Die Stille.
Roman von Reinhard Jirgl (2009, Hanser).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2009:

"Die Stille"
Berge, Meere, deutsche Giganten

Der Fotoapparat ist ein erinnerungsträchtiges Gehäuse", stellte Uwe Johnson fest. Von Johnson, in dessen Romanen sich im Schicksal des Einzelnen stets die jüngste deutsche Geschichte spiegelt, stammt eine Handreichung für realistisches Erzählen, die auch für den Neoexpressionisten Reinhard Jirgl gilt: "Alles behalten, was es zu sehen gibt. Am Ende gibt es nach und lässt sich begreifen." Einhundert Fotografien beziehungsweise deren Beschriftungen sind Ausgangspunkte und Ankerbojen für Jirgls gewaltigen Familienroman der anderen Art.

Die Fotos sind in einem dunklen Album aus porösem Leder versammelt: feldgraue Gestalten aus beiden Weltkriegen; eine bezaubernde jüdische Gesellschaftsdame, die in Theresienstadt ermordet wurde; Weihnachten an der "Heimatfront"; Winterferien im Harz anno 1970. Der Berliner Arzt Georg Heinrich Adam, Jahrgang 1935, empfing es einst zu treuen Händen von seiner ostpreußischen Schwiegermutter Johanna.

An seinem Leben und seinen Erinnerungen orientiert sich die Rahmenhandlung. Im sogenannten Jahrhundertsommer 2003 trägt ihm seine Schwester Felicitas auf, das Album seinem Sohn Henry in Frankfurt am Main zu übergeben. Dieser will zu einem Forschungsaufenthalt in die USA fliegen. Warum aber erscheint das Wort "Sohn" in Verbindung mit Henry immer in Anführungszeichen? Weil Henry Georgs Inzest mit Felicitas entsprang, der hageren Junggesellin im Kostüm mit Immortellen-Muster. Das ist beileibe nicht das einzige Skandalon, das Reinhard Jirgl mit unzähligen anderen Lebens- und Erzählfäden zu einem ebenso artifiziellen wie erdrückenden Teppich verwebt.

"Die Stille" setzt in einer fiktiven Stadt namens Mathildenburg in der Niederlausitz ein. Dort kam Henriette zur Welt, die verstorbene Frau von Georg: "Die beiden ersten Photographien zeigen Henriette im Jahr 1942 (sie war damals 6), Derkrieg war bis ins Märkische noch nicht zurückgeflutet, obwohl in der Brandung von alliierten-Bombenfeuern schon manch deutsche Stadt mit ihren Bewohnern verbrannt war - in Diesermasse Tod angeblich Eineschuld zu tilgen, die, wie jede Schuld, die Schuld von 1zelnen war u: die zu tilgen mit keiner Bombe je gelang."

Ahnungen, Vorausdeutungen der von Deutschland verursachten Jahrhundertkatastrophe und ihrer verheerenden Folgen finden sich auf fast jeder Seite. Dazwischen treten Bankrotteure und Glücksspieler auf, vor allem aber Glückssucher. Flucht und Vertreibung sind für den 1953 in Ost-Berlin geborenen Autor eine "Terra incognita", ein "ungelittenes Thema". Seine sudetendeutsche Flüchtlingssaga "Die Unvollendeten" (2003) enthielt allerhand Identifikationsangebote mit den Opfern; das Figurenensemble des neuen Romans ist differenzierter.

Im dritten Teil "Zweitleben und Kein Epilog" lässt der allwissende Erzähler seinen Blick unter anderem in die Wohnung der Adams im Ost-Berlin der sechziger und siebziger Jahre wandern. Dazwischen finden sich detailfreudige Schilderungen von Interieurs sowie elegische Außenaufnahmen heimischer Landschaften. "Die Stille" ist ein sehr patriotischer Roman, in dem muffige Vakuumatmosphäre vorherrscht. Nur am Schluss kommt ein transatlantischer Luftzug auf.

Georg Adam, der Kustode des ersten Teils, wird bei seinem Besuch in Frankfurt von Drogendealern überfallen und schwer am Kopf verletzt. Fortan schweigt er und nennt sich Ferdinand. Die Funktion der Parze übernimmt seine Schwiegertochter Dorothea, die zur antiimperialistischen Rachegöttin und damit heimlichen Heldin mutiert. Was die DDR mit ihrem Braunkohletagebau begann, will am 13. August 2006, 45 Jahre nach dem Mauerbau, ein ausländischer (!) "Inn-!West-Tor" vollenden: den vollständigen Abriss des Städtchens Thalow, in dem ein Teil der weitverzweigten Familie ansässig war. Dorothea erschießt den Vorstandsvorsitzenden in der Baugrube.

Um das alles goutieren zu können, muss sich der Leser Reinhard Jirgls oft schon kritisierter Privatorthographie in der Tradition Arno Schmidts stellen. Ob er "Glüxritter" schreibt, "moneypolierter Konkurs", "Papplisitti" oder "Mutter Kuh-Rage": Die Verfremdungen wirken selten erhellend, eher überflüssig und belehrend.

Meist ist der Inhalt des Buches klüger als seine Schreibweise. Wie beim Tourette-Syndrom kann der graphemische Furor in postpubertäre Peinlichkeiten entgleiten. Jirgls orthographische Mätzchen wirken wie Bodenwellen und Straßenpoller in einer verkehrsberuhigten Zone: Sie sollen den Lesefluss verlangsamen und die Aufmerksamkeit schärfen. Hier ist deutscher Bierernst in avantgardistischer Tarnung am Werk.

Ein anderes Ärgernis stellt Jirgls notorisch grobschlächtige Kapitalismuskritik dar. Um zu beweisen, wie "die-infame-Untertanen-Sprache für die-infame=Bürokratie" ein ganzes Jahrhundert prägte und prägt, ist auf den Seiten 342ff. eine dreispaltige Tabelle abgedruckt. Von der Anrede bis zur Grußformel wird ein Musterbrief in drei Varianten präsentiert: im martialischen Duktus der Nationalsozialisten, in der Friedens-Metaphorik der DDR und "im Interesse der Sicherung von Arbeitsplätzen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt" als Verschleierungsformel für den Kapitalismus. Gleich darauf imaginiert der deutlich an Alfred Döblins Epos "Berge Meere Giganten" geschulte Demiurg Jirgl noch einen erfrischenden Weltuntergang dank Klimakatastrophe.

Hat man sich durch sämtliche Exaltationen und Verkehrshindernisse gekämpft, kommt man durchaus in den Genuss einer höchst authentischen Erzählweise und einzigartigen thematischen Fülle. Ähnlich wie der Geschichtsfatalist Heiner Müller ("Krieg ohne Schlacht") bietet Reinhard Jirgl seine geballte Sprachmacht auf, um den Menschen wenigstens in der Literatur vom Objekt der Geschichte in deren Subjekt zu verwandeln, um ihn kenntlich zu machen. Ein ehrenwertes Anliegen, vom vertrackten Pathos dieses Romans fast überdeckt.

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