Anatol von Steiger: Dieses Leben, Gesammelte Gedichte, Russisch/deutsch (2007, Amman, hrsg. und übertragen von Felix Philipp Ingold).Dieses Leben.
Gesammelte Gedichte, 2sprachig von Anatol von Steiger (2007, Ammann,
hrsg und übertragen von Felix Philipp Ingold).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Züricher Zeitung vom 8.11.2008:

Der Aussenseiter: Felix Philipp Ingold entdeckt den russisch-schweizerischen Schriftsteller Anatol von Steiger
Der konsequente Nonkonformismus ist eine Daseinsform, die von Robert Walser über Blaise Cendrars bis Charles-Albert Cingria nicht wenige Schweizer Schriftsteller pflegten. Mit dem Russlandschweizer Anatol von Steiger (1907–1944) ist ein ebensolcher Dichter zu entdecken, dessen Werk sich einer Einordnung in modische Stilepochen konsequent verweigert.

Die Schweiz kennt ihre Dichter nicht. In besonderem Mass gilt dies für Anatol von Steiger, der als Spross eines alten Berner Patriziergeschlechts in Russland aufgewachsen ist und ein ebenso schmales wie elegantes lyrisches Werk vorgelegt hat. Felix Philipp Ingold präsentiert nun zum ersten Mal in einer gediegenen Ausgabe Steigers gesammelte Gedichte im russischen Original und in einer präzisen Nachdichtung. Zu Lebzeiten sind nur drei Lyrikbände erschienen: «Dieser Tag» (1928), «Dieses Leben» (1932) und «Undankbarkeit» (1936). Steiger hat 1941 einen weiteren Band als Typoskript unter dem Titel «Kathemerine» (griech. «Alltägliches») zusammengestellt, allerdings verhinderte der Krieg eine Publikation.

Die lakonischen Titel deuten es bereits an: Anatol von Steigers Lyrik verzichtet auf allen rhetorischen Ballast, seine Gedichte sind fein ziselierte Sprachkunstwerke, die ohne jedes Pathos auskommen. Obwohl Steiger alle Regeln der Kunst befolgt, keine unreinen Reime einsetzt und ein festes Metrum befolgt, liest sich seine Poesie wie sorgfältig formulierte Prosa. Kaum ein Gedicht umfasst mehr als zehn bis zwölf Zeilen, etliche kommen sogar mit einer einzigen Strophe aus. Steigers Lyrik haftet etwas Aphoristisches an; dazu gehört auch die verhaltene Pointe, auf die viele Texte zugravitieren.

Weitgehend unbekannt

Trotz seiner hohen literarischen Qualität blieb Steiger mit seinem exquisiten Werk weitgehend unbekannt. Nicht einmal bei den Dichtern der russischen Emigration fand er Anerkennung. Marina Zwetajewa, mit der er in den dreissiger Jahren einen exaltierten Briefwechsel führte, warf ihm vor, seine Gedichte seien viel schlechter als seine Briefe: «Als ob Sie sich selbst aus Ihren Gedichten ganz verjagen würden, Ihre Eigenart, Ihr ureigenes Elend – um das Elend an sich, das allgemeine Elend: die Elendigkeit zu zeigen.» Für Nina Berberova war Steiger ein «kleiner, unbekannter Dichter», in der Pariser Bohème wurde er wegen seines Adelstitels das «Barönchen» (barontschik) genannt. Vladimir Nabokovs herablassende Einschätzung darf als durchaus repräsentativ für Steigers Image gelten: «Sein Talent wurde masslos überschätzt. Er war ein zweitrangiger Dichter. Sehr zweitrangig. Mit einer sehr beschränkten Begabung und einem sehr beschränkten Gefühlsleben. Ein angenehmer Mensch. Ein Mensch mit Ausstrahlung. Ein gut erzogener Mensch. Und das ist alles.»

