Die Stadt ohne Juden von Hugo Bettauer, 1922/2012, Metroverlag1.) - 2.)

Die Stadt ohne Juden.
Roman von Hugo Bettauer (2012, Metro Verlag).
Besprechung von Elena Messner aus literaturhaus.at vom 03.05.2012:

Ein Roman von übermorgen.

Der Wiener Metro-Verlag legte eine Neuauflage des Romans „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer vor, den der 1925 von einem NSDAP-Mitglied erschossene Autor, Journalist und Aktivist 1922 publiziert hatte, und nach dessen enormen Erfolg 1924 der darauf basierende expressionistische gleichnamige österreichische Film gedreht wurde. Aus heutiger Sicht erscheint dieser Roman in mehrfacher Hinsicht absolut unglaublich: einerseits gelang Hugo Bettauer eine erschreckende Satire seiner Gegenwart, der Autor zeichnete damit aber (unbewusst, das ist nach der Lektüre des Buches völlig klar) ein Bild der noch weitaus schrecklicheren nahen Zukunft, des Holocaust.

Dass Bettauer keineswegs vorhatte eine realistische „Zukunftsvision“ niederzuschreiben, dass vielmehr sein Buch auch Zeugnis davon ablegt, dass man sich die kommenden Schrecknisse eben nicht vorstellen konnte, davon zeugt die Form, in der er das für ZeitgenossInnen (damals und heute) hochaktuelle Buch schrieb: nämlich als Unterhaltungsroman, als Satire, mit der er eine humorvolle Antwort auf den Antisemitismus der 1920er-Jahre gab, die er obendrein mit einem Happy End versah. Unterhaltsam war der Roman für seine zeitgenössische Leserschaft mit Sicherheit, nicht zuletzt ist das an dem großen kommerziellen Erfolg (250.000 verkaufte Exemplare, der größte kommerzielle Erfolg des Autors) und der Verfilmung abzulesen. Andererseits war er aber auch damals bereits ein scharfes, kritisches Zeugnis des salonfähigen Antisemitismus und daher heftig umstritten bzw. von rechten Kreisen angegriffen. Dabei ist die Handlung des Romans geradezu märchenhaft simpel gestrickt und entbehrt auch nicht unlogischer Stränge, so die erfolgreiche Intrige der (jüdischen) Hauptfigur und das Happy End, das nicht nur im Rückblick und im Wissen, welche unvorstellbaren Brutalitäten ein Jahrzehnt später vorbereitet werden sollten, als unglaubwürdig gelten muss.

Bettauer konstruiert seine Satire rund um eine Ausgangsfrage: was würde passieren, wenn die jüdische Bevölkerung Wien verlassen müsste? Nichts Gutes: Nachdem in Österreich die Christlichsozialen an die Macht kommen, lässt der Bundeskanzler, Dr. Schwertfeger, ein durchschnittlicher fanatischer Antisemit, ein Judengesetz verabschieden, das alle Juden und Jüdinnen bis zum Jahresende zur Auswanderung zwingt, und das zunächst mit großer Begeisterung aufgenommen wird. Nur wenige sozialdemokratische Politiker versuchen überhaupt, natürlich erfolglos, zu protestieren. Bald nachdem die jüdische Bevölkerung jedoch Österreich verlassen hat, verfällt das Land ökonomisch, da der Handel stark zurückgegangen ist und sich in andere Städte Europas verlagert hat (die, so heißt es, nicht so blöd waren, die Juden rauszuschmeißen). Besonders schmerzhaft erscheint aus heutiger Sicht, dass Berlin als freundliche Stadt mit großer Aufnahmefähigkeit für die Verbannten inszeniert wird. Wiens Kulturszene verarmt, Inflation und Arbeitslosigkeit machen sich breit, Luxus und Mode werden durch Dirndl und Würstl mit Bier ersetzt. Schließlich sorgt eine „interkonfessionelle“ Liebe dafür, dass das Gesetz rückgängig gemacht wird: Leo Strakosch, der zurück zu seiner Geliebten nach Wien möchte, legt die unfähigen (christlichsozialen) Politiker herein, zum Wohle der Stadt, die mittlerweile vollkommen verfallen und verarmt ist, und das Buch endet mit der glücklichen Wiedervereinigung der Liebenden und mit den versöhnlichen Worten des Bürgermeisters von Wien: „Mein lieber Jude!“

Die Figuren des Romans sind so simpel gestrickt wie die Handlung: Da gibt es das „Wiener Mädel“ Lotte, die Tochter eines christlichsozialen Abgeordneten, ihren Geliebten, den gewitzten Juden Leo, dazu antisemitische und nicht selten dem Alkoholismus verfallene christlichsoziale Politiker, die wie Karikaturen so mancher heutiger österreichischer rechtskonservativer Politiker wirken, oder Portraits jüdischer BürgerInnen, die vereinzelt sehr stereotyp gehalten werden, aber gerade in der ersten Hälfte des Buches auch zu den besten Stellen des Romans gehören. Das Buch musste sich teilweise den Vorwurf gefallen lassen, es verfestige rassistische Stereotype (der reiche und geldgierige Jude, der durch seine Schlauheit und Fertigkeit den katholischen Österreicher gefährdet), die jedoch der karikaturalen Figurenkonstruktion des Romans geschuldet sind und zudem andererseits an vielen Stellen wieder hinterfragt und dekonstruiert werden. Als besonders starkes Moment, das die „religiöse Identität“ der Figuren betrifft, ist die Erzählung davon herauszuheben, wie viele Juden nun Wien nach der Verabschiedung des neuen Gesetztes verlassen müssen: in vielen katholischen Durchschnittsfamilien, wie auch bei den christlichsozialen Politikern, findet sich ein vergessener „Konvertierter“. Die durch Bürokraten ermittelte Zahl der Wegziehenden liegt daher sehr weit unter der tatsächlichen. Auch hier kann eine zeitgenössische Leserschaft sich nur mit Grauen an die bürokratischen „Sortierungsmaßnahmen“ des Dritten Reiches erinnern.

Bettauers Roman war als Komödie gedacht, als ironische Kritik des Antisemitismus in Österreich, die einen stark versöhnlichen, also auch (politisch) konstruktiven, nahezu aufklärerischen Charakter besitzt, und mag daher einer zeitgenössischen Leserschaft zunächst zu fröhlich-unterhaltsam vorkommen. Der ideologische Hintergrund, der hier so fröhlich auf die Schippe genommen wird, ist aber ein Antisemitismus, der nicht nur in ultrarechten Kreisen, sondern in einer breiten Bevölkerungsschicht verbreitet war und von konservativen Parteien offen zur Schau getragen wurde. Gerade dies macht der Roman besonders deutlich, und dies wiederum macht ihn auch heute so aktuell. Was der satirisch dargestellte christlichsoziale Bürgermeister predigt, ist keineswegs erfunden. Vielmehr beziehen sich diese Zitate auf reale Reden von Dr. Karl Lueger, „Wiens größten Antisemiten“, nach dem bis vor wenigen Tagen die Wiener Ringstraße im Abschnitt von der Universität bis zum Burgtheater benannt war – braucht es mehr mitgedachte Rufzeichen für eine zeitgenössische Lektüre des Textes? Diese Reden wären in ihrer absurden Primitivität lachhaft, wenn deren Konsequenzen (im Roman wie auch in der Realität) nicht so brutal gewesen wären. Nur ein weitverbreiteter, salonfähiger Antisemitismus und die breite Zustimmung in der Bevölkerung zu rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Haltungen, die freilich nicht nur in Wien blühten, konnte eine Politik ermöglichen, die zum Holocaust führen sollte. Als Zeitzeugnis ist der Text gerade deshalb von unglaublicher Wichtigkeit, weil er die große Bereitschaft zur brutalen Ausgrenzung und Unterdrückung der jüdischen MitbürgerInnen einer sonst eher durchschnittlichen, im Roman auch naiv-dämlichen und keineswegs dämonischen Bevölkerung ausstellt. Dem Metro Verlag kann nur für die Initiative gedankt werden, das Buch neu zu verlegen und ihm eine Rahmung von Jorghi Poll beizufügen, der in seinem Nachwort schreibt: „Mit dem Bewusstsein, was gestern war, und wie es vorgestern dazu hat kommen können, sollten wir an morgen denken.“

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Die Stadt ohne Juden von Hugo Bettauer, 1922/2012, Metroverlag2.)

