Die Sirenen von Bagdad von Yasmina Khadra, 2008, Nagel+KimcheDie Sirenen von Bagdad.
Roman von Yasmina Khadra
(2008, Nagel & Kimche - Übertragung Regina Keil-Sagawe).
Besprechung von Katharina Döbler in DIE ZEIT, 07.08.2008:

Ehre - welche Ehre?
Wieder schreibt Yasmina Khadra über Terrorismus - und verstört seine Leserin

Yasmina Khadra, der algerische Autor mit dem hohen militärischen Rang und dem weiblichen Pseudonym, schreibt seine Romane über die gegenwärtigen Traumata und Krisen der islamischen Welt.

Schon seine Algier−Krimis um Kommissar Brahim Llob, die er in den 1990er Jahren schrieb, erregten Aufsehen-  und da wusste man noch nicht, dass sich hinter dem offenkundigen Pseudonym ein Offizier versteckte. Mittlerweile leitet Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra das algerische Kulturinstitut in Paris und gilt weltweit als literarischer Experte für den militanten Islamismus - ein Expertentum, das sich auf die eigenen furchtbaren Erfahrungen im algerischen Bürgerkrieg stützt.

Als wir auf der Buchmesse 2001 miteinander sprachen, sagte er, das Schreiben habe ihm den Verstand gerettet, und ansonsten beantwortete er keine Fragen zum Bürgerkrieg. In diesen Wochen nach dem 11. September war die Stimmung nervös, man zuckte beim Anblick eines herumstehenden Aktenkoffers zusammen, und Khadras Lesereise durch Deutschland wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Er bestand darauf, dass es die Aufgabe der Intellektuellen sei, die Terroristen von ihrem Irrtum zu überzeugen. Dies sei der einzige Weg, den Terrorismus zu bekämpfen.

Das klang schon damals nicht besonders aussichtsreich. Inzwischen klingt es absurd. Und doch bildet genau dieser Anspruch den Fluchtpunkt des neuesten Yasmina−Khadra−Romans, der im Irak spielt. Und dessen Hauptfigur ein künftiger Selbstmordattentäter ist. Was einen Menschen zu terroristischen Taten treibt, ist eine Frage, die man auf unterschiedlichen Ebenen beantworten kann: soziologisch, psychologisch, politisch. Khadra hatte 2006 in seinem Palästina−Roman Die Attentäterin solche Antworten gegeben. Doch was in einer Frau vorgeht, die sich in einem Restaurant voller Kinder in die Luft sprengt, konnte ich nach der Lektüre ebenso wenig verstehen wie vorher.

»Oh doch, Sie verstehen das sehr wohl«, sagte Khadra damals, bei unserer zweiten Begegnung, so streng, als habe er mich bei einer Lüge ertappt. Wir saßen vor einem vollen Saal, Khadra sprach von »Volk« und von »Demütigung«, und ich versuchte mir vorzustellen, jemand im Raum würde gemeinsam mit uns allen in einer großen Explosion sterben wollen. Warum? Wie würde sich der fühlen? Ich verstand es nicht.

In seinem neuen Irak−Buch ist Khadra noch expliziter geworden: Sein Ich−Erzähler, ein 20−jähriger Beduine, geht nach Bagdad, um sich den Fedajin anzuschließen. Nach einer Reihe von Übergriffen und Morden an Nachbarn und Freunden erlebt er, wie amerikanische Soldaten bei einer Razzia seinen alten Vater vor seinen Kindern entblößten. Die Schande ist so groß, dass der Sohn nie wieder nach Hause zurückkehren will. Schritt für Schritt, Gedanken für Gedanken, begleitet ihn der Roman auf seinem Weg in den Dschihadismus.

»Ich war im Schockzustand, dem Schock nach der Beleidigung. Ich lebte nur noch für meine Pflicht, die Schmach abzuwaschen. Das war meine heilige Pflicht und mein absolutes Recht& Ich war weder beunruhigt noch begeistert.« Diese Selbstauskunft benennt eine große Verstörung und eine tiefe Demütigung. Aber im Innern dieser Figur gibt es keine Entwicklung, sondern nur diesen von einem tradierten Ehrbegriff diktierten Entschluss.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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