Die Staubfängerin von Katja Oskamp, 2007, AmmannDie Staubfängerin.
Roman von Katja Oskamp (2007, Ammann).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Züricher Zeitung vom 20.02.2008:

Überleben in der Provinz
«Die Staubfängerin» – das Romandébut von Katja Oskamp

Das Unglück hockt im Reihenendhaus. Erst treibt es schöne, dann böse und zum Schluss seltene Blüten. Stetig nährt es sich aus dem Zerfall und gibt sich, ganz nebenher, trefflich amüsant. Auch wenn einem dabei das Lachen im Halse stecken bleibt.

Im Grunde ist die Geschichte von Katja Oskamps erstem Roman, «Die Staubfängerin», einfach zu erzählen: Die junge Regieassistentin Tanja lernt in der ostdeutschen Provinz am Theater einen zwanzig Jahre älteren, erfolgreichen und kultivierten niederländischen Dirigenten kennen. Flugs zieht sie bei ihm ein, wird schwanger, wähnt sich angekommen. Dass mit der Geburt des Kindes die verheissungsvolle gemeinsame Zukunft bereits endet, weiss Tanja noch nicht. Mit literarischem Geschick und unerbittlicher Freude an der Groteske lässt aber die Autorin ihre Leserschaft am Untergang der Beziehung teilhaben.

Den Anfang vom Ende macht das Leben selbst: Tanjas Kind kommt bereits mit sieben Monaten zur Welt und hebt diejenige ihrer Mutter aus den Angeln; Tanja ist überfordert. Derweil Edgar, ihr Mann, durch die Welt tourt, betreibt sie nicht nur übereifrig die Verwurzelung in der Provinz, sondern steigert sich – zugunsten des hygienebedürftigen Frühchens – in einen spiegelblanken Sauberkeitswahn. Als Edgar zudem der Glanz der Erfolgreichen abhandenkommt und er ohne Engagement ebenfalls zu Hause sitzt, ist die Reihenendhaus-Hölle perfekt: Er legt Puzzles, sie jagt Staub mit System, er verlegt seinen Kunstsinn aufs Kochen und auf die Blumenzucht im eigenen Gewächshaus.

Dass Tanja gerade noch vor dem Eintreten der äussersten Katastrophe der Ausbruch gelingt, liegt wohl gleichermassen am Zufall wie an ihrem sozialistisch geschulten Überlebenssinn. Mit Sack, Pack und Kind verlässt sie die Provinz und fasst Fuss in der Hauptstadt. Ein Happy End? Ein kleines, vielleicht. Eines für diejenigen, die sich im Leben mit wenig zufriedengeben. Beziehungsweise eines, das sich noch auswachsen könnte, wenn denn die ganz alltäglichen Abgründe als lauernde Selbstverständlichkeit hingenommen würden.

Bereits in Katja Oskamps erster literarischer Veröffentlichung, dem gelungenen Erzählband «Halbschwimmer» (2003), hatte die Leserschaft Gelegenheit, mit Tanja Merz, Tochter zweier DDR-Vorzeigebürger, durch die unwegsame Banalität des Alltags zu straucheln. Damals suchte sich die Ich-Erzählerin den Weg ins Erwachsenwerden und durchquerte dabei beiläufig die Geröllhalde deutsch-deutscher Zeitgeschichte.

Katja Oskamp, 1970 in Leipzig geboren, selber dem Theater entlaufene Dramaturgin und erfolgreiche Absolventin des Leipziger Literaturinstituts, kennt das Milieu, das sie ihrer Hauptfigur auf den Leib schreibt. Und sie verfügt sowohl über das nötige Handwerk als auch über viel literarisches Talent, um ihren Stoff in eine konsistente, stimmige Form zu verpacken. Konsequent wählt sie die Ich-Perspektive und treibt den Erzählgang mit dem Tunnelblick der Protagonistin voran. In kernigen, stets unvermittelt eingebauten Dialogen kommen auch Tanjas Gegenüber zu Wort. Letztlich aber zappeln alle Figuren an den Fäden der unerbittlich lakonischen – und dennoch «liebevoll» der Hauptfigur zugewandten – Spielführung der Autorin. Unter ihren Händen entsteht eine Abfolge oft bühnenreifer, in sich gut ausgearbeiteter Szenen zwischenmenschlichen Unvermögens.

Zwei Stilmittel sind es vor allem, mit denen Katja Oskamp ihrem Erzählen einen eigenständigen Ton verleiht: Wie bereits in ihrem ersten Buch arbeitet die Autorin durchgehend mit Verknappungen und Auslassungen, derweil sie Details und vermeintliche Nebensächlichkeiten motivisch «auflädt». Zudem erliegt sie nie der Versuchung, das Tun ihrer Protagonistin zu erklären – pointiert und verknappt widmet sie sich ausschliesslich dessen Beschreibung und verlegt auch die grossen Empfindungen in simple Äusserlichkeiten.

Wohl gibt es Momente, in denen die lakonische Überzeichnung zur Übertreibung wird oder die innere Entwicklung der Figuren aufgrund der elliptischen Erzählweise sprunghaft wirkt. Dass «Die Staubfängerin» aber als Roman-Premiere mit dem Anna-Seghers-Preis 2007 ausgezeichnet wurde, ist durchaus verdient. Und angesichts des kleinen, etwas skurrilen Happy End kommt man irgendwie nicht umhin, sich eine Fortsetzung der wunderlich-ungeschönten Lebenserzählung von Tanja Merz zu wünschen.

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