Die Spatzen vom Nil.
Roman aus Ägypten von Ibrahim Aslan
(2005, Lenos-Verlag - Übertragung Doris Kilias).
Besprechung von Stefan Weidner
in der Neue Zürcher Zeitung vom 15.6.2005:

Poesie der Beiläufigkeit
Ibrahim Aslan angelt die Spatzen vom Nil

Am Anfang und am Ende dieses kleinen Romans steht der Tod. Dennoch ist es kein trauriges Buch. Denn eine überlebt alle: Grossmutter Hanem. In ihrem Bewusstsein kommt der Tod überhaupt nicht vor, und sie will nicht einsehen, dass ihre Kinder vor ihr gestorben sein könnten: Für sie sind diese immer nur kurz aus dem Haus gegangen. Hanem ist die heimliche Erzählerin des Buchs und das grosse, die Zeit stillstellende Gedächtnis der Fadlallah-Osman-Gasse im Kairoer Stadtteil Imbaba, die nicht nur der Schauplatz, sondern zugleich immer auch der Held in den Büchern des 1935 geborenen ägyptischen Schriftstellers Ibrahim Aslan ist. Aslan aber ist nichts weniger als der Chronist Ägyptens am Beispiel einer Strasse. Ein unscheinbarer Chronist, wie es sich zunächst darstellt, doch gerade das ist die Kunst des Metiers: sich zurückzunehmen, die Menschen und Ereignisse für sich selbst sprechen zu lassen, oder genauer gesagt: den Eindruck zu erwecken, als sprächen sie aus sich selbst. Der Dialog ist folglich das primäre erzählerische Mittel in vielen seiner Bücher. Im arabischen Original sind diese Dialoge natürlich im ägyptischen Dialekt geschrieben, was viel zum Erfolg in Ägypten beigetragen hat. In der trefflichen Übertragung der Machfus-Übersetzerin Doris Kilias wird daraus eine behutsam verschliffene Redeweise, die nie aufdringlich oder gekünstelt wirkt und die den Dialekt vernünftigerweise mehr signalisiert, als dass sie ihn nachahmt.

Leicht, doch nicht oberflächlich

Auf 160 Seiten erzählt das Buch von den grossen und kleinen Ereignissen, die das Leben der Familie von Grossmutter Hanem bestimmen. Da sind zum Beispiel die Liebschaften des trottelig wirkenden, aber mit grosser Potenz ausgestatteten Sohnes von Hanem, Abdalrahîm, der erst nach einigen Abenteuern und Missgeschicken in den Hafen der Ehe findet. Abdalrahîm verdankt sich auch der Titel des Werks.

Einmal bastelt er eine riesige Angel und stellt sich damit an den Nil – ein Kinderzeitvertreib, der sich für Erwachsene eigentlich nicht ziemt. Neugierig beobachten die Kinder, ob er mit seiner grossen Angel mehr Erfolg hat als sie mit ihren kurzen. An der Leine zuckt es, und mit einem kräftigen Ruck zieht Abdalrahîm die Angel hoch. Jedoch hängt zur Verwunderung aller kein Fisch daran, sondern ein Spatz, der sich im hinaufschnellenden Angelhaken verfangen hat und nun wie wild an der Angel herumfliegt. Im Glauben, aus dem Nil einen echten Spatz geangelt zu haben, läuft Abdalrahîm in Panik davon. Die Kinder hingegen haben etwas zu lachen.

Die erdrückende existenzielle Schwere, die man so häufig in der arabischen Literatur der Gegenwart findet, geht den kleinen Geschichten und Anekdoten, die Aslan zu diesem Roman komponiert hat, erfreulicherweise ab, ohne dass das Buch deshalb oberflächlich wäre. Das Geheimnis von Aslans Prosa ist in der Anlage seiner Figuren zu suchen. Ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit ist hochgradig selektiv. Wie heilsam das ist, zeigt sich an Grossmutter Hanem. Sie hat keinen Grund, über den Tod ihrer Kinder zu trauern, weil sie diesen Tod nie zur Kenntnis genommen hat. Auch die anderen Charaktere Aslans werden von der Wirklichkeit, wenn überhaupt, nur oberflächlich berührt, und wie immer die Berührung ausfällt, ihre Seele, ihr Weltbild bleiben heil.

Das Buch spielt hauptsächlich zur Zeit Gamal Abdal Nassers, also zwischen 1952 und 1970. Davon spürt man als Leser jedoch kaum etwas. Einmal wird das Erstarken der Islamisten in dieser Zeit thematisiert, als der einzige Bewohner der Gasse, der sich weigert, zum Gebet zu gehen, auf hinterhältige Weise niedergeschlagen wird. Ein anderes Mal wird angedeutet, dass Abdallah, einer der Enkel Hanems, eine Zeit im Gefängnis verbracht hat. Über die Hintergründe lernt man nichts, aber seltsamerweise vermisst man auch nichts, weil man sich als Leser der souveränen Beiläufigkeit Aslans sofort anvertraut und weil seine Charaktere, wie einmal ein arabischer Kritiker schrieb, sowieso nur «Nebenfiguren im Leben» sind – und nie mehr sein wollen und sollen. Diese Beiläufigkeit von Aslans Erzählen aber hat eine grosse Poesie.

Zeit-Raum

Zur besonderen Stimmung in diesem lesenswerten Buch trägt auch bei, dass die erzählte Zeit nicht wie eine Abfolge von Ereignissen erscheint, sondern als ein grosser, nicht weiter unterteilter Zeit-Raum präsentiert wird, innerhalb dessen die tatsächliche Reihenfolge kaum eine Rolle spielt. So wie im weiten, aber ungeordneten Gedächtnis der Grossmutter die Menschen nicht sterben, so leben sie auch in der erzählerischen Ordnung nach ihrem Tod immer wieder auf, zum Beispiel indem ihre Vorgeschichte erzählt wird und der im vorigen Kapitel Verstorbene im nächsten wieder lebendig ist, im übernächsten aber vielleicht schon zwanzig Jahre tot. Dieser Effekt wird durch die traditionelle Kontinuität bei der Namensgebung verstärkt, der gemäss die Kinder immer nach ihren Onkeln, Tanten und Grosseltern benannt werden; so dass, wenn ein Abdallah oder eine Nargis sterben, immer schon ein Ersatz mit demselben Namen parat steht. Wie im Gedächtnis der Grossmutter sind auch in der Erfahrung des Lesers die Figuren des Buchs unsterblich.

Ein solcher Bruch mit dem linearen Zeitverständnis, wie es zum Grundbestand des abendländischen Weltbildes zählt, wird dem althergebrachten Mikrokosmos der Fadlallah-Osman-Gasse um vieles gerechter als das herkömmliche, aus dem Westen importierte lineare Erzählprinzip. Dieses vordergründig unscheinbare Buch verspricht in Wahrheit eine Leseerfahrung der ganz anderen Art. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

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