Frühstück mit Max von Ulrike Kolb, Klett-CottaDiese eine Nacht.
Roman von Ulrike Kolb (2003, Klett-Cotta).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 26.3.2003:

Den Trichter ins Koma halten

Ulrike Kolb lässt sich in ihrem neuesten Roman "Diese eine Nacht" auf ein riskantes Erzählexperiment ein

Das Phänomen Sprache, sagt Niklas Luhmann, ist ein Phänomen der Aufmerksamkeit: Wenn gesprochen wird, sind wir vollkommen absorbiert, können uns mit nichts anderem beschäftigen und uns auf nichts anderes konzentrieren. Wie nur ganz wenige andere Geräusche erfordert Sprache unsere ganze Anteilnahme. Vielleicht ist das der Grund, weshalb der Arzt die Erzählerin in Ulrike Kolbs neuem Roman auffordert, am Bett des Koma-Patienten Zott auszuharren: "Sie müssen mit ihm sprechen, hat der Arzt gesagt, jemand muss ihn zurückholen, jemand, der ihm nahesteht." Die Konstruktion ist bekannt: In ihrem autobiographischen Roman Paula (1995) folgt Isabel Allende genau dieser Fiktion - sie erzählt ihrer Tochter die eigene Familiengeschichte, um sie aus dem Koma zurückzuholen. Und in Pedro Almodóvars Film Sprich mit ihr (2002) wird der jungen Koma-Patientin Alicia ein Schicksal zuteil, das Kleists Geschichte der Marquise von O. in den Grundzügen auffällig ähnelt. Ob es jedoch die Schwangerschaft ist, die Alicia am Ende erlöst, oder der ungebremste Redefluss ihres Pflegers Benigno, bleibt offen.

Sprache und Kommunikation sind auf Verständnis aus und auf Verstehen angewiesen