Die Signora,die ich werden wollte von Valeria Parrella, 2005, SchirmerGraf

Die Signora, die ich werden wollte.
Erzählungen von Valeria Parrella (2005, SchrimerGraf - Übertragung Constanze Neumann).
Besprechung von Maike Albath in Neue Züricher Zeitung vom 26.07.2005:

Neapel sehen und überleben
Erzählungen von Valeria Parrella

Valeria Parrella ist Neapolitanerin, und Neapel steckt in jedem ihrer Sätze. Die Hitze, das Licht, der Krach, der Schmutz, das Meer, der Dialekt, der Aberglaube und die Camorra. Es ist ein Neapel jenseits des Klischees, beinahe ein Lebensgefühl. Die Helden der sechs Erzählungen aus dem Band «Die Signora, die ich werden wollte» tragen es in sich wie ein Vermächtnis: Auch wenn sie fortgehen, entkommen sie ihrer Stadt nicht. Dabei können sie gar nicht sagen, worin das Geheimnis besteht – vielleicht in einem archaischen Überlebenswillen, in der sprichwörtlichen arte dell'arrangiarsi. Denn gemeinsam ist ihnen, dass sie dem Schicksal ein Schnippchen schlagen.

Ein Mädchen steigt auf

In der Titelgeschichte ergreift ein Mädchen aus dem spanischen Viertel, wo die Camorra den Alltag bestimmt, das Wort. Sie dreht den Spiess einfach um und nutzt den kruden Darwinismus der Strasse für ihre eigenen Pläne. Ihr Modell sind die Mütter gewisser Gymnasiastinnen, die ehrerbietig mit «Signora» angesprochen werden, nicht mit Spitznamen oder der verstümmelten volkstümlichen Variante «Signò». Also sucht sich die Fünfzehnjährige mit der tollen Figur den richtigen Liebhaber, lässt sich mit einer Mischung aus Instinkt, Stolz und ruppigem Beharrungsvermögen erst eine Wohnung kaufen und dann eine Boutique, bis sie eines Tages auch noch den richtigen Mann heiratet. Das Ziel ist erreicht, doch der soziale Aufstieg lagert sich in der Sprache ab: Unter der Oberfläche des mühsam antrainierten Italienisch schimmert immer noch die Diktion der Strassengöre durch.

Das spannungsreiche Verhältnis zwischen Hochkultur und regionaler Verankerung hat seit je die Vitalität der italienischen Literatur ausgemacht. Dass aus diesen Reibungen immer noch Funken geschlagen werden können, ist im Zeitalter der verflachenden Kulturglobalisierung eine Überraschung, aber die 1974 geborene Valeria Parrella bringt genau das fertig. Sie fängt die Widerständigkeit eines Menschenschlags ein und hält Stimmungen in Bildern fest. So überlässt sich ein nachdenklicher junger Mann nach einer Prüfung dem Rhythmus der Stadt und fährt stundenlang U-Bahn. Eine 40-jährige Familienmutter auf dem Sprung zum Ehebruch kultiviert die Manie, alles um sich herum zu zählen, Treppenstufen, Kacheln oder Fenster in ein numerisches Verhältnis zu setzen und sich dadurch eine private Ordnung zu erschaffen. Die Erzählungen haben keine banale Klippklapp-Ästhetik mit einer Pointe am Schluss, sondern enden häufig mit einem Auftakt, einer neuen Frage. Dazu passt die Allgegenwart der Camorra – sie ist nichts Glamouröses, sondern Teil der Wirklichkeit. Eine Aushilfslehrerin muss Kinder unterrichten, für die niedergeschossene Jugendliche zur Normalität gehören; eine Stadtplanerin erlebt, wie eine Finanzblockade alle Sanierungspläne zunichte macht.

Schnell, gierig, abgehackt

Einen Grossteil ihrer Wirkung beziehen diese Erzählungen aus der Sprache: schnell, gierig, abgehackt, voller Doppelpunkte, durchsetzt von Pingpong-Dialogen und unvollständigen Sätzen, dann wieder umständlich mit Resten barocker Ausdrucksweisen, wie sie für den wohlerzogenen Neapolitaner typisch sind. Die regionalen Eigenheiten gehen in der gelungenen Übersetzung zwangsläufig verloren, und Constanze Neumann begeht nicht den Fehler, ein deutsches Äquivalent zu suchen. Stattdessen lässt sie mitunter neapolitanische Einsprengsel stehen und fügt die Übersetzung an, was zumindest einen Eindruck von dem theatralischen Talent der Figuren vermittelt. Mitunter hätte eine weniger brave Glättung der Syntax vielleicht geholfen, den schnoddrigen Tonfall der Autorin auch im Deutschen einzufangen. Parrella auf Deutsch: Das müsste klingen wie eine Mischung aus Feridun Zaimoglu und Katja Lange-Müller, mit mehr Tempo, mehr Energie in den Sätzen. Denn Neapel ist etwas, das bis in die Sprache hineinragt.

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