Die Stadt heißt Helsinki von Claes Andersson, 2007, Stadtlichter PresseDie Stadt heißt Helsinki.
Gedichte von Claes Andersson (
2007, Stadtlichter Presse - Übertragung Gisela Kosubek, Nachwort von Tua Forsström).
Besprechung von
Lutz Volke für die RezensionenWelt, April 2008:

Berserker und Multitalent

Vor ein paar Jahrzehnten noch musste ein Finne kein Wort Finnisch sprechen, wenn er der schwedischsprachigen Minderheit angehörte (6 Prozent der Bevölkerung). Man war nicht unbedingt darauf angewiesen. Schwedisch ist die zweite Amtssprache, es gibt in den Städten doppelsprachige Straßenschilder, eigene Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen haben schwedischsprachige Abteilungen, sogar ein eigenes Hörspielressort. Heute ist aber auch in schwedischsprachigen Grundschulen Finnisch ein obligatorisches Fach. Allerdings war es immer schon praktischer, wenn man beide Sprachen beherrschte, am Arbeitsplatz beispielsweise.

Für jemanden wie Claes Andersson war es unumgänglich. Der 1937 geborene, in schwedischsprachiger Umgebung aufgewachsene Andersson hätte sonst nie die Bedeutung in Finnland erlangen können, die er heute für die nordische Nation hat. In erster Linie ist er als Schriftsteller bekannt, vor allem Lyriker. Über zwanzig Gedichtbände hat er vorgelegt, ebenso viele Schau- und Hörspiele sowie mehrere Prosaarbeiten. Er gehört aber auch zur politischen Prominenz. Viele Jahre hindurch war er Mitglied des Reichstages und ist es nach kurzer Unterbrechung jetzt wieder, war Vorsitzender der Linksunion (Vänsterförbundet), in den neunziger Jahren Kulturminister und sogar der Präsidentschaftskandidat seiner Partei. Außerdem ist er ausgebildeter Psychiater und hat an Kliniken praktiziert. Müßig, nach einem Hobby zu fragen? Auch dafür hat er noch Zeit. Andersson ist ein bekannter Pianist, vor allem Jazzpianist, der einige Platten eingespielt hat. Ein Berserker, ein Multitalent.

Tanzt er nicht auf zu vielen Hochzeiten? Hier sollen nur seine Gedichte beurteilt werden, die in Auswahl zu seinem siebzigsten Geburtstag in durchgehend zweisprachiger Fassung (schwedisch-deutsch) in der Stadtlichter Presse, einem kleinen, feinen Verlag gerade für Literaturen am Rande des Mainstreams, erschienen sind. Und die Gedichte halten der Prüfung stand, sie sind von den Anfängen (1962) bis heute von hoher Qualität. Eine finnische Literaturgeschichte stellte ihn 1968 bereits als bemerkenswertes Talent heraus. In Bezugnahme auf die Gedichtsammlungen Staden heter Helsingfors (Die Stadt heißt Helsinki) und Samhället vi dör i (Die Gesellschaft, in der wir sterben) hebt der Verfasser hervor, dass der Arzt Andersson „u.a. mit intelligenter Gesellschaftskritik aufwartet, akzentuiert durch medizinische, statistisch untermauerte Details“. Dabei ist es bis zu den letzten hier aufgenommenen Gedichten von 2005 geblieben. Natürlich gibt es Verschiebungen in Akzent und Qualität. Ist in der ersten Gedichtsammlung, die den bezeichnenden Titel Ventil trägt, von der „Pyramide unmerklich vibrierender Messer“ die Rede, die „eingebaut im Menschen“ ist (hier spricht der Psychiater), so endet das letzte in den vorliegenden Band aufgenommene Gedicht aus dem Jahr 2005 mit dem Wort „Liebe“. Andersson schont niemanden und nichts, wenn er die Gebrechen benennt, an denen der einzelne Mensch oder die Menschheit leidet. Als Psychiater hat er tief in seelische Abgründe geschaut, als linker Politiker verzweifelt er manchmal an den politischen Verbrechen, wie in der Bosnischen Suite von 1991 („Was tun wir mit uns? Särge, gefüllt mit Köpfen, / Gliedern, Eingeweiden. [...] Ich / stürze mich in manisches Klavierspielen, Chopin, Schubert, Monk.“) Manches fängt er mit Ironie auf („Krankheit ist das Gewissen des Körpers / Was wären wir ohne unsere Krankheiten“), auch mit Selbstironie, bis hin zur Satire („Manche Menschen lächeln die ganze Zeit hindurch, sie haben / einen kaputten Reißverschluss im Mund. […] Greift man sie an, bekommt man ein mörderisches Lächeln zur Antwort…/ Der Film Der weiße Hai schlug alle dagewesenen Publikumsrekorde“), nie aber wird er zynisch, eher ist es ein Mitleiden („Wenn ein Mensch zerbricht / verlassen ihn die Gedanken gleich frierenden Spatzen“). Die Signale aus der psychiatrischen und aus der gesellschaftlichen Praxis fügen sich in seinen letzten Gedichten zu einer humanistischen Botschaft: „Wir werden Menschen, wenn jemand uns berührt […) Erst wenn uns jemand berührt, werden wir wirklich.“

In einem in diesen Band aufgenommenen Essay der finnlandschwedischen Dichterkollegin Tua Forsström heißt es: „Er nennt das Gedicht eine Arbeit der sprachlichen Grundlagenforschung, eine Methode, die Welt sichtbar zu machen, auch für sich selbst.“

Anderssons Gedichte sind existentiell. Es wird Zeit, dass er mit seinem in Skandinavien hoch angesehenen und vielfach ausgezeichneten Werk für den deutschen Leser sichtbar wird. Nachdem 1983 in der Reihe Poesiealbum im Verlag Neues Leben, Berlin, ein Bändchen mit seinen Gedichten unter der Nummer 194 erschienen ist, hat man hierzulande praktisch nichts mehr von ihm gehört. Damals besorgte Gisela Kosubek die Auswahl, und auch für diese zeichnet sie wieder verantwortlich. „Die Stadt heißt Helsinki“ gibt einen schlüssigen Überblick über das poetische Schaffen eines großen Dichters aus dem Norden. Besonders erfreulich ist, dass der Leser jede Zeile mit dem sprachlichen Original vergleichen kann. Das hilft über Ungeschicktheiten in Übertragungen hinweg. Es sind mehrere Übersetzer beteiligt, die meisten Übertragungen sind von der Herausgeberin, und die sind wahrscheinlich aufgrund langer, gründlicher Beschäftigung mit dem Dichter auch die besten.

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Leseprobe I Buchbestellung 0408 LYRIKwelt © Lutz Volke