Die Sonnenblume.
Roman von Sahar Khalifa (1980).
Besprechung von Janko Kozmus in Marabout, 07/2003:

Frauen wie diese aus Nablus

Der im Jahre 1986 erstmalig in deutscher Übersetzung erschienene und in diesem Jahr als Taschenbuch neu aufgelegte Roman Die Sonnenblume der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa stellt hinsichtlich Thematik und Besetzung eine Fortsetzung ihres Romans Der Feigenkaktus dar. Gleichwohl bildet Die Sonnenblume ein in sich geschlossenes Werk.

Die Familie al-Karmi ist weiterhin vertreten durch Adel und Basil. Die passive Haltung ihrer jüngeren Schwester, Nuwar, belässt diese im Hintergrund. Andere bereits existierende oder neu in die Romanhandlung eingeführte Frauen nehmen eine weitaus aktivere Stellung ein und gewinnen neben den al-Karmi-Brüdern an Bedeutung. Da ist zum einen Rafif, die junge Journalistin. Ihre Beziehung zu ihrem Kollegen Adel ist nicht auf die professionelle Zusammenarbeit beschränkt. Mit Sadija, die eine Nebenrolle spielte, schwingt sich eine zweite Frau zur Protagonistin auf. Sie ist die Witwe von Sohdi, der - wie im Roman Der Feigenkaktus beschrieben - bei einem Anschlag auf einen Bus, der palästinensische Arbeiter in eine israelische Fabrik bringen sollte, ums Leben gekommen war. Wie schon Sohdi sieht sich auch Sadija gezwungen, in israelische Dienste zu treten. Sie sichert ihr eigenes Überleben und das ihrer Kinder durch Nähen in Heimarbeit. Und dies so erfolgreich, dass sie an die Konkretisierung eines lang gehegten Traums denken darf und sich den Neid ihrer Nachbarinnen im alten Viertel von Nablus zuzieht. Als letzte ist die Prostituierte Chadra zu nennen, von deren couragiertem Auftreten gegenüber israelischen Polizisten Sadija irritiert, aber auch in hohem Maße beeindruckt ist.

Mit der Schilderung sehr unterschiedlicher Lebenswege dreier Frauen weist Sahar Khalifa mit Nachdruck auf das eigentliche Interesse ihres Schreibens, das selbst gegenüber ihrem Engagement für die nationale Befreiung den Vorzug erhält: Die Stellung der Frau in der palästinensischen Gesellschaft und somit in der arabischen Welt insgesamt. Diese Perspektive verleiht dem Roman jene vom Standpunkt des Feminismus zu beklagende Aktualität, da der Kampf um die Stellung der Frau in der arabischen und islamischen Welt trotz des zum Teil Jahrzehnte langen Wirkens wie beispielsweise der ägyptischen Autorin und Ärztin Nawal El Saadawi - um neben Sahar Khalifa eine der wichtigsten zu nennen - noch am Anfang eines langen Weges steht.

Wie schon der vorhergehende so steht auch dieser Roman in erster Linie nicht für eine spannende Dramaturgie - wiewohl der halb erzwungene Ausflug der Näherin Sadija ins israelisch-großstädtische Tel Aviv, aus ihrer Sicht mitten in die Höhle des Löwen, an innerer Spannung kaum zu überbieten ist, nicht zuletzt durch das Mitwirken ihrer Begleiterin Chadra -, sondern für eine grundsätzlich mehr deskriptive Herangehensweise, die jedoch nicht in bloßer, politisch motivierter Illustration mündet. Dabei bleibt die Sprache knapp und prägnant. Kurze, mitunter verblose Sätze prägen den Stil, den die Autorin der Paraphrasierung orientalischer Erzähltradition vorzieht.

