Die Stafette von Walter Lobenstein, 2009, CentaurusDie Stafette.
Prosa von Walter Lobenstein (2009, Centaurus Verlag).
Besprechung von Jochen Arlt,
2010:

Stafettenlauf zum eigenen Ich
Walter Lobensteins Prosa-Alterswerk verneigungswürdig

 Reisebericht, Feature, Lyrik, Bildbeschreibung, Essay – fünf Genres, stellvertretend genannt, die durch Walter Lobensteins Schreibfeder leuchten. Nahezu 50 Jahre hindurch zum Beispiel in „Wegwarten – Eine literarische Zeitschrift für Einzelne“, von ihm edierter Klassiker unter deutschsprachigen Literaturblättern.
In unserem Leben kommt es auf das bindende und auf das lösende Wort an. Das Wort ist somit unentbehrlich.

 Neulich leuchtete Walter Lobenstein noch mit dem Kurzgeschichten-Band „Der Silbermann“ (Centaurus Verlag; ISBN 978-3-8255-0502-8)). Und wie die vergangenen 12 Monate flankiert wurden von der Wegwarte als Blume des Jahres, so darf Lobensteins im Dezember erschienener Roman „Die Stafette“ (Zitate daraus in Kursivschrift) als weiteres Jubelereignis für 2009 gelten.

Dieser Junge war fortwährend im Aufbruch. Ohne Vorbehalte. Ohne Bedenken. Ohne Furcht. Wohl mochte er Risiken erkennen, aber seine Zuversicht war stets stärker. Das Gelingen seiner Unternehmungen hatte nichts Abgeschmacktes, weil seine Motive rein waren.

 „Ich habe das Herz eines Künstlers, wenn es auch tief verschüttet ist“, wusste ehemals der junge und literarische Talente in sich spürende Heinrich Böll. Im fortgeschrittenen Alter hingegen die kinderlosen Georg Hussmann und Jens Peter Uhl aus Walter Lobensteins „Die Stafette“.

Das Leben kann auch durch Wünsche ertragbar werden, die keine Erfüllung finden.

 Hussmann lebt als Schriftsteller in Wien. Uhl, sein Freund, ist längst zwar als Jurist in Hannover etabliert, gleichzeitig jedoch begnadeter Porträtzeichner, im Kanzleialltag aber halt das umstandsbedingte verschüttete Herz des Künstlers.

Wir sind in jeder Sekunde Zeugen, Zeitzeugen, Tatzeugen. Ob wir uns in unserem Leben bewähren, ob wir es ausfüllen, es glaubhaft und sinnvoll machen, hängt davon ab, wie wir unsere Lebenszeugenschaft bewältigen. Ohne Zeugenschaft kommen wir in dieser Welt nicht aus.

 Geo(rg)s Probleme sind andere als die von Jens. Einerseits. Und doch, andererseits, überschneidet sich immer wieder neu das existentielle Infragestellen der beiden Männer.

Wertvoller als die uns zugemessene Zeit ist nichts. Und doch ist es die Zeit, die uns zugrunde richtet, die alles zerstört. Leben und auch die Dinge.

 Treffende Bilder im Fluss einer zeitlosen Prosa.

Die Menschen müssen das Elend  der Welt, das auch das ihre ist, erkennen. Nur durch Erkenntnis ist Wandlung möglich. Und nur wer die Fehlkonstruktion der Welt wahrnimmt, kann sie verändern.

 Da sind sie, die grundsätzlichen – im doppelten Wortsinn – schöpferischen als auch persönlichen Fragen der Lebensausrichtung, die Walter Lobenstein seinen Protagonisten innerhalb ihres sozialen und wirtschaftlichen Umfeldes stellt: Beruf wie Berufung bilden das Themenzentrum jener Selbst- und Welterkundung wie Kinder und Kunst, wie Gott oder unser Dasein prinzipiell.

In der Kunst ist das Edle an sich ebenso unwirklich wie der Kitsch an sich.

 Oft sind es einzelne Sätze, die sich in den Weg stellen, zum gewinnbringenden Wiederlesen fordern, gar zwingen.
Die Dinge erhalten ihre Werte erst durch ihre Besitzer, sei’s durch das Geld, das sie für den Erwerb aufwenden mussten, sei’s durch ihr Herz, das sie daran hängen. Im Grunde sind die Dinge absolut wertlos. Das gilt auch für Erfolge jeder Art.

 Da sind subjektive Erkenntnisse mit soziologischer Tragweite, voller philosophischer Sentenzen.

Kindsein konnte nur ein Verpuppung vor der eigenen Menschwerdung sein. Aber wie viele Verpuppungen mussten durchgemacht werden? War am Ende auch das Alter nur eine Verpuppung? Zu welchem Zeitpunkt war der Reifungsprozess des Menschen abgeschlossen?

 Walter Lobenstein geistreich und pointiert, sprachlich auf Distanz zu Tagesaktuellem. Der 79-jährige bündelt Erfahrung und Zeitdiagnose ohne Propaganda, vermittelt Moral ohne Predigt und latente Botschaften. Lobensteins Roman-Meditationen gleichen einem Stafettenlauf zum eigenen Ich zwischen den Schauplätzen Paris oder Wien oder seiner Heimatstadt Hannover, zwischen Trost und Glück. Weiterführende, rundum verneigungswürdige Lektüre.

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