Die Stille ist ein Geräusch von Juli Zeh, 2002, Schöffling1.) - 2.)

Die Stille ist ein Geräusch.
Bericht von Juli Zeh (2002, Schöffling&Co.).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 5.8.2002:

Ein Milka-Hotel in einer entzauberten Welt
Juli Zeh kam mit Hunde-Begleitung und las in der DB-Lounge des Hauptbahnhofs aus ihrem Bosnien-Reisebericht

Eine so genannte Sonntags-Matinée zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass seltsame Blumengebinde auf den Tischen stehen und die Besucher einmal mehr als gewöhnlich auf den Zerstäuber ihres Parfums gedrückt haben. Beides keine erfreulichen Erscheinungen also. Die junge Frau, die die DB-Lounge des Frankfurter Hauptbahnhofs betritt, sieht nicht aus wie die typische Besucherin einer sonntäglichen Matinée: Sie ist klein und trägt eine Art von Unterhemd, das den Blick frei gibt auf sämtliche ihrer Tätowierungen, und das sind nicht wenige. Außerdem führt sie zwei große Hunde an der Leine, eine Schnauzer-Mischung wohl der Eine, der Schwarze; bei der Entstehung des Anderen dürfte ein Schäferhund im Spiel gewesen sein.

Den schwarzen Hund kennt Juli Zeh schon lange, den Braunen hat sie vor dem Verhungern gerettet und mitgenommen, in Bihac, in Bosnien. Dorthin ist die 1974 geborene Schriftstellerin, die mit ihrem Debüt-Roman Adler und Engel im vergangenen Jahr großen Erfolg hatte, gefahren, gegen alle Warnungen, auch gegen die Vorbehalte in ihr selbst.

Den daraus entstandenen Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch, erschienen im Frankfurter Verlag Schöffling & Co, stellte Juli Zeh im mittlerweile zehnten Teil der Lesereihe vor, die an jedem ersten Sonntag im Monat in der DB-Lounge stattfindet und von hr-Literaturredakteur Heiner Boehncke in seiner Einführung kurzerhand in einen literarischen Salon umgewidmet wurde.

"Was wollen Sie dort", sagt die Frau im Reisebüro, "da ist doch Krieg"; die Mutter rät ihr, nach Griechenland zu fahren, das sei schließlich auch weit im Südosten, und irgendwo liest Juli Zeh den Satz, dass Bosnien sich keinesfalls für touristische Unternehmungen eigne. Doch sie fährt trotzdem, um herauszufinden, ob Bosnien-Hercegowina überhaupt ein Ort ist, um einem Krieg mitten in Europa auf die Spur zu kommen, den, wie ein Freund ihr sagt, "wir alle nicht begriffen haben".

Und Juli Zeh muss schnell lernen, eigene Erwartungen zu korrigieren: Bereits in Kroatien muss sie feststellen, dass Zagreb kein "Bombenkrater ist, an dessen Rand zerlumpte Flüchtlinge lauern", sie beginnt, sich in "Endepol", einer grammatikfreien Mischung aus Englisch, Deutsch und Polnisch, zu verständigen, scheitert daran, einen Busfahrer zu bestechen, damit er sie mit ihrem Hund mitnimmt, überlistet ihn trotzdem, macht kuriose Entdeckungen wie das lilafarbene Milka-Hotel und lernt ihren "ersten richtigen Bosnier" kennen.

Die Stille ist ein Geräusch ist angereichert mit wachsender Erkenntnis. Dass der Krieg in Bosnien nicht ein Ausdruck des Völkerhasses, sondern "ein Krieg der Bauern gegen die Städter" war, ist ebenso erwähnenswert wie der Umstand, dass man Deutsche immer daran erkennt, dass sie ihre Hunde mit ins Restaurant nehmen wollen. Auch Juli Zeh ist nicht völlig frei von der unseligen Krankheit, auf Reisen den Dingen des Alltags plötzlich ein Wesen zuzusprechen und sie mithin metaphysisch zu überhöhen. Wenn "ein Zug wienerisch spricht" oder "Felder sich nicht im Klaren sind", was auf ihnen wächst, ist das schon hart an der Handke'schen Pathosgrenze. Aber Juli Zeh kommt glücklicherweise immer wieder zurück in die Tiefenebenen der entzauberten Welt.

Während ihres Vortrags schlafen die beiden Hunde unter dem Tisch und geben keinen Laut von sich. Es sind gute Tiere.

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Leseprobe I Buchbestellung 0802 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Die Stille ist ein Geräusch von Juli Zeh, 2002, Schöffling2.)