Solche Urteile müssen heute vor dem Hintergrund des damaligen literarischen Verdrängungswettbewerbs revidiert werden. Das russische Paris war ein Ballett mit lauter Primadonnen: Die Autoren traten sich auf den Füssen herum und sparten nicht mit heftiger gegenseitiger Kritik, natürlich auch um den eigenen Einzug in den Kanon der russischen Literatur zu befördern. Der schüchterne und bescheidene Anatol von Steiger hielt sich von solchen Zänkereien fern. Seine Zurückhaltung äusserte sich auch darin, dass er während der ganzen Zwischenkriegszeit nur einen einzigen eigenen Autorenabend in Paris durchführte. Er hatte weder die Zeit noch die Energie, sich im literarischen Tagesgezänk zu engagieren. Seine Gedichte schrieb er ohne Rücksicht auf den Publikumsgeschmack. Der einzige Massstab war sein strenges ästhetisches Urteil, vor dem auch das eigene Werk zu bestehen hatte.

Ausgedehnte Reisen

Anatol von Steiger war in mehrfacher Hinsicht ein Aussenseiter. Seine Vorfahren waren im frühen 19. Jahrhundert nach Russland ausgewandert und erreichten bald prominente Positionen in der russischen Adelskultur. Die Familie russifizierte sich schnell, trat auch zur Orthodoxie über, gab jedoch das Schweizer Bürgerrecht nie auf. Anatols Vater führte das sorglos-müssige Leben eines Provinzadligen, dessen zahlreiche zivile und militärische Ämter sich im Wesentlichen auf gesellschaftliche Repräsentationspflichten beschränkten. Seine Einkünfte bestritt er aus dem Ertrag eines ukrainischen Landguts, deshalb konnte er auch jedes Jahr mehrere Monate in den Ferien verbringen, vor allem am Bosporus und in der französischen Schweiz.

Dieses Lebensmodell prägte auch Anatol, das älteste von vier Kindern. Bei der Flucht vor den Bolschewiki verlor die zarentreue Familie zwar ihr ganzes Hab und Gut, trotzdem waren die Steigers unter den russischen Emigranten wegen ihres Schweizer Bürgerrechts privilegiert und liessen sich nach einem längeren Aufenthalt in Mähren in der Stadt Bern nieder. Anatol von Steiger bestritt seinen Lebensunterhalt fortan im Wesentlichen mit Sozialbeiträgen und führte eine Dichter- und Dandyexistenz. Die Stationen seiner ausgedehnten Reisen durch Europa heissen Nizza, Marseille, Venedig, Rom, Athen, Belgrad, Dubrovnik, Berlin, Brüssel und natürlich immer wieder Paris. Wenn er in die Schweiz zurückkehrte, so oft nur um seine Schwindsucht behandeln zu lassen und die Familie zu sehen. Während des Kriegs musste er militärischen Bürodienst leisten. In einem Brief lässt Steiger 1942 an seiner Abneigung gegen die Schweiz keinen Zweifel aufkommen: Ihn störte «das scheussliche Klima von Bern; doch hauptsächlich – das reguläre Sitzen im Büro, mit meinem weglosen, trägen und zigeunerhaften Charakter. Drei Jahre sass ich im Büro, und bis zum letzten Tag kam es mir ebenso absonderlich und schwierig vor wie am ersten Tag.»

Nicht einfacher wurde Anatol von Steigers schwieriges Dasein in der engen Schweiz durch seine Homosexualität, die er auch offen in seinen Gedichten ansprach: «Die Freundschaft aber gibt's, sie dauert fort, / Auch Zärtlichkeit von scheuen Männerhänden . . .» In Steigers konservativer Familie lag ein Tabu über diesem Thema. Anatols persönliches Archiv wurde nach seinem frühen Tuberkulose-Tod aus diesem Grund fast vollständig vernichtet. Steigers wechselnde Affären endeten in der Regel tragisch. Gerade die literarische Dimension der Männerliebe gewann jedoch für ihn besondere Wichtigkeit. Seine Poetik ist zu weiten Teilen dem «Klarismus» geschuldet, der 1910 von Michail Kusmin ins Leben gerufen wurde. Kusmin gehörte mit André Gide zu den ersten Schriftstellern, die ihre Homosexualität auch literarisch gestalteten. Solcher Mut imponierte Steiger: Später verband ihn auch mit den homosexuellen Literaten Juri Iwask und Georgi Adamowitsch eine langjährige Freundschaft.

