Diese Geschichte von Alessandro Baricco, 2007, Hanser

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Diese Geschichte.
Roman von Alessandro Baricco (2007, Hanser - Übertragung Annette Kopetzki).
Besprechung von Lars L. von der Gönna in der WAZ vom 16.2.2008:

Auf der Straße des Lebens
In seinem neuen Roman erzählt Alessandro Baricco von einem kurvenreichen Traum. Der Held sehnt sich nach der vollkommenen Auto-Rennbahn. Sein Leben aber spiegelt vor allem ein abschüssiges Jahrhundert

Um gleich ziemlich persönlich zu werden: Ein Buch, das von Autos handelt, hat bei mir keine Chancen. Das ist ungerecht, ich weiß. Aber Autos als Thema der Literatur sind das Blödeste von der Welt. Es langweilt mich. Punkt.

Den Punkt möchte ich seit einer Woche nicht mehr machen. Denn vor einer Woche habe ich ein Buch gelesen, in dem Autos und Autorennen und die Bahnen, die für diese Rennen gebaut werden, von großer Bedeutung sind. Und es ist ein prachtvolles Buch.

Das wiederum ist weniger verwunderlich, denn Alessandro Baricco ("Seide") hat es geschrieben, der Mann, der selbst einem Telefonbuch den Atem einer großen Saga einhauchen könnte. Es dauert keine paar Seiten, da hat er uns schon hineingezogen in das seltsame Fieber, das die Menschen der Jahrhundertwende in Frankreich, Italien oder Spanien erfasste, wenn sie die schnellsten Autos der Welt sahen, diese Motor-Majestäten einer neuen Epoche.

Die Menschen hatten es nicht weit, sie zu sehen, denn die Rennen, bei denen auch Marcel Renault mitfuhr, gingen damals durch ihre Städte und Dörfer - mit allen Tragödien ("Die Wolke kam mit einer Geschwindigkeit näher, die die Frau nicht kannte. Sie wiederum bewegte sich mit einer Langsamkeit, die der Pilot vergessen hatte."), welche am Wegesrand unvermeidbar waren. Das ist die Zeit, in die der schwächliche Knabe ("Er hat ein starkes Herz, sagte der Vater. Er hat Schwein, sagte die Mutter.") hineingeboren wird.

Sein Vater, Ultimo Parris Vater also, ist so verrückt, seine 26 Fassone-Rinder zu verkaufen, weil er die erste Garage in einer gottverlassenen Gegend gründen will. Es gibt keine Autos im Piemont, aber es gibt diesen Traum. Das ist ein Leitmotiv in dem Roman, der die ersten 70 Jahre des 20. Jahrhunderts spiegelt. Er heißt doppeldeutig "Diese Geschichte" und erzählt Historie in Scherben: aus dem Ganzen herausgebrochene und doch alles erzählende Stücke.

Ultimo begreift diese Welt früh als Straße. Und nur als Straße. Er sieht das Leben in Kurven und Kehren, in Linien, in ins Nichts führenden Geraden, gleich, ob ihm die Erotik eines schönen Frauenhalses das Blut aus dem Kopf zieht oder ihn das Erste-Weltkriegs-Trauma namens Caporetto erschüttert. Alessandro Baricco hat einen Roman geschrieben, in dem fragiler Chronistenhumor ("Die Sekretärin von Signor Gardini hatte ein Holzbein und einen sonderbaren Sprachfehler, beides sehr ungewöhnliche Eigenschaften bei einer Sekretärin.") einer schonungslosen Poesie der Tragödie begegnet. Beide Haltungen erzählen vom Versagen der Liebe, aber auch sehr tröstlich von der erlösenden Kraft der Fantasie.

Ultimo Parris nie versiegender Traum, eine Rennbahn zu bauen als Straße, die endet, wo sie beginnt, wird lange nach seinem Tod eine Frau noch einmal wahr werden lassen. Und sie wird in greiser, einsamer Schnelligkeit die letzte Kurve nehmen in diesem Roman, der das Auto als Vehikel nutzt, um kostbar einsichtig vom Menschen zu erzählen.

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Diese Geschichte von Alessandro Baricco, 2007, Hanser2.)

Diese Geschichte.
Roman von Alessandro Baricco (2007, Hanser - Übertragung Annette Kopetzki).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 15.04.2008:

Hymne auf das gar nicht tragische Leben

Fast fünf Jahre mussten wir warten auf diese Fortschreibung der Leserbezauberungsprogramme des Alessandro Baricco. Mit pathetischer Eleganz und zeitgeistfernem Sentiment pflegt der Autor aus Turin besessene Sonderlinge hinzustellen, die an ihre Visionen glauben, gegen alle Rationalität und Effizienz. Dazu schlägt er einen hohen, zugeneigten Ton an. So entstehen in sich schlüssige Gegenentwürfe, wunderbar anachronistisch und genau den Tick zu schön, nach dem man sich zumindest insgeheim sehnt.

Befreiung vom Mistgeruch

Sein magisches Rezept heißt Puccini: Pompös sein und das Publikum unterhalten. Ruhig klotzen und nicht kleckern. So braucht es auch im neuen, ganz und gar berückenden Opus nur eine Seite, bis die Signalworte "Traum" und "Wunder" fallen.

Wir schreiben das Jahr 1903 und sind gemeinsam mit Hunderttausenden nachts in Versailles. 224 Autos stehen im Garten des Königs. Es riecht nach Öl und Ruhm. Männer, die in ihren Monturen aussehen wie Insekten, machen sich auf, mit irrwitzigen 140 km/h durch die Landschaften bis nach Madrid zu rasen. "Haltet diese Idioten auf", wird bald der Präsident der Republik dekretieren, denn es gibt drei Sorten Tote: Fahrer, Zuschauer und von der neuen Zeit überrollte Anwohner.

Libero Parri hat davon gehört. Er ist eine dieser zutiefst sympathischen Baricco-Figuren. Unter absoluter Abwesenheit von Zweifeln ergreift er die Chance, sich vom Mistgeruch einer Gegend zu befreien, die nicht weiß, was Lebensfreude ist. Er verkauft seine Rinder und eröffnet eine Werkstatt. Wann es Autos gibt, kann nur eine Frage der Zeit sein. Verspottet und den Hof verpfändend, ist er sich sicher: Die Zukunft wird kommen. Jahre später klopft sie in Gestalt eines dekadenten Grafen, der den Duft der großen Welt bringt, seine Frau schwängert und ihn zum Mechaniker seines Automobils macht. Dem einzigen Sohn der Familie schenkt er ein Motorrad.

Um diesen Ultimo Parri wird es fortan gehen, ein kränkliches Kind mit der Aura eines Heiligen. Er hat die Antworten, wenn die Fragen noch gar nicht gestellt sind. Die Ordnungsform der neuen Zeit ist die Straße. Sie zähmt die Autos, ist das Medium kontrollierter Richtungsänderungen. Dem Entwurf einer idealen Rennstrecke wird er fortan alles widmen.

Die Szenen dieses wundervollen Romans passen die biografischen Verwerfungen seines Helden in diese Vision ein. Als großes Finale gibt es das Ende einer Liebesgeschichte, wie man es noch nicht gelesen hat. Auf dem Weg dorthin springt Baricco durch die Zeiten, skizziert Originale, wechselt Stile, Erzählperspektiven und Sprachmelodien, und doch verzahnt er die Ebenen stimmig. Ein Buch wie eine Hymne auf das gar nicht tragische Leben. (NRZ)

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