Die Stadt ohne Juden.
Roman von Hugo Bettauer (2012, Metro Verlag).
Besprechung von Andreas Puff-Trojan in Der Standard, Wien vom 26.5.2012:

Wien, eine arische Voralpenidylle
Hugo Bettauers Roman "Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen" ist neu aufgelegt worden

Die Karriere des Hollywood-Regisseurs Billy Wilder hat man öfters als eine "Wiener Erfolgsgeschichte" verbucht. Dabei vergisst man gern, dass Wilder zwar in Wien aufwuchs, aber 1933 über Berlin zwangsweise in die USA emigrierte.

Als dem 81-Jährigen die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold in Los Angeles überreicht wurde, fragte der Filmemacher, wer denn jetzt Bürgermeister der Donaumetropole sei. Man nannte ihm den Namen Helmut Zilk, und Wilder meinte erleichtert: "Na Hauptsach', der Lueger ist es nicht mehr."

Der charismatische und populistische Bürgermeister von Wien, Karl Lueger, zählt zu den Ideologen des österreichischen Antisemitismus um die Jahrhundertwende. Und die bevorstehende Umbenennung des Dr. -Karl-Lueger-Rings in Universitätsring zeigt, wie aktuell diese historisch höchst unrühmliche Tatsache ist. Wie gesagt, Lueger war Populist, und derart fallen auch seine Argumente aus, mit denen er gegen das Judentum vorging: Die Juden würden sich in Wien nicht nur als Bankiers und Unternehmer hervortun, sondern auch die wichtigen Positionen in der Presse, in der Kunst, ja, auch im Handwerksbereich für sich beanspruchen. Man müsse also die Vorherrschaft des Judentums brechen - um Arbeitsplätze zu schaffen, so Lueger. Genau mit diesem Szenario setzt Hugo Bettauers Roman ein.

Wien im Jahr 1922. Bundekanzler Dr. Karl Schwertfeger fährt im offenen Wagen in Richtung Parlament. Die Straßen sind gesäumt von Passanten, die " Hoch der Befreier Österreichs!" rufen. Jeder weiß, was dieser Tag mit sich bringt: Das Judengesetz wird im Parlament beschlossen. Schwertfeger führt in seiner Reden noch einmal alle Argumente an - und das klingt, als ob Karl Lueger auf dem Rednerpodest stünde: "Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden Stellen in den Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher Industrien? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt im Automobil, wer prasst in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser, wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit Juwelen und Perlen? Der Jude!"

Irrwitzige Romanstrategie

Es geht also darum, ob sich die überwiegende Mehrheit der arischen Bevölkerung von der Minderheit der Juden beherrschen lassen will. Nein!, lautet natürlich die Antwort.

Das Gesetz wird beschlossen. Alle Juden müssen die Stadt alsbald verlassen - und Wien wird somit "Die Stadt ohne Juden", wie Hugo Bettauers Romantitel lautet. Die jüdische Bevölkerung fällt zwar keiner physischen Vernichtung zum Opfer, doch diese Menschen müssen emigrieren und ihren festen Besitz günstig an Arier verkaufen.

Was nun Hugo Bettauer im Folgegeschehen macht, ergibt eine irrwitzige Romanstrategie. Denn er nimmt die Rede des Kanzlers Schwertfeger buchstäblich beim Wort. Wenn die Juden so geschickt, ja, so klug sind, um in der Wirtschaft, im Handel, in Kunst, Kultur und in der Presse die wichtigen Positionen einzunehmen, wenn sie es sind, die ihr Geld in Cafés, Bars, Restaurants und für Schmuck und Mode ausgeben, dann bleibt die Frage, was eben nach ihrem erzwungenen Fortgang passiert.

Wirtschaftskrise

Der Autor führt das Ergebnis des Judengesetzes genüsslich vor: Mit der österreichischen Wirtschaft geht es steil bergab. Die Wiener Theater bleiben leer, und viele müs-sen schließen, das gleiche Schicksal trifft Cafés, Restaurants, elegante Modehäuser, Juweliere und Autohändler.