Die Stille ist ein Geräusch.
Bericht von Juli Zeh (2002, Schöffling&Co.).
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 22.7.2004:

Dichter an der See
Hoppe, Kennedy, Zeh

Rantum auf Sylt

Kaum hat man die Insel betreten, da haut es einen um. Der Sturm kommt von links. Die quietschgrünen Laternen auf dem Bahnhofsvorplatz knicken steif zur Seite. Daneben ragt, auch sie giftgrün und windschief, die trashigste aller Touristenfamilien meterhoch in den grauen Himmel, in Shorts und Bikini, Halt suchend auf gigantischen Barfüßen, die Plastik-Haarschöpfe waagerecht in der steifen Brise. »Hätte man sich sparen können«, sagt der Besitzer der Imbissbude an der Ecke zu den im Jahr 2001 unter viel Protest enthüllten Figuren des Künstlers Martin Wolke. Mir gefällt’s. Aber irgendetwas stimmt nicht.

Was, entdecke ich erst auf dem Gelände des Kulturzentrums Syltquelle am Rantumer Hafen, Blick aufs Watt: Zum ersten Mal im kalten, nassen norddeutschen Sommer ist es vollkommen windstill. Kein Gräschen regt sich. Die Künstler sitzen draußen. Der Saxofonspieler trägt einen schwarzen Hut, A.L.Kennedy eine schwarze Lederhose, Felicitas Hoppe knallroten Lippenstift, und Juli Zeh, Inselschreiberin dieses Jahres, hat ihren Hund dabei. Gelesen wird in der Abfüllstation, hundert Leute vor Tausenden Mineralwasserkästen. Es riecht nach Schwefel. Das Saxofon spielt Take Five.

Felicitas Hoppe stimmt das Thema an. Sie liest aus Verbrecher und Versager, ihrem jüngsten Buch, in dem vergessene Glücksritter zum Leben erweckt werden, skurrile Reisende aus drei Jahrhunderten. Da erzählt eine Wirtin im Jahr 1781 über ihre Untermieter Friedrich Schiller und Franz Kapf. Der eine schreibt die Räuber, der andere lässt sich als Heidenmissionar nach Afrika anwerben: »Dem Dichter das Werk, dem Soldaten das Leben.« Der rhythmische Märchenton dieser glasklaren Prosa macht das Vergangene gegenwärtig und bringt die Ferne nah, nüchtern fabulierend, verspielt rekonstruierend. Ihre eigenen Reisen haben Hoppe ins fantastische Kielwasser der historischen Figuren gebracht. Verführt, entrückt, im Sturm erobert werden wir jedoch von jemand, der sich, wie Schiller, nicht von zu Hause wegbewegt. Jennifer, die Protagonistin von A.L.Kennedys Roman Also bin ich froh, erzählt über sich und warum sie, statt zwischen ihren friedlichen Laken einzuschlafen, das Bett zerwühlt: Sie denkt an Sex, eiskalten, sadistischen Sex (die knallharte Szene, die davon ein Beispiel gibt, muss Kennedys Übersetzer Ingo Herzke, ein wenig beklommen, auf Deutsch vorlesen). »I’m not emotional«, sagt Jennifer trocken, »you should know that about me.« Und ihre Erfinderin wirft, noch trockener, ein: »She is an unrelieable narrator.« Fast auswendig rezitiert sie Jennifers Selbstgespräch. Eindringlich und absolut unaufdringlich ist diese leise Performance, eine irrsinnige Mischung aus Scheu und Selbstironie, Kälte und Wärme. Es ist, als entstünde der Text vor unseren Ohren.

Wir hätten gern angehört, wie sich Jennifers zerstörte, durch Reflexion abgedichtete Innenwelt der Liebe öffnet, wenn Cyrano de Bergerac auf einer fantastischen Zeitreise in ihr Leben fällt. Stattdessen geht es mit Juli Zeh nach Bosnien: Leseproben aus ihrem Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch. Hauptfigur ist zunächst der Hund, den wir vorher zu Gesicht bekamen. Dann geht es – »Sie erfahren zwar jetzt nicht so viel aus dem Inneren Bosniens, aber ich lese die Stelle einfach so gern« – um die deutschen Kfor-Soldaten, die Leberwurst essen, in »Hosen, Bade, blau« schwimmen gehen und von Land und Leuten keine Ahnung haben. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die gefällige, monoton mit intelligenten Gags gespickte Rhetorik der »naiven« Reisenden wirkt so glatt und cool wie die »abstrakten« Kriegsberichte, gegen die sie sich richtet. Das ist wohl der Preis der Authentizität. Als Ingo Herzke nach der Lesung nach dem Verhältnis von Literatur und Wahrheit fragt und Juli Zeh betont, wie »unglaublich offen und vielschichtig die Leute in Bosnien denken«, klingt es ein wenig nach TUI für Akademiker. »Man muss der schreibenden Zunft misstrauen«, sagt Felicitas Hoppe vieldeutig, »Hinschauen kann blind machen.« Allison Kennedy lacht und stottert und denkt beim Reden. »We are fiction authors«, sagt sie. »We live in a strange middle-land.« Und das liegt ganz nah. Dort, wo Cyrano de Bergerac vom Himmel fällt. Wie die grünen Riesen am Bahnhof. 

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Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKwelt © D.D./Die Zeit