1.) - 2.)
Die Seele
der Männer.
Erzählungen von Klaus
Schlesinger (2003, Aufbau).
Besprechung von Roman Luckscheiter aus der Frankfurter
Rundschau vom
19.07.2003:
Sozialismus,
Schrullen und Liebe
Klaus Schlesinger
schreibt an den Rissen innerbetrieblicher Vergangenheiten entlang
Damit ist ungefähr die innerbetriebliche Stimmung geschildert, die in ihrer Lethargie genügend Spielraum ließe, wenigstens in der Freizeit kreativ zu werden, wenn nicht auch hierfür schon mit staatseigenem Kabarett vorgesorgt wäre. Nur im Verhältnis zwischen den Geschlechtern bleibt das menschliche Antlitz des Kollektivs noch gewahrt - da wird dann endlich auch einmal "hingeguckt", wenn jemand die Halle durchquert. Mancher Blick macht Appetit auf mehr, so dass der Lehrling zu ersten Landpartien eingeladen wird, arrangiert von seinem Kumpel, der kuppeln will. Doch wiederholt sich in dieser Konstellation eben jene oktroyierte Glückspolitik, die in ihrer Unbeseeltheit nicht allzu weit zu tragen vermag. Schlesingers unchronologischem Schreibprozess verdankt es sich, dass trotz der schicksalhaften Fragmentarität des Romans dessen Pointe noch überliefert ist. Sie setzt der Politik des Arrangements den Zufall entgegen, die Willkür der Liebe. Und die wenigstens duldet keine Widersprüche.
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2.)
Die Seele
der Männer.
Roman und Erzählungen von Klaus
Schlesinger (2003, Aufbau).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der
NRZ vom
05.08.2003:
Die Seele der Männer
Wahrhaftig ein sozialistisch-realistischer
Stilist: Über ein nachgelassenes Romanfragment und Erzählungen von Klaus
Schlesinger.
In einem nachgelassenen Romanfragment und sieben Erzählungen beschreibt Klaus Schlesinger Körper und Seelen "Sie stand, die Stirne an die Scheibe gelehnt, hinter der Tür des zweiten Wagens, mit ernster Miene und, wie Brehm fand, unendlich müden Augen, aber als sich ihre Blicke trafen, fiel auf ihr Gesicht ein so froher Ausdruck, ein so glückliches, durch keine anmutige Handbewegung verdecktes Lächeln, dass Brehm, der nur ganz nebenbei, wenn auch überrascht, den Schatten einer lückenhaften Vorderzahnreihe registrierte, vor Glück fast vergessen hätte einzusteigen."
Dies ist der letzte Satz des sechsten und letzten vorliegenden Kapitels des Romans "Die Seele der Männer", an dem Schlesinger bei seinem Tod 2001 arbeitete. Es ist dem Autor zu wünschen, dass dies der allerletzte Satz gewesen ist, den er schrieb, und dass er Inhalt und Ton dieses Satzes selbst erfuhr; denn stilistisch stellt er viele der Schönheiten von Schlesingers Prosa vor, die stete Bewegung vorwärts etwa, die durch Einschübe verzögert und rhythmisiert wird, oder die Direkt- und Schlichtheit des Vokabulars, das jedermanns und jederfraus Gefühle ergreift, begreift und sie wichtig und deswegen unsentimental erscheinen lässt. Inhaltlich aber spricht eine Heiterkeit aus dem Satz, eine gelassene Sicht auf Mensch und Welt, die Schlesingers früheres Werk nur selten vermittelte.
Bedeutsame Details
Dieses kann - vom ersten bis zum letzten Roman, von Michael (1971) bis Trug (2000) - als Muster eines wahrhaft sozialistischen Realismus gelesen werden dank der Genauigkeit mit der Arbeit, ihre Abläufe, ihre Geräusche und Gerüche, ihre körperlichen, emotionalen, ideologischen Auswirkungen, mit der Topographien, insbesondere die Berlins, dargestellt werden. Und zwar so dargestellt werden, dass die Details bedeutend, beispielhaft werden, symbolische Dimension gewinnen. Und (Alb-) Traumhaftes enthüllen.
Es ist deshalb gut, dass der Verlag zu dem Romanfragment auch fünf Erzählungen in den Band aufnimmt, die bereits 1977 unter dem Titel "Berliner Traum" erschienen sind und diese Seite von Schlesingers Werk erkennen lassen. Und dass er sie um eine frühe und eine späte Geschichte, um "David" (1960) und "Marco mit c. Wie Marco Polo" (1990), vermehrt; den diese dokumentieren nicht nur Schlesingers stilistische Vielfalt, sein Einfühlungsvermögen in die kindliche bzw. jugendliche Psyche, sondern auch aufrüttelnd eines seiner Zentralthemen, der Verrat der Erwachsenen. (Dass diese sieben Erzählungen, aber nicht Die Erzählungen sind, wie der Buchtitel irreführend nahe legt, sollte ein ehrenwerter Verlag wissen.) Zusammen ergeben Romanfragment und die Auswahl an Erzählungen zwar kein Gesamtbild, aber sie machen sichtbar, dass hier ein Autor am Werk ist, dem mit Gesinnungskritiken, wie sie die politischen Zeitläufte des Kalten Krieges oder der Wendezeit geradezu zu erzwingen schienen, nur wenig gedient ist: Der Realist, der Stilist Schlesinger verdient all unsere Aufmerksamkeit.
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