Und die süßen Wiener Mädeln haben keine jüdischen Kavaliere mehr, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ihre arischen Pendants geben ihr Geld lieber beim Fußball und im Wirtshaus aus.

Die blonde, üppige Juno - ein schon etwas in die Jahre gekommenes Mäderl - weiß, wovon sie spricht: "Zehn Jahre bin ich mit dem Baron Stummerl vom Auswärtigen Amt gegangen, und in diesen zehn Jahren hat er mir ein goldenes Armband, einen Pelzkragen und tausend Gulden geschenkt. Ein Glück, dass ich dabei noch den Herschmann von der Anglobank gehabt habe, sonst hätte ich am Ende noch arbeiten müssen. Seither flieg' ich nur auf die Israeliten!"

Hugo Bettauer verknüpft sein Romangeschehen auch mit einer Liebesgeschichte. Der Hofrat Franz Spineder ist der Typus des gebildeten und an Kunst interessieren "Altösterreichers": Dass seine Tochter Lotte den Juden Leo Strakosch liebt, stört ihn ganz und gar nicht. Er schätzt den jungen Mann, der mit seinen Zeichnungen und Radierungen über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden ist.

Doch das Judengesetz zwingt Strakosch zur Emigration. Die Idylle ist dahin, aber Strakosch ist eben Jude und daher klug und gewieft. Er geht zwar nach Paris, doch kehrt er alsbald nach Wien unter falschem Namen zurück. Und Strakosch wird zum Agitator gegen das Judengesetz. Mitstreiter findet er rasch, und dies bei den liberalen Gewerbetreibenden und Unternehmern, deren Geschäfte unter dem Weggang der Juden leiden.

Doch auch dem einfachen Mann von der Straße dämmert es alsbald, dass die Judenverbannung keine so gute Sache gewesen ist. So kommt es, wie es kommen muss: Mithilfe sozialdemokratischer und liberaler Kräfte wird das Judengesetz zu Fall gebracht. Leo Strakosch bekommt nicht nur seine Lotte, sondern wird zum Helden des Tages. Der neue Bürgermeister von Wien begrüßt ihn mit den Worten: "Mein lieber Jude!"

Arierkleidung

Das versöhnliche Romanende ist rein literarische Fiktion. Der Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer wurde 1925 von einem österreichischen Nazisympathisanten erschossen. Und was in Wien und Österreich nach 1938 geschah, weiß man. Elfriede Jelinek hat darauf verwiesen, dass Bettauer ein Nazi-Klischee näher betrachtet, das seltener in den Fokus gelangt: Es sind die Juden und vor allem die Jüdinnen, die sich schminken, feine Kleider tragen. In Bettauers Roman gehen nach dem Fortgang der Juden alle Wiener in Loden und Lederhose. Das ist des Ariers Kleidung - und Wien verkommt zur Voralpenidylle.

Dass Wien jetzt auch sein eigenes "Oktoberfest" feiert, mag in diesem Licht nachdenklich stimmen. Und vielleicht erscheint die Neuauflage von Bettauers Roman Die Stadt ohne Juden zur rechten Zeit. Antisemitismus und Fremdenhass sind keine Kavaliersdelikte, sind auf keinen Fall duldbar. Allerdings zeigen der feine Witz und die tiefere Ironie in Bettauers Roman auch eines: Antisemiten und Fremdenhasser sind meist schlichte Geistesnaturen, also ausgewachsene Rindviecher.

Als solche sollte man ihnen mit leichtem Spott und guten Argumenten begegnen. Der Jude Leo Strakosch geht diesen Weg und gewinnt die Partie. Auch das sollte zu denken geben. Denn zurzeit lassen sich Politiker und urbane Gutmenschen feiern, weil sie den Karl-Lueger-Ring umbenennen und sich so an einem antisemtischen Geist abarbeiten, dessen Gebeine seit mehr als 100 Jahren in der Gruft ruhen.

Auch das wäre für Bettauer eine Art von Rindviecherei, weil es in Wien viel lebendigere rechtspopulistische Geister gibt, gegen die es sich lohnt, mit Esprit anzukämpfen.

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