Die Seele der Männer von Klaus Schlesinger, 2003, Aufbau1.) - 2.)

Die Seele der Männer.
Erzählungen von Klaus Schlesinger (2003, Aufbau).
Besprechung von Roman Luckscheiter aus der Frankfurter Rundschau vom 19.07.2003:

Sozialismus, Schrullen und Liebe
Klaus Schlesinger schreibt an den Rissen innerbetrieblicher Vergangenheiten entlang

Der Sozialismus mit menschlichem Antlitz ist vermutlich ein Widerspruch in sich - allerdings ein fruchtbarer. Denn an ihm haben sich Generationen von Autoren abgearbeitet, die ihre Utopie wenigstens auf dem Papier existieren lassen wollten oder die gerade diesem Widerspruch nachspürten, um in ihm etwas Allgemein-Menschliches zu entdecken. Die erlittenen Konflikte zwischen dem eigenen Streben nach Glück und der verordneten Beglückung schienen dazu prädestiniert, die alten Fragen von Individuum und Gesellschaft, von Privatheit und Öffentlichkeit neu zu erörtern. Wer dies aus der Binnenperspektive unternahm und dabei Augen und Mundwerk zu weit offen hielt, dem erledigte das System freilich bald jeden Diskussionsbedarf. Das musste auch Klaus Schlesinger erfahren, als er 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurde, weil er gegen eine Verurteilung Stefan Heyms protestiert hatte.

Er übersiedelte in die Bundesrepublik und erlebte dort die "Schwierigkeit, ein Westler zu werden", wie eines seiner letzten Bücher hieß. So hat er sich immer für den Begriff der "DDR-Literatur" ausgesprochen, zu der er auch sein im Westen entstandenes Werk zählte: DDR-Literatur, das seien alle Texte, "die die DDR zum Gegenstand haben, die in der DDR spielen oder die mit der DDR in irgendeine Beziehung zu setzen sind", die sich das "Erzählen bewahrt" und "die ganze Postmoderne gespart" hätten, erklärte Schlesinger in einem Gespräch mit Studenten im Jahr 1999. Zwei Jahre nach seinem Tod sind nun - zusammen mit eben diesem Gespräch - seine gesammelten Erzählungen aus den sechziger und siebziger Jahren sowie ein Romanfragment aus dem Nachlass erschienen. Die Erzählungen handeln von den gewaltsamen Absurditäten der deutschen Geschichte, verknüpfen private Trennungs- mit politischen Teilungserfahrungen, kindliche Sehnsüchte mit den herben Enttäuschungen des Erwachsenwerdens.

Inmitten des zum Teil surreal vermittelten Wahnsinns einer doktrinär verwalteten Gesellschaft stehen ganz simple Menschen, die sich, wie in der Erzählung "Der Niedergang des Kleinhandels", die idealistische Frage nach dem Sinn des Lebens stellen: "Wonach richtet sich denn heute alles? Mit sechs zu den Pionieren, mit vierzehn in die FDJ, mit achtzehn in die Partei und mit zwanzig in den Neubau." Da scheint die Perspektive interessanter, dass der Sohn einmal den Laden seiner Eltern wird übernehmen können. Nachdenklich kommentiert Frau Fackeldey: "Ja, einen Sinn braucht man schon."
Im Romanfragment Die Seele der Männer, das einmal den sehr viel durchsichtigeren Arbeitstitel "Die Liebe in den Zeiten volkseigener Betriebe" getragen hat, werden die staatlichen Sinnangebote weiter karikiert. In einer Fabrik für Isolierstoffe und Kondensatoren geht Brehm Mitte der fünfziger Jahre in die Lehre und begegnet neben den Schrullen sozialistischer Ökonomie auch den Tücken übertriebenen Engagements. Sein Kollege Lefty beispielsweise ist für die sogenannte "Sichtagitation" verantwortlich und muss die Frontseite der Kantine, die auch als Kulturraum fungiert, mit immer neuen Parolen verzieren; doch als er es mit dem Enthusiasmus eines gelernten Schildermalers zu genau nimmt und ein Transparent in Gutenbergfraktur gestaltet, wird gegen ihn der Vorwurf des Formalismus erhoben. "Vielleicht nimmst du das zu ernst, sagte Brehm. Da guckt doch sowieso keiner hin. - Das ist es ja! Man sitzt zwei Tage von morgens bis abends, und dann guckt keiner hin."

