große Probleme. Sie durchstreifen Wälder und menschenleere Geisterstädte, nur durch Zufall stoßen sie beim Duchstöbern brachliegender Grundstücke immer wieder auf letzte essbare Reste - es geht in diesem Roman überhaupt immer nur um Letztes. Der Vater hat noch einen Revolver bei sich mit zwei Schuss Munition, damit will er sich gegen "die Bösen", wie er es dem Sohn in seiner eigenen, plakativen Art erklärt, zur Wehr setzen, vielleicht hebt er die Kugeln schließlich aber auch für ihn und sich auf.

Direkte Lebensgefahr geht vornehmlich von jenen marodierenden Zombies aus, die aufgrund der allgemeinen Nahrungsmittelknappheit zu Kannibalen mutiert sind. Dabei fällt auf, wie emotionslos, fast desinteressiert, Vater und Sohn bereits das ganze Szenario wahrnehmen: sie ziehen z.B. vorbei an "Eingeweideschlingen, wo man die Erschlagenen ausgeweidet und fortgeschleppt hatte", so die lapidar-neutrale Erzählerstimme, durch die man aber auch erkennt, dass die beiden durchresignierten Protagonisten nicht mehr mit irgendwelchen Schockzuständen zu kämpfen haben; über derartiges sind sie hinweg. Selbst als sie auf eine fluchtartig verlassene Feuerstelle stoßen, wo ein kopfloses Kleinkind aufgespießt und gegrillt wurde, ist das Entsetzen eher ein relatives. Vater und Sohn sind sich einig, dass ihnen so etwas niemals passieren kann: einen anderen Menschen zu essen. Moralisches Minimum sozusagen.

Cormac McCarthy ist bekannt für seine düsteren Geschichten, auch für seine verstockten Helden, man erinnert sich an diese wortkargen Cowboys, Indianer, Desperados aus seinen anderen Romanen, alles eigenwillige Außenseiter, die auf ein letztes persönliches Heil gepolt sind, sich aber gleichzeitig, was ihre Chancen angeht, überhaupt keine Illusionen machen. Innerhalb seines Werkes erinnert das vorliegende Buch stark an den ebenfalls sehr existenzialistisch wirkenden Roman Draußen im Dunkel (1968, dt. 1994), wobei dieser von dem jetzt vorliegenden an Düsternis sogar noch übertroffen wird. Aber da sind eben auch diese vielen kleinen poetischen Momente, verortet in einem wirklich ergreifenden Vater-Sohn-Verhältnis. Wie sich dieser Vater in seiner zumeist spröden, linkisch-nonverbalen Art um seinen Sohn kümmert, den er über alles liebt und dem er bis zum bitteren Ende seine offensichtliche Ohnmacht zu verbergen sucht, das geht schon unter die Haut. Man muss an dieser Stelle endlich auch Nikolaus Stingl für seine hochsensible Übersetzung ein dickes Lob aussprechen.

Der Vater stirbt am Ende, nachdem er zuvor von einem Pfeil, der auf ihn abgeschossen wurde, im Bein getroffen worden war. Der Sohn trauert kurz und heftig, aber er muss weiter, irgendwohin. Er stößt auf der Straße auf einen Mann, der ihm tatsächlich in freundlichem Ton vorschlägt, ihn mitzunehmen. Der Junge zögert kurz, dann willigt er ein, was bleibt ihm auch anderes übrig? Aber man mache sich nichts vor: Das ist kein Happy End, es ist noch nicht einmal ein Trost.

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Die Straße von Cormac McCarthy, 20073.)

Die Straße.
Roman von Cormac McCarthy (2006, Rowohlt - Übertragung Nikolaus Stingl).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 23.04.2007:

Die Straße, aufrecht
Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy hat einen Jahrhundertroman geschrieben.

D er Pulitzerpreis, den Cormac McCarthy gerade zugesprochen bekam, ist fast eine Untertreibung. Sein preisveredeltes Buch "Die Straße" ist ein Jahrhundertroman. Ein Untergangsroman, nachtschwarz, mit einem winzigen Stern, der umso heller strahlt. Ein Männerroman. Ein Roman der Menschheit, der vom Ende erzählt und davon, dass die Menschlichkeit nie aufhört. Es ist ja nicht so, dass die bisher neun Romane des 73-jährigen McCarthy lauter Durchschnittsware gewesen wären. Seine Spätest-Western-Trilogie mit dem Genre-Höhepunkt "All die schönen Pferde" nicht und erst recht nicht sein "Blood Meridian" von 1985 ("Die Abendröte im Westen"). Das war die radikal andere Art von Western. Die Durchlöcherung seiner Mythen von Freiheit und Abenteuer, eine Kriegserklärung an jede Form von Romantisierung in Buchdeckeln, die selbst dem hinterwäldlerischsten Cowboy heimgeleuchtet haben dürfte.

Die Geschichte geht zu Ende

Und nun "Die Straße": Die Geschichte der Erde geht zu Ende, und selbst die Ursache dafür bleibt im Dunkeln, so wie es auch tagsüber nicht mehr hell wird. Die wenigen verbliebenen Menschen können sich an eine heile Welt kaum noch erinnern. Ein Vater und sein Sohn ziehen auf der Straße nach Süden, sie wollen zur Küste. Was sie da wollen, bleibt unklar, aber weil man es wissen will, legt man dieses Buch nur ungern aus der Hand und nur kurz.

Der Vater legt sich wie ein misstrauischer Mantel um den Jungen, den er schützen will vor der niedergehenden Asche, der Kälte, dem Regen und dem Hunger der anderen Überlebenden. Wir sind die Guten, redet er dem Kind ein, das vor lauter Überlebenskampf drumherum in Wahrheit schon gar keines mehr ist. Der Junge ohne Namen weiß um die Notlügen seines Vaters. Mit der Kraft seiner verbliebenen Naivität erfragt er Widersprüche dessen, der die Moral nur im Munde führt und sie zugleich mit Füßen tritt - da geht es längst nicht mehr nur um das Amerika einer grauenvollen Zukunft.

Dass es eine Art von Liebe gibt zwischen den beiden, unausgesprochen, macht die Sache nicht leichter, aber wirklicher. Gefühle gerinnen in diesem Roman zu Sätzen, die cool klingen - sollen. McCarthys karge, knappe Sprache bewegt, statt Bewegung zu beschreiben. Ins Detail geht sie nur, wenn sie schildert, wie man die einzige verbliebene Patrone im Revolver durch selbstgebastelte Attrappen ergänzt.

Zum Ende hin verschlägt es einem dann mehr und mehr den Atem: Der Raum zwischen den Sätzen, in dem das Endzeit-Entsetzen wächst, wird immer enger. Der Schimmer aber, der sich um die Gestalt des kleinen Jungen gelegt hat, er erlischt auch darin nicht. Er ist kein Trost. Aber er zeugt davon, dass man aufrecht gehen kann. Immer. (NRZ) 

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