Der Roman Die Sonnenblume vereint mehrere Ebenen in sich: Einmal wird in der Person der Redakteurin Rafif nicht »nur« der persönliche Kampf der Frau um Befreiung aus der Abhängigkeit zum Mann dargestellt, indem die junge Intellektuelle auf Distanz zu Adel geht, sondern auch - stellvertretend für die gesellschaftliche Emanzipation - der Kampf um Loslösung aus der redaktionellen Frauenecke auf eine gleichberechtigte Ebene: Die Redakteurin beansprucht die Hälfte des Raums der Zeitschrift für die Frau. Zum anderen veranschaulicht der Roman in einprägsamen Bildern die Tragik des oft zum nationalen Befreiungskampf im Widerspruch stehenden persönlichen Überlebenskampfes. Als ein weiteres Moment werden die Schwierigkeiten beschrieben, die beim Versuch, feudalistische Strukturen zu überwinden, auftreten. Gemeinsam mit seinem Bruder Basil alias Abu al-Iss versucht Adel den Grundbesitz der Familie al-Karmi zu einen solidarisch geringen Preis an die ehemaligen Pächter, die palästinensischen Bauern, zu übertragen. Dieser Prozess wird jedoch von der partiellen Enteignung durch israelische Behörden unterbrochen.

In jeder einzelnen der angesprochenen Ebenen wirkt eine widerstrebende Kraft, um wieviel schwerer scheint es da, dem permanenten Auseinanderstreben des Ganzen entgegenzuwirken. Sahar Khalifa stellt sich der Aufgabe mit großem schrifstellerischem Geschick. Sie versteht es, die verschiedenen Ebenen durch die einfühlsame Darstellung persönlicher Motivationen, die wie selbstverständlich die weltanschauliche mit einschließt, sei es durch die Beschreibung der äußeren Lebensumstände der Handelnden oder in suggestiv wirkenden inneren Monologen derart zu verknüpfen, dass ein Auseinanderbrechen nicht nur verhindert wird, sondern tatsächlich ein homogenes Ganzes entsteht: die Wirklichkeit des palästinensischen Volkes in Zeiten israelischer Besatzung. Dabei bewahrt sich die palästinensische Autorin selbst in der Beschreibung tragischster Momente eine professionelle Distanz, die erst jene an Objektivität grenzende, nahezu dokumentarische Qualität aller ihrer Romane ausmacht. Ohne je in Larmoyanz zu verfallen, beschreibt Sahar Khalifa das Leiden ihres Volkes und präsentiert überdies mit Chadrun die Figur eines fortschrittlichen Israeli, eines Vertreters der Peace Now-Bewegung, den die Brüder al-Karmi in die redaktionelle Arbeit der palästinensischen Zeitung einbeziehen wollen.

Die teilweise kammerspielartige Geschlossenheit des Romans Der Feigenkaktus weicht in Die Sonnenblume der Weite einer Vielfalt von Möglichkeiten, in erster Linie denen des intellektuellen Raums, repräsentiert in den Redaktionsszenen. Gleichzeitig weisen gerade diese die Autorin als eine Meisterin des Dialogs aus, der sich durch den Einsatz satirischer Überspitzung eine wunderbare Leichtigkeit bewahrt. Lediglich in der Badehausszene, bei der Wiederbegegnung des Gegensatzpaares Sadija und Chadra, ist noch jene Beschränkung zu spüren. In einem an Autismus grenzenden inneren Monolog Sadijas werden noch einmal die Schwierigkeiten einer Veränderung, eines Ausbruchs aus Jahrhunderte alten Traditionen deutlich. Die scherzenden Frauen, die feuchte, modrige Umgebung und der alles durchdringende Dampf scheinen Sadijas tief sitzenden Ängste aufweichen zu können. Doch der Boden ist glitschig, er birgt die Gefahr des Fallens in sich. Eine Schlüsselszene des Romans, mit der die Autorin, in der Gestaltung immenser atmosphärischer Dichte, sich selbst übertrifft.

Die Autorin Sahar Khalifa zeigt mit dem Roman Die Sonnenblume eine breite Palette von Formen palästinensischen Engagements auf, weist allerdings auch auf seine Grenzen hin. Kein Zweifel besteht jedoch an ihrer Hauptintention. Ob die Tätigkeit einer Redakteurin wie Rafif oder der Überlebenskampf einer Witwe wie Sadija, ob das rotzfreche Auftreten einer Prostituierten wie Chadra oder der lauthalse Protest von Frauen enteigneter Bauern, in vorderster Reihe steht immer die Sorge um das Wohlergehen ihrer Geschlechtsgenossinnen. Welches der entworfenen Frauenbilder noch am ehesten der Befreiung der arabischen Frau den Weg weist, das mag der Leser und vor allen Dingen die Leserin selbst entscheiden. (Originaltitel: »Abbad al-schams«)

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