Die Spindelstürmer von Ronald Pohl, 2010, DroschlDie Spindelstürmer.
3 Kurzromane von Ronald Pohl (2010, Droschl).
Besprechung von Friedhelm Rathjen
in Der Standard, Wien vom 12.3.2010:

Ermächtigendes Papier
Die Klippen der Benennung: Ronald Pohls "Die Spindelstürmer" vereint drei sprachlich virtuose Kurzromane

Wer einen Roman auf achtzig Seiten unterbringen will, so sollte man meinen, muss geschwind, kurzatmig und zielgenau vorgehen. In Die Spindelstürmer, dem Untertitel gemäß ein "Roman eines Romans" , widerlegt Ronald Pohl diese Vermutung freilich in jeder Hinsicht. Statt sofort Geschwindigkeit aufzunehmen, friert er den epischen Fluss schon auf der ersten Seite ein, bringt alle Bewegung des Geschehens zum Stillstand und lässt das zu Erzählende zu einem Bild erstarren. Statt in kurzatmiger Hektik draufloszuschreiben, gönnt er sich ausladend lange Satzkonstruktionen voller retardierender Momente. Und statt auf ein Ziel zuzusausen, dreht er sich schon am Start um die eigene Achse, zerspindelt gleichsam den Erzählimpuls und leistet sich eine Übung in Repetition und Variation.

Tatsächlich haben wir es hier mit so etwas wie einer Variantenprosa zu tun. Ein Postkasten erscheint als wichtigstes unbelebtes Element gleich im ersten Satz, kurz darauf wird er umbenannt zu einem "Papierspeicher" , dann heißt er wieder "Postkasten" , sodann "Adressmöbel" und "Briefbehälter" , und das alles wohlgemerkt schon auf der ersten Seite. Dies- und jenseits des Postkastens sind zwei menschliche Figuren in jenem Bild erstarrt, aus dem Pohls Text herauswächst, eine sich dicht an den Kasten drückende Frau mit "verrottendem Körper" und "überquellendem Busen" (vom "moosigen Polster ihrer Scham" ganz zu schweigen) und ein "kaum zehnjähriger Knabe", der die ganze Szenerie mustert.

Keiner von beiden spricht, sprechen können sie naturgemäß auch nicht, es ist ja ein erstarrtes Bild.

Was nicht erstarrt ist, das ist die sich verrenkende Sprache, aus der diese Prosa sich aufbaut. Sie tut es in dem Bestreben, jenem Einstiegsbild ein Verständnis abzuringen oder ihm einen Sinn zu geben - nein, nicht einen, dazu ist hier alles viel zu ungewiss, sondern versuchsweise eine Vielzahl von Sinnmöglichkeiten.

"Der Bub könnte" dies und jenes tun oder lassen, auch dies oder jenes sein; auch die Frau "könnte" allerlei, und alle diese diversen Möglichkeiten werden in Betracht gezogen und probehalber durchgespielt. Es entwickelt sich eine Konjunktivprosa, eine Mutmaßungsprosa, die unablässig mit Vokabeln wie "vielleicht" , "könnte" , "wäre" , "hätte" durchsetzt ist; auch die unablässig angestellten Vergleiche (die Frau wirkt "wie eine beim Diebstahl ertappte Scheuche" ) verweisen auf Möglichkeiten und behelfsmäßige Orientierungen, die sich weder bestätigen noch ausschließen lassen.

Wenn überhaupt etwas gewiss ist in den hier durchgespielten, einander harsch widersprechenden Möglichkeiten, dann nur, dass etwas nicht stimmt, dass die Dinge nicht in Ordnung sind. Fast alles, was sich an Möglichkeiten einstellt, erweist sich früher oder später als "Beleg für das Zerbrechen der Ordnung"; stets auf "Irrtümern ist der menschliche Zusammenhalt im Wesentlichen gegründet" , und wo von "Zuwendung" die Rede ist, ist diese "missbräuchlich".

Das gilt übrigens auch für die sehr vertrackte, sehr spitzfindige Sprachgebung Ronald Pohls; wer Sprache für ein Medium der verlässlichen Sachverhaltsbeschreibung hält, muss die "Zuwendung" , die den Sachverhalten hier zuteil wird, für "missbräuchlich" halten, drängt sich doch die Sprache durch allerlei syntaktische und semantische Verrenkungen so sehr in den Vordergrund, dass der Text über weite Strecken vor allem eine äußerst zwiespältige Aufmerksamkeitsschulung darstellt.

Die Sprache ist einerseits präzis und konkret, nimmt andererseits habituell so abrupte und unvorhergesehene Wendungen, dass alle überscharfen Konturen sogleich in flirrende Mehrfachbelichtungen überzugehen drohen. Der Rückgriff auf preziöse und erlesene Vokabeln von "Zubuße" über "insonderheit" bis zu "Quastenflosser" tut ein Übriges, um zu verhindern, dass sich auch nur der leiseste Hauch von Allerweltsprosa einschleicht.

Alle Welt ist dennoch beteiligt, nämlich in den sich rasch verästelnden thematischen Linien. Es geht in vielfacher Hinsicht um Körperlichkeit, um Geschlechtlichkeit, dann auch um Militärisches; dem unablässigen Changieren dieser Prosa entsprechen permanente Gestaltwechsel der zitierten Welt, es geht um Revolutionen und Rebellionen, um Flucht und Besatzung, Kolonialismus und die Erstürmung von Festungen - es geht, kurz gesagt, um das permanente Rein und Raus.

Dass sich dies alles aus dem Einwurfschlitz eines Briefkastens herleiten soll, muss wohl erstaunen, aber es funktioniert in Pohls durchaus virtuosem sprachlichen Spindelsturm.

Dem Kurzroman als Zugabe angehängt sind noch ein Kürzer- und ein Kürzest-Roman. Auf dreißig Seiten meistert "Hugo der Täufer" im gleichnamigen Text scheiternd "die Klippen der Benennung" , und dies in Warschau; dieser Text atmet eine geradezu zwingende Beliebigkeit, dies nicht zuletzt, weil Hugo "die Tatsachen des Lebens vor sich her" zählen kann, denn "Hugo besaß ein ermächtigendes Papier".

Der letzte Text "Die schweifenden Gehöfte" , keine 15 Seiten lang, kreist um einen Oheim, ein Mündel und einen Wald vor lauter Bäumen, dies wiederum in einer Möglichkeitenprosa zwischen "oder" und "oder" , aber nicht gar so überzeugend wie im Fall der Spindelstürmer. Kurz ist gut bei Ronald Pohl, aber allzu kurz ist dann doch des Guten zu wenig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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