Diesseits des Van-Allen-Gürtels von Wolfgang Herrndorf, 2007, Eichborn1.) - 2.)

Diesseits des Van-Allen-Gürtels.
Erzählungen von Wolfgang Herrndorf (2007, Eichborn).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 22.3.2007:

Das digitale Prekariat
Wolfgang Herrndorf berichtet in seinen Erzählungen von der Berliner Boheme - und findet dabei den Ton einer Gegenwart, die sich mit sich selbst aufs Schönste langweilt.

Das Debüt war spektakulär. Leider haben es nur wenige bemerkt. In Plüschgewittern (2002 bei Zweitausendeins erschienen und heute noch lieferbar), das erste Buch des gelernten Malers Wolfgang Herrndorf, ist ein Roman aus der Mitte Berlins und dem Zentrum einer verlorenen Generation. Herrndorf hat an der Kunsthochschule Nürnberg studiert, danach einige Zeit für die Titanic gezeichnet, auch Buchumschläge für den Haffmans Verlag entwickelt und dann angefangen zu schreiben.

Sein Held, ein Endzwanziger, bewegt sich im Stillstand, aber mit zunehmender Beschleunigung. Wie in den besten Geschichten Judith Hermanns, etwa der Titelgeschichte von Sommerhaus, später, trifft auch Wolfgang Herrndorf, wenn nicht den Geist der Zeit, dann doch das Bewusstsein seiner Generation. Vor allem die Dialoge seiner Figuren transportieren, wie nebenher, eine besondere Stimmung, das spezifische Lebensgefühl seiner Altersgenossen.

Bei ihm treffen wir nicht die jungen Anwälte und Unternehmensberater, die ihr Leben als Karriere planen und den großen Kanzleien für ordentliches Geld ihre ganze Jugend verkaufen, die fünf Tage in der Woche 14 Stunden und am Wochenende nur noch sieben arbeiten. Wir begegnen jenen Typen, die keine Arbeit haben, aber immer auf der Suche sind. Nach abgeschlossenem Studium und zusätzlichen Qualifikationen hoffen sie auf ein Volontariat. Die Zwischenzeit wollen sie mit einem Praktikum überbrücken, um dann weiter zu warten, aufs nächste schlecht bezahlte Praktikum. Sie werden älter, aber es wird nichts aus ihnen. Ihre soziale Position ist die Schwelle. Immer einen Joint zur Hand, immer Bier im Auto. Keine Aussichten, nirgendwo. Ihre Grundeinstellung zum Leben ist, notgedrungen, kontemplativ. Sie hängen durch, weil man sie hängen lässt. Doch sie haben trotzdem ihren Spaß und zum Teil sogar gute Einfälle.

Herrndorf gehört zu einem Kreis von Leuten, die sich ernsthaft spielerisch Z.I.A. nennen, Zentrale Intelligenz Agentur, im Internet eine »Riesenmaschine« betreiben, viel Wind, auch im Leerlauf, machen, aber nicht wirklich erklären können, worin ihre Tätigkeit eigentlich besteht und wovon sie leben. 

»Zentrale Intelligenz Agentur - Analyse und Design kultureller Phänomene. Wir sind da, wo der Zement konkret wird, wo sich Milhouse und Luhmann guten Tag sagen.« Herrndorfs Heldin, eine junge Frau namens Heidi, hält »das« für »erkennbar sinnlos, aber letztlich auch nicht sinnloser als alles andere, was man in den letzten Jahren so gesehen hatte«. Wolfgang Herrndorf selbst wird von der ZIA als IM, das heißt Informeller Mitarbeiter geführt. Er besteht aber darauf, dass sich seine Mitarbeit auf diesen Eintrag beschränkt. Und er sagt auch, er lebe vom Schreiben. Mag sein. Sicher beschreibt er sein Leben. Man spürt, beim Lesen, wie hinter dem coolen Ton noch etwas von der Angst nachzittert, der sich die Tonlage verdankt.

Eine Flasche Martini und ein paar zerbrochene Träume

Die neuen Erzählungen, deutlich breiter als der Roman angelegt, spielen in unterschiedlichen sozialen Milieus, verschiedenen Gegenden und zu unterschiedlichen Zeiten, aber am Ende doch stets mitten in unserer Gegenwart. Die letzte Geschichte des Bandes, Zentrale Intelligenz Agentur, beschreibt die Gründungsveranstaltung dieser Vereinigung, buchstäblich einen Fest−Akt. In einem vergammelten Schloss der Mark Brandenburg, irgendwo hinter Wettin, mitten in einem menschenleeren Dorf, trifft sich eine Szene, die jeder kennt, der sich im Literaturbetrieb auch nur etwas herumtreibt. Die Geschichte scheint sehr simpel gestrickt, als Satire auf unseren Medienzirkus. Als »Deko« gedacht, war die »aktuelle Stanze« vom Literaturinstitut in Leipzig, das heißt ein ganzer Jahrgang langhaariger, schreibender Mädchen eingeladen, dazu hatten sich viele der Figuren eingefunden, die sich zwischen Open Mike und Klagenfurt tummeln. Darunter Joachim Lottmann, der Schriftsteller, einer der »notorischen Querulanten, Berlin−Mitte−Leute«, die eigentlich ausgesperrt werden sollten. Was hier scheinbar eins zu eins berichtet wird, immer dicht an der Oberfläche solcher Unternehmungen entlang, erweist sich aber, bei näherem Blick, als treffende Beschreibung eines Kulturbetriebs, der genau nach diesem Muster gestrickt ist.

Einige von Herrndorfs Geschichten zeigen auch eine sichtbare Nähe zu Ingo Schulze, der in seinen neuen Erzählungen, ebenfalls bewusst kunstlos, beansprucht, wirklich die Wirklichkeit zu beschreiben. Wie Schulze knüpft auch Herrndorf ein dünnes Netz, in dem seine Figuren Halt finden. Es hat etwas Zufälliges, wie sie durch das Geschehen wandern. Der Held der einen wird zur Randfigur einer anderen Geschichte. Franco, ein Kunststudent, der aus dem Weg des Soldaten auch deshalb in Erinnerung bleibt, weil er für das Röntgenbild eines verschluckten Zinnsoldaten (»Das Militär auf dem Weg zum Arsch«) einen Kunstpreis gewonnen hat, tritt später noch einmal auf. Er tanzt mit Christine, der Gastgeberin eines Festes, zu dem ihr Freund nicht kommt, weil er, wie wir aus der Titelgeschichte erfahren, auf dem Balkon einer gerade frei gewordenen Nachbarwohnung versackt ist. Mit einer Flasche Martini, die er für das Fest gekauft hatte, und einer halben Flasche Sherry, die er aus seiner Wohnung nachholt, um auch den Sherry noch gemeinsam mit einem dreizehnjährigen Jungen auszutrinken. Die beiden Figuren, der Mann und der Junge, trinken, rauchen, reden, und der Ältere zerstört dem Jüngeren bewusst alle Hoffnungen, einmal Kosmonaut zu werden. Er behauptet, mit Hinweis auf den Van−Allen−Gürtel, eine Zone hoch radioaktiver Strahlung, dass bemannte Raumfahrt unmöglich und auch die Mondlandung nur eine Hollywood−Inszenierung gewesen sei. Hin und wieder versucht er, vergeblich, seine Freundin telefonisch zu erreichen. Auf seinem Anrufbeantworter wiederum fragt sie verzweifelt, wo er denn bleibe. Das Ergebnis ist für alle Beteiligten trostlos. Die Art, wie es beschrieben wird, unsentimental, pointiert, mit treffenden Dialogen, dagegen faszinierend. Herrndorf zeigt sich hier als nüchterner Romantiker. Er kennt sich aus in der Kunstgeschichte. Es finden sich viele direkte und mehr noch versteckte Verweise. Am Ende dieser Erzählung, als wäre es in einem Bild von Caspar David Friedrich, wirft der Mond sein fahles Licht über die trübe Szene. Die Tragödie ist zu Ende, das alltägliche Drama geht weiter. Es wird erträglich durch die Komik, die Herrndorf auch solchen Situationen noch abgewinnt.

Der Autor verfolgt erkennbar keine Absichten. Er hat keine Botschaft zu verkünden. In der Geschichte Im Oderbruch kommt der Held mit seinem Kanu auf dem Rücken durch den Wald gestiefelt, zurück zum Parkplatz. Dort steht kein einziges Auto mehr. »Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, daß mein Auto auch verschwunden war.« Nach kurzer Überlegung versteckt er sein Kanu und macht sich dann, zu Fuß, auf den Weg. Nach einer Weile sieht er einen schwachen Lichtschein, ein winziges Haus. Er klingelt, mehrmals.

Irgendwie einsam, irgendwie verloren, irgendwie zu zweit

»"Verschwinde", sagte jemand durch die Tür. :Hau ab.9  :Mir ist mein Auto gestohlen worden. Ich möchte nur telefonieren.9« Ein komischer Dialog entspinnt sich, bis endlich das Mädchen, vielleicht 18 Jahre alt, die Tür öffnet. Der Mann ruft bei der Polizei an, die ihn vertröstet. Mann und Mädchen reden. (»Kennst du Anna Karenina?« - »Auch hier aus der Gegend?«, fragt er zurück.) Sie trinken. Sie spielen Tischtennis, bis
schließlich ein bulliger Typ klingelt und sehr schroff nach »der Kleinen« fragt. Noch immer keine Polizei in
Sicht. Als der »Riese« im Tischtennis−Keller nach dem Mädchen sucht, macht sich der Held aus dem Staub. Das ist es. Eine solche Handlung lässt sich schnell vergessen. Dem Autor kommt nicht darauf an, was er erzählt, sondern wie er es erzählt.

Diese beiden jungen Menschen, irgendwie einsam, irgendwo verloren, treffen zufällig und, wie hier, auch nur kurz aufeinander. Sie reden aneinander vorbei, trinken miteinander, spielen, wie hier, zusammen Tischtennis, und driften dann, folgenlos für beide, wieder auseinander. Beide haben, als Ahnung stößt es auf, irgendwie Angst, sind elementar verunsichert. Aber nichts passiert. Und doch wird die Geschichte mit jedem Satz rätselhafter. Auch, weil nichts passiert. Es gibt kein verborgenes Geheimnis. Nur trübe Aussichten und eine gute Stimmung. Fazit: ein dolles Buch.

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Diesseits des Van-Allen-Gürtels von Wolfgang Herrndorf, 2007, Eichborn2.)

Diesseits des Van-Allen-Gürtels.
Erzählungen von Wolfgang Herrndorf (2007, Eichborn).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 04.05.2007:

Halbstabile Seitenlage

Weil das Verhältnis von Männern zu Frauen grundsätzlich gestört ist in diesen Texten und weil seltsame Menschen sich nun einmal auch seltsam benehmen, hockt Georg Bitsch mit einem 13-Jährigen auf dem Balkon der geräumten Nachbarwohnung und redet ihm seine Illusionen weg. Dabei rauchen sie und trinken Martini. Der Junge macht alle Initiationsriten auf einmal durch. Der Mann fasst das bündig zusammen: "Dann fürchte dich schon mal vor der Zukunft." Sie reden über die TV-Bilder von Kannibalen mitten in Deutschland und dann über den Berufswunsch des Jungen. Kosmonaut will er werden, weil das Kind noch an verlässliche Aussagen von der Welt glaubt. Da erzählt der Mann vom Van-Allen-Gürtel 6000 Kilometer über der Erde, durch den keiner lebend kommt. Die ganze Mondlandung damals sei in Hollywood-Studios fingiert worden. Er erzählt so gut, dass dem Jungen fortan keine Illusionen bleiben.

Auch Wolfgang Herrndorf erzählt gut. Deswegen hat er für diese großartige Geschichte 2004 in Klagenfurt den Publikumspreis bekommen, und hinterher überschlug sich das Kritikerlob. Deshalb hat er seine Neigungen vom Malen zum Schreiben verschoben. Deshalb lesen wir fasziniert diese sechs miteinander verwobenen Geschichten über Begegnungen, die sich allmählich verselbstständigen. Deshalb führt die "Zentrale Intelligenz Agentur" ihn als inoffiziellen Mitarbeiter.

Die "Zentrale Intelligenz Agentur" (ZIG) gibt es wirklich. Sie ist als medialer Brainpool ein Virus im Herzen der Boheme von Berlin-Mitte. Sie lebt von schwer zu beschreibenden Projekten. Man kann sie im Netz besuchen. Im wirklichen Leben trifft man sie besser nicht. Ihr ironisches Tun kann man nicht wirklich erklären, adäquate Berufsbezeichnungen gibt es nicht mehr im Geschlinge von Text, HTML-Grafik und Geldverdienen. 2001 war ihr Gründungskongress im anhaltischen Schloss Beesenstedt und es ging drunter und drüber, wie sich das gehört für so ein Forum in halbstabiler Seitenlage. Und weil keiner sein Tun wirklich erklären kann, wird sprunghaft aneinander vorbeigeredet. Es ist fast wie im wirklichen Leben: "Ein großer unklarer Schatten liegt über allem."

Wolfgang Herrndorf ist ein begnadeter Beobachter, ein Lakoniker, der seine Sozial-Analphabeten durch die Welt trudeln und trödeln lässt. Dort verlieren sie ihre Sachen und den Anschluss. Dort erfahren sie, dass im Leben nur etwa drei Prozent wirklich wichtig sind. Alle haben Ausdrucksschwierigkeiten in den Biotopen der Partygesellschaft. Das gibt diesen verstörenden, irre unterhaltsamen Texten ihre Tragikomik. Herrndorf malt den beschleunigten Stillstand nicht nur ab, wie wir das eine ganze Popliteratur hindurch hatten. Wie mit leichter Hand, doch bis ins Detail komponiert, neigt er das zum Absurden hin, um von dort seine Tiefenschärfe zu holen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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