Damit ist ungefähr die innerbetriebliche Stimmung geschildert, die in ihrer Lethargie genügend Spielraum ließe, wenigstens in der Freizeit kreativ zu werden, wenn nicht auch hierfür schon mit staatseigenem Kabarett vorgesorgt wäre. Nur im Verhältnis zwischen den Geschlechtern bleibt das menschliche Antlitz des Kollektivs noch gewahrt - da wird dann endlich auch einmal "hingeguckt", wenn jemand die Halle durchquert. Mancher Blick macht Appetit auf mehr, so dass der Lehrling zu ersten Landpartien eingeladen wird, arrangiert von seinem Kumpel, der kuppeln will. Doch wiederholt sich in dieser Konstellation eben jene oktroyierte Glückspolitik, die in ihrer Unbeseeltheit nicht allzu weit zu tragen vermag. Schlesingers unchronologischem Schreibprozess verdankt es sich, dass trotz der schicksalhaften Fragmentarität des Romans dessen Pointe noch überliefert ist. Sie setzt der Politik des Arrangements den Zufall entgegen, die Willkür der Liebe. Und die wenigstens duldet keine Widersprüche.

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Die Seele der Männer von Klaus Schlesinger, 2003, Aufbau2.)

Die Seele der Männer.
Roman und Erzählungen von Klaus Schlesinger (2003, Aufbau).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 05.08.2003:

Die Seele der Männer
Wahrhaftig ein sozialistisch-realistischer Stilist: Über ein nachgelassenes Romanfragment und Erzählungen von Klaus Schlesinger.

In einem nachgelassenen Romanfragment und sieben Erzählungen beschreibt Klaus Schlesinger Körper und Seelen "Sie stand, die Stirne an die Scheibe gelehnt, hinter der Tür des zweiten Wagens, mit ernster Miene und, wie Brehm fand, unendlich müden Augen, aber als sich ihre Blicke trafen, fiel auf ihr Gesicht ein so froher Ausdruck, ein so glückliches, durch keine anmutige Handbewegung verdecktes Lächeln, dass Brehm, der nur ganz nebenbei, wenn auch überrascht, den Schatten einer lückenhaften Vorderzahnreihe registrierte, vor Glück fast vergessen hätte einzusteigen."

Dies ist der letzte Satz des sechsten und letzten vorliegenden Kapitels des Romans "Die Seele der Männer", an dem Schlesinger bei seinem Tod 2001 arbeitete. Es ist dem Autor zu wünschen, dass dies der allerletzte Satz gewesen ist, den er schrieb, und dass er Inhalt und Ton dieses Satzes selbst erfuhr; denn stilistisch stellt er viele der Schönheiten von Schlesingers Prosa vor, die stete Bewegung vorwärts etwa, die durch Einschübe verzögert und rhythmisiert wird, oder die Direkt- und Schlichtheit des Vokabulars, das jedermanns und jederfraus Gefühle ergreift, begreift und sie wichtig und deswegen unsentimental erscheinen lässt. Inhaltlich aber spricht eine Heiterkeit aus dem Satz, eine gelassene Sicht auf Mensch und Welt, die Schlesingers früheres Werk nur selten vermittelte.

Bedeutsame Details

Dieses kann - vom ersten bis zum letzten Roman, von Michael (1971) bis Trug (2000) - als Muster eines wahrhaft sozialistischen Realismus gelesen werden dank der Genauigkeit mit der Arbeit, ihre Abläufe, ihre Geräusche und Gerüche, ihre körperlichen, emotionalen, ideologischen Auswirkungen, mit der Topographien, insbesondere die Berlins, dargestellt werden. Und zwar so dargestellt werden, dass die Details bedeutend, beispielhaft werden, symbolische Dimension gewinnen. Und (Alb-) Traumhaftes enthüllen.

Es ist deshalb gut, dass der Verlag zu dem Romanfragment auch fünf Erzählungen in den Band aufnimmt, die bereits 1977 unter dem Titel "Berliner Traum" erschienen sind und diese Seite von Schlesingers Werk erkennen lassen. Und dass er sie um eine frühe und eine späte Geschichte, um "David" (1960) und "Marco mit c. Wie Marco Polo" (1990), vermehrt; den diese dokumentieren nicht nur Schlesingers stilistische Vielfalt, sein Einfühlungsvermögen in die kindliche bzw. jugendliche Psyche, sondern auch aufrüttelnd eines seiner Zentralthemen, der Verrat der Erwachsenen. (Dass diese sieben Erzählungen, aber nicht Die Erzählungen sind, wie der Buchtitel irreführend nahe legt, sollte ein ehrenwerter Verlag wissen.) Zusammen ergeben Romanfragment und die Auswahl an Erzählungen zwar kein Gesamtbild, aber sie machen sichtbar, dass hier ein Autor am Werk ist, dem mit Gesinnungskritiken, wie sie die politischen Zeitläufte des Kalten Krieges oder der Wendezeit geradezu zu erzwingen schienen, nur wenig gedient ist: Der Realist, der Stilist Schlesinger verdient all unsere Aufmerksamkeit.

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