Anatol von Steiger war ein überzeugter Aristokrat, der sein literarisches Werk im Bewusstsein schuf, zur intellektuellen Elite Europas zu gehören. Politisch engagierte sich Steiger zunächst auf der Seite der offen faschisierenden «Jungrussen», die von der Utopie einer russischen Welthegemonie beseelt waren. Diese monarchistische Exilorganisation versuchte zunächst mit Mussolinis und Hitlers Hilfe gegen die Sowjetherrschaft zu kämpfen, wechselte dann aber die Fronten und begrüsste den brutal gegen die Altbolschewiki vorgehenden Stalinismus als Beginn einer nationalen Revolution.

Allerdings erkaltete Steigers eher diffuses Interesse an den «Jungrussen» spätestens im Jahr 1937. Auf dem Höhepunkt von Stalins Terror wurde sein Halbbruder Boris als enger Mitarbeiter des in Ungnade gefallenen Geheimdienstchefs Genrich Jagoda verhaftet und erschossen. Umso hellsichtiger erfasste Steiger bereits sehr früh das verbrecherische Wesen des Nationalsozialismus. Im Jahr 1935 schrieb er in einem Brief: «Das Dritte Reich vermittelte mir den Eindruck eines Irrenhauses – Heidentum, rassistische Konsequenzen in Wissenschaft, Gesetzgebung und Alltag – sowie eines Armeelagers. Die Deutschen – alle – wollen den Krieg, und sie werden ihn selbst mit dem Risiko führen, selbst unterzugehen.»

Flucht vor der Bürgerlichkeit

Nach eigenem Bekunden rückte Anatol von Steiger in diesen Jahren «nicht nur täglich, sondern stündlich» nach links und vertrat zunehmend die Interessen des einfachen Volks, das von der depravierten Bourgeoisie unterdrückt werde. Allerdings lässt sich schon an seinen gewundenen Formulierungen ablesen, dass er nicht recht an den Erfolg seines politischen Programms glauben mochte: «In diesem Kräftemessen sind alle meine Sympathien auf Seiten des barbarischen Proletariats, obwohl ich überzeugt bin, dass auch es sich das Leben zur Hölle machen wird und so fort bis zur Neige der Zeiten.»

Mit Anatol von Steiger ist ein feinsinniger Dichter zu entdecken, dessen Werk sich einer Einordnung in modische Stilepochen konsequent verweigert. Sein Leben und Schreiben vollzieht eine Fluchtbewegung aus dem bürgerlichen Leben, das er immer mit der negativ verstandenen Chiffre «Schweiz» verband. Damit wird Anatol von Steiger erkennbar als Künstler, dessen prekäre Biografie sich mit dem Lebensweg anderer schweizerischer Outcasts seiner Zeit vergleichen lässt: Der Churer Avantgarde-Künstler Andreas Walser (1908–1930) floh aus der engen Bergwelt nach Paris, wo er nach einem Drogenexzess starb; Blaise Cendrars (1887–1961) aus La Chaux-de-Fonds umrundete die Welt und hinterliess ein umfangreiches lyrisches und erzählerisches Werk; der Genfer Charles-Albert Cingria (1883–1954) erkundete Europa auf dem Fahrrad und schlug sich als rhetorisch brillanter Gelegenheitsautor durch. Dieser konsequente Nonkonformismus, den auch Anatol von Steiger auszeichnet, sollte als genuin schweizerische Daseinsform ernst genommen werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0809 LYRIKwelt © U.M.S./NZZ