Die silberne Gasse.
Erzählungen von Elmar Drexel (2008, Bucher Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer, 10.12.2008:

Die silberne Gasse

Manche Erzählungen bleiben einem unvergessen wegen eines ewig weiter klingenden Schlusssatzes. „Er hörte noch hinter sich die Tür ins Schloss fallen. Er hatte sie nie mehr gesehen. Er hatte gehört, sie sei Lehrerin geworden, habe geheiratet und Kinder zur Welt gebracht.“ (66)

In den drei Erzählungen von Elmar Drexel geht es um das Verklingen der eigenen Geschichte und der erzählten Geschichte. In der Titelgeschichte „Die silberne Gasse“ kehrt ein mittlerweile alt gewordener Bub als Universalerbe in seine Kindheit zurück. Zwar hat sich die Welt verändert und der Held ist erwachsen geworden, aber zwischen den Winterfenstern verrotten immer noch die Fliegen, die Oma führt ein laxes Terrorregime und beaufsichtigt mit Kopfnicken die Kindesschar, man muss ständig flüchten und hinaus ins Freie, obwohl es dort erbärmlich kalt sein kann. Freilich hat so eine Kindheit durchaus ihre Lichtpunkte, aber dazwischen gibt es jede Menge Angst, Frost, Ungewissheit und das Erziehungssystem der Erwachsenen. Jetzt sind die Schreckgespenster von damals gestorben, die Erbengemeinschaft hat sich aufgelöst, der Bub von damals wird den ganzen Krempel von damals verkaufen. Mit einem Knall springen die Ringe von seinem Herzen. „Er war erlöst.“ (40)

In der Liebeserzählung „Karina“ ist die Geschichte schon aus, sobald der Protagonist das Geschehen betritt. Karina hat einen Suizid-Versuch hinter sich, ihr Vater hat den Helden ans Krankenbett gebeten, jetzt rennt der Film noch einmal als verflossene Geschichte ab. Lange war Karin eine unschuldige, verzickte Loverin, doch dann war sie es, die die Liebesgeschichte voran getrieben hat. Jetzt steht der Held noch einmal als Verflossener an ihrem Suizid-Bett, kann sein, dass er der Auslöser war, kann sein, dass er nicht der Richtige war. Seltsam kalt läuft die Geschichte ab, als er hinaus geht, ist sie wohl abgeschlossen. Und es kommt zu dieser berührenden Stelle: „Er hörte noch hinter sich die Tür ins Schloss fallen. Er hatte sie nie mehr gesehen. Er hatte gehört, sie sei Lehrerin geworden, habe geheiratet und Kinder zur Welt gebracht.“ (66)

„Das gebrochene Herz“ entspringt einer medizinischen Untersuchungsserie. Beim Helden wird nach dreiwöchiger Herzuntersuchung eine kapitale Herzgeschichte festgestellt. Plötzlich hängt das Leben dünn in der Luft. Lebensangst stellt sich ein. Aber auch Rettung ist in Sicht. Gustav wird operieren, Gustav hat einen guten Ruf und wird nichts verpatzen. Aber der Erzähler kennt diesen Gustav aus seiner Jugend, er ist mit ihm Schule gegangen und weiß wohl auch um die Hinterseite seines guten Rufes Bescheid. Am Krankenbett kurz vor der Narkose wirkt alles seltsam fern und gelassen. „Auch Gustav lächelte und sagte: Du musst Vertrauen haben. Da war er schon fast geheilt.“ (86)

Gerade weil die Erzählungen von Elmar Drexel scheinbar keine Zukunft haben, lassen sie sich, einmal gelesen, in der Vorstellungswelt des Lesers kaum mehr abstellen. Plötzlich dreht sich die Sanduhr des Erzählens um: Die Vergangenheit wird die Zukunft.

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Leseprobe I Buchbestellung 0209 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer