Die Stadt der wilden Götter von Isabel Allende, 2002, Hanser/Suhrkamp1.) - 2.)

Die Stadt der wilden Götter.
Jugendbuch von Isabel Allende (2002, Hanser und Suhrkamp - Übertragung Svenja Becker).
Besprechung von Natalie Schwebel aus dem Münchner Merkur, 19.8.2002:

Reise ins El Dorado
Allendes "Die Stadt der wilden Götter"

Alex nimmt mit seiner Großmutter, einer trockenen Reporterin, an einer Expedition ins Amazonasgebiet teil. Der 15-Jährige wird aus seinem kalifornischen Leben - erschüttert durch die Krebserkrankung der Mutter - in eine Welt verfrachtet, in der alles anders ist, der Komfort fehlt, Herausforderungen an der Tagesordnung sind.

Mit im Boot auf der Suche nach einem Yeti-haften Ungeheuer im Urwald sind ein narzisstischer Anthropologe, eine Ärztin, Indios, Militärs, ein suspekter reicher Geschäftsmann und ein junges Mädchen: Nadia, die im Dschungel groß geworden ist.
"Die Stadt der wilden Götter" erscheint jetzt bei Suhrkamp und zeitgleich bei Hanser, dort als Jugendbuch. Isabel Allende gestaltet in diesem spannungsgeladenen Abenteuerroman plastische Charaktere, farbsatte tropische Flora und Fauna und steigt ein in die Kultur der bedrohten Indianer. Glaubwürdig zeigte sie, wie sich Alex, das Stadt-Kind, überfordert fühlt. Und doch: Manchmal wird es kitschig, wenn Allende zu tief in die Mythenkiste greift, Indianer zu den besseren Menschen erklärt und das El Dorado, in dem die skurrilen Wesen leben, als verlorenes Paradies ausschmückt.

Die zwei Jugendlichen gehen in klassischer Dramaturgie auf die "Reise des Helden". Allende stattet sie mit Fähigkeiten aus, die ihnen das Überleben ermöglichen: Alex ist ein wacher, gebildeter Junge, kann bergsteigen und spielt Flöte. Nadia hat Kontakt zu einem Schamanen und so Zugang zur Spiritualität der Indianer. Beide müssen persönliche Ängste überwinden und spezielle, lebensgefährliche Aufgaben erfüllen.

Das Buch oszilliert zwischen Magischem Realismus und Science Fiction, und ist auch ein nach perfekter Drehbuchmanier gewerkter Bildungsroman: Alex findet sein Totemtier, erlebt einen Initiationsritus, steigt hinab, sozusagen ins "Unterbewusste", und wird - nach Verlust des Alten und Gewinn eines Neuen - "erwachsen".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0902 LYRIKwelt © Münchner Merkur

***

Die Stadt der wilden Götter von Isabel Allende, 2002, Hanser/Suhrkamp2.)

Die Stadt der wilden Götter.
Roman von Isabel Allende (2002, Hanser und Suhrkamp - Übertragung Svenja Becker).
Besprechung von Kurt Tetzeli in der NRZ, 18.11.2002:

Mythen, Märchen und Macheten
Isabel Allende kehrt mit ihrem neuen Roman "Die Stadt der wilden Götter" zu ihren Anfängen zurück.

Man nehme einen Jungen in der Pubertät, eine Zeit, in der die Welt verstörend erfahren wird und als (alb)traumhaftes Zwischenreich erscheint; reiße ihn aus seiner gewohnten Umgebung und schicke ihn auf eine Reise, umgeben von Helferinnen und Verhinderern: eine Initiations- oder Bildungsgeschichte ist das Resultat.Man nehme ein globales, zumindest westliches, gesellschaftliches oder kulturelles Problem, am besten eines, das in scharfen Gegensätzen in den meisten Köpfen präsent ist, wobei sich die Gegensätze von Arm und Reich oder Natur und Kultur geradezu aufdrängen. Man lokalisiere dieses Problem am Rande der Zivilisation, im Urwald etwa. Der Gegensatz wird wie von selbst moralisch und ideologisch aufgeladen und Wert wird dem Natürlichen, Ursprünglichen zugewiesen. Das Resultat: eine Utopie im Rückspiegel, Zivilisationskritik.Man nehme, was Mythos und Märchen an zaubrischem Inventar seit Jahrtausenden zur Verfügung stellen, Götter und Ungeheuer, Zauberinstrumente und -tränke, Idyllen und Unterweltsorte, Fabelwesen und Entrückungen aller Art, Träume, Visionen, Epiphanien. Man nehme schließlich eine Stimme, eine allwissende Erzählerfigur, die alle Register ziehen kann, die phantasiert und belehrt, informiert und poetisiert. Wer all dies literarisch zusammen zu bringen vermag, hält ein sicheres Erfolgsrezept in den Händen. Der Erfolg dürfte Isabel Allendes letztem Roman darum gewiss sein. Sie kehrt mit ihm zu ihren erzählerischen Anfängen zurück. Ein Jugendbuch ist er, entstanden, wie so manches große Werk dieses Genres, aus Geschichten, die Allende ihren Enkeln erzählte.

Der Mix der Gegensätze

Der älteste von ihnen, der 15-jährige Alejandro/Alexander, wird in die faszinierend-schrecklichen Wunder Amazoniens geführt, in eine Welt der brutalen Ausbeutung von Mensch und Natur durch kapitalistische Weiße, in das mystisch-magische Naturreich von Indianern und alten Göttern.

Der Gefahr, dies in kruden Gegensätzen und konservativen Klischees zu schildern, entgeht Allende nicht gänzlich. Aussagen und Vorstellungen wie, dass Frauen Natur "sind"; dass Indianer mit der Natur eins sind und in kommunistischer Gemeinschaft leben oder dass die westliche Wissenschaft in Form der Anthropologie lügnerisch und lächerlich ist, werden auch einem sehr geneigten Publikum unangenehm aufstoßen.

Glücklicherweise sind solche Aussagen selten. Der Bann, den die Geschichte zu erzeugen vermag, entsteht vielmehr aus der geschickten Mischung von Gegensätzlichem, Widersprüchlichem - aus Göttern zum Beispiel, die zugleich Bestien sind, die sowohl das Gedächtnis der Welt bewahren und bestialisch töten können, die heilig sind und betäubend stinken. Oder aus den Momenten, wo den Figuren, die zunächst überstark einem Klischee zu entsprechen scheinen, ein überraschender Augenblick gegönnt wird.

Den Wunsch, den Erzählungen der Oma zu lauschen, wird Allende auch weiterhin erfüllen: Die Fortsetzung der Geschichte liegt bereits in der Schublade, ein weiterer Teil ist konzipiert. In ihnen wird das Erfolgsrezept der Mischung von Sicht- und Darstellungsweisen, von Phantastik und Realismus sicher wiederverwendet. Und nicht nur jugendliche Leser und Leserinnen werden damit spannend, kritisch und phantasievoll unterhalten werden. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1102 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung