Die Spiele der Erwachsenen.
Roman von Sophie Dahl (
2008, Berlin-Verlag).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 12.06.2008:

Die unzuverlässigen Hüter der Kindheit
 
Bar jeder Hülle posierte die kurvenreiche Sophie Dahl für die hypnotische Süße des Yves Saint Laurent-Duftes Opium, mit den „Vagina Monologen" eroberte sie das Londoner Theaterpublikum. Nach ihrer bereits im Jahre 2003 erschienenen Novelle „Der Mann mit den tanzenden Augen" hat die einstige Catwalk-Kollegin von Kate Moss nun ihren ersten Roman veröffentlicht.

Viel zu früh kreist alles um Klamotten und Gewicht

Auf gut 300 Seiten entblättert sie ein nicht ganz alltägliches Familienleben zwischen New Yorker Ashram und britischer Künstlerkolonie, der sauber gespannte Handlungsfaden verbindet neonleuchtende Großstadt und dunkelste Provinz. Bereits in jungen Jahren gerät Protagonistin Kitty von den verlässlichen Händen ihrer Großeltern in die Räderwerke der gnadenlosen Erwachsenenwelt. Eine Meditation und makrobiotischer Kost zusprechende Mum, ein ausschließlich finanziell anwesender Dad und Guru Swami-ji, der mentale Familienkompass, lancieren sie von einer englisch-verstaubten Internatsschule in die Turbulenzen des Big Apple. Während gleichaltrige Mädchen die Nestwärme behüteter Elternhäuser genießen, wird Kitty von den verschmähten Liebhabern und mondänen Freundinnen ihrer Mutter okkupiert. Viel zu früh kreisen ihre Gedanken um Klamotten, Make-up und Gewichtsprobleme. Als sie ihrer depressiven Erzeugerin in hippe Londoner Tanzbars folgt, distanzieren sich ihre Freundinnen. Allein ist Kitty dem inneren Zwiespalt zwischen Guru gesätem Wunsch nach Reinheit und dem Verlangen nach ersten sexuellen Erfahrungen ausgeliefert. Anschaulich skizziert Sophie Dahl Kittys altersmäßige Entwicklung vom Kind zum Teenie, macht jedoch gleichzeitig erschreckend deutlich, dass deren äußere Erscheinung und Habitus sie längst als Erwachsene ausweisen. Exzellent beschreibt das ehemalige Topmodel die steinigen Wege aus dem Familienidyll in die Einsamkeit, von gackernden Freundinnen zu alkoholisierten Nachtschattengewächsen, von der Internatsschülerin zur verantwortungsvollen Tochter.
Dass das Erwachsensein besonders dann fühlbar wird, wenn sich in der Familie die Rollen verkehren, erfuhr die 30-jährige Britin am eigenen Leib: Eine Zeitlang pflegte sie den kranken Vater, ihre Mutter Tessa hatte mit Depressionen zu kämpfen. Daneben offenbart dieser ebenso einfühlsam wie eindringlich gestaltete Entwicklungsroman Spuren von Sophies eigener Hippie-Kindheit - ein Nomadentum von mindestens 17 Umzügen. Dahls verstorbener Großvater Roald - norwegischer Abstammung, ebenso wie der Familienpatriarch des Romans - schrieb sich mit Büchern wie „Charlie und die Schokoladenfabrik" in die Herzen von jung und alt. Das schriftstellerische Talent der schönen Enkelin könnte also ein Familienerbstück sein... (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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