Diesseits und jenseits der Grenze. Peter Weiss – Manfred Haiduk. Der Briefwechsel 1965-1982, Röhrig, 2010Diesseits und jenseits der Grenze.
Der Briefwechsel von Peter Weiss und Manfred Haiduk (
2010, Röhrig Universitätsverlag, hrsg. von Rainer Gerlach und Jürgen Schutte, mit einem Geleitwort von Gunilla Palmstierna-Weiss).
Besprechung von
Lutz Volke für die RezensionenWelt, 2013:

Briefwechsel Peter Weiss - Manfred Haiduk.

Das Umschlagbild ist bezeichnend: Es zeigt den in Schweden ansässigen deutschsprachigen Schriftsteller Peter Weiss und dessen Frau Gunilla Palmstierna-Weiss beim Empfang auf dem Rostocker Bahnhof durch den Intendanten des Volkstheaters Rostock Hanns Anselm Perten, in der Reihe dahinter Manfred Haiduk, in den sechziger Jahren Dozent für Germanistik an der dortigen Universität. Haiduk war ein Mann, der hinter vielem stand, was mit Peter Weiss und dessen Rezeption in der DDR, mit Inszenierungen, Buchveröffentlichungen und wissenschaftlicher Aufarbeitung zusammenhing. Die Rückwirkungen auf den Schriftsteller sind in vielen Selbstzeugnissen spürbar. Haiduk war fachlicher Berater und Biograph, er war Kenner der Werkgeschichte und ein verlässlicher Freund.

Alles begann mit dem Welterfolg von Weiss, dem Theaterstück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Das Stück war 1964 am (West-) Berliner Schillertheater uraufgeführt worden, trat von hier aus seinen Siegeszug an und erreichte auch den Rostocker Theatermann Perten. Der war angetan von dem totalen Bühnenspektakel, sich aber unsicher, denn andere Theaterleute in der DDR hatten das Stück als fatalistisch und sogar konterrevolutionär zurückgewiesen. Und hier nun kommt Haiduk ins Spiel. Von Perten um ein Gutachten gebeten, setzte der sich nachdrücklich für eine Inszenierung ein, denn er hatte erkannt, dass das Stück im Kern keinesfalls einer marxistischen Interpretation widersprach. Also kam dann 1965 eine Aufführung zustande, die gleichzeitig eine Eintrittskarte für Peter Weiss in die DDR und deren Kultur- und Literaturbetrieb war.

Allein diese Tatsache ist ein bleibendes Verdienst. Sie bedeutet jedoch viel mehr, sollte sich doch die Zusammenarbeit von Schriftsteller und Wissenschaftler von diesem Zeitpunkt an immer mehr verstärken und bis zum Tod von Peter Weiss im Jahr 1982 zu fruchtbringenden Ergebnissen führen, die z.B. in der nach vielen Querelen mit der Parteibürokratie endlich durchgesetzten Herausgabe des dreibändigen Romans „Die Ästhetik des Widerstands“ in der DDR mündete, an der Haiduk, auch Verfasser des Nachworts, einen wesentlichen Anteil hatte.

Nun ist vom Röhrig Universitätsverlag diese Zusammenarbeit über geografische und ideologische Grenzen hinaus mit dem Briefwechsel zwischen Weiss und Haiduk dokumentiert worden. Er rundet ein biografisches Bild ab, das wir jüngst schon durch den Briefwechsel zwischen Peter Weiss und dem Suhrkamp Verleger Siegfried Unseld erfahren haben (Herausgeber: Rainer Gerlach) bzw. den Briefbänden über die Korrespondenz des jungen Schriftstellers mit Hermann Hesse (Hrsg. von Beat Mazenauer und Volker Michels) und die mit den Jugendfreunden Hermann Levin Goldschmidt und Robert Jungk (Hrsg. von Beat Mazenauer).  Der Briefwechsel mit Haiduk aber ist etwas Besonderes, zeigt er doch wie keiner der anderen auf, wie sich Peter Weiss’ Weg vom nonkonformistischen Schriftsteller zum – wie er es selbst nennt –„rationalen Marxisten“ vollzogen hat. Dafür hat man in westlichen Presseorganen u.a. Manfred Haiduk die „Schuld“ gegeben, verkündet, in Rostock habe der einst gefeierte Autor „sein Damaskus“ erfahren. Die „Westjournaille“, wie sie Haiduk konsequent nennt – hier merkt man, dass wir mitten im Kalten Krieg sind – kippte in der Tat „Kübel von Schmutz“ (Brief von 3.11.65) über Weiss aus, verstärkt noch nach dem Dokumentarstück „Die Ermittlung“ über den Auschwitzprozess und die agitatorischen Stücke über Kriege in Afrika und Vietnam und schließlich sein offenes Bekenntnis zum Sozialismus. Das zog sich über all die Jahre, so dass Haiduk noch in seinem letzten Brief an den Autor vom April 1982 (im Mai verstarb Weiss) zusammenfassend erläutert: „Übrigens habe ich immer (…) behauptet, daß Rostock für Dich nicht schlechthin ein Damaskus gewesen ist, so wichtig sicher Eindrücke der Rostocker Inszenierungen gewesen sind. Ich bin immer davon ausgegangen, daß Mitte der sechziger Jahre für Dich eine Entwicklung einsetzte, die sich, wie aus dem Werk, aus den Tagbüchern usw. zu erschließen ist, seit Jahren vorbereitet hat.“ Weiss hat in mehreren Interviews hervorgehoben, dass die einzelnen Etappen des Weges, die sein namenloser Ich-Erzähler in der „Ästhetik des Widerstands“ vom Betrachter zum Gesellschaftsanalytiker zurücklegt, zwar nicht mit seinem eigenen Leben identisch sind, aber schon viel früher, seit Beginn der Emigration, die er als Jude vollziehen musste, im übertragenen Sinne in ihm angelegt waren. Gewiss hat Haiduk Peter Weiss nicht zum Marxisten „erzogen“, aber er hat ihn auf seinem Weg dorthin bestärkt. Schwierig wurde es immer dann, wenn Weiss sich eine von den dogmatischen Festlegungen in der DDR oder in der Sowjetunion abweichende Meinung erlaubte. Dann war auch Haiduk in der Bredouille. So als Weiss sein Stück „Trotzki im Exil“ veröffentlichte, als er gegen die Ausweisung von Wolf Biermann protestierte oder als er in der „Ästhetik“ die sanktionierte Geschichtsschreibung in den sozialistischen Staaten anzweifelte. Wie sag ich’s meinem Kinde? Geben die Briefe, die Manfred Haiduk an Peter Weiss aus diesen Anlässen schrieb, immer seine wahre Meinung vollständig wieder? Er musste ja davon ausgehen, dass die Post mitgelesen wurde (in der Stasiakte des Verfassers dieser Zeilen ist das Konvolut der kopierten Briefe das umfangreichste). Auch deshalb ist wohl an mehreren Stellen zu lesen, dass man „gewisse komplexe Dinge mündlich besser besprechen“ könne. Weiss zeigte Verständnis, wenn Haiduk ideologische Kritik an ihm übte, bezeichnete sie als „allzu sehr zeitbedingt und gewissen offiziellen Anschauungen unterworfen, zu denen du dich, dessen bin ich gewiss, einmal anders verhalten wirst“. Dieses Zitat ist einem Brief vom August 1970 entnommen, in dem der Schriftsteller auf die Monografie „Der Dramatiker Peter Weiss“ von Manfred Haiduk reagiert. Er schreibt: „Eine grossartige Arbeit, vollendet als Analyse, ich kann mir nicht denken, dass je was bessres über meine Versuche geschrieben werden kann.“ Nach dem Trotzki-Eklat (das Mitglied der Akademie der Künste der DDR erhielt sogar ein Einreiseverbot) wurde das Ende 1969 druckfertige Buch allerdings nicht ausgeliefert. Erst Jahre später durfte es in der DDR erscheinen. Eine erweiterte Fassung enthält zusätzlich Bemerkungen zum Trotzki-Stück. Haiduk im Juni 1976: „Du kannst Dir denken, daß mir der Trotzki-Teil viel Mühe gemacht hat. Er bleibt unbefriedigend.“

Allein diesen zwei Sätzen ist zu entnehmen, welchen Belastungen das Verhältnis auch ausgesetzt sein konnte. Gunilla Palmstierna-Weiss schreibt in ihrem Geleitwort: „Natürlich gab es auch schwierige Phasen in dieser Freundschaft, dass sie nicht zerbrach, ist bewundernswert. Andererseits haben beide auch viel dafür getan.“

Der Briefband enthält einige Aufsätze von Manfred Haiduk, von denen besonders die zur „Ästhetik des Widerstands“ interessant sind. Dokumentieren sie doch, wie eng die Zusammenarbeit gerade bei diesem Werk war und welche Hürden es vor der Veröffentlichung in der DDR zu nehmen galt.

Der letzte Satz dieser fundierten, mit Register, Werkverzeichnis Haiduk und ausführlichen Fußnoten versehenen Edition der Herausgeber Rainer Gerlach und Jürgen Schutte stimmt allerdings nachdenklich und sollte als Gesprächsangebot verstanden werden. Er lautet: „Wir bedauern, dass das für diese Ausgabe geschriebene Nachwort wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten zwischen den Herausgebern und Manfred Haiduk nicht in dieser Ausgabe abgedruckt werden konnte.“ Liest man in den beigefügten Aufsätzen Haiduks, bekommt man einen Eindruck davon, welchen Kränkungen und Ehrabschneidungen Wissenschaftler von DDR-Universitäten – und durchaus nicht nur sogenannte Gesellschaftswissenschaftler ­­­– in den beiden letzten Jahrzehnten ausgesetzt waren, eine Erklärung vielleicht für leichte Verletzbarkeit. Insofern erhält der Titel des Bandes „Diesseits und jenseits der Grenze“ unwillkürlich einen ironischen Unterton. Der Briefschreiber (Ost) und die Herausgeber (West), beide Seiten in tiefer Sympathie zu einer großen literarischen Persönlichkeit vereint, konnten zusammen nicht kommen. Der Graben ist immer noch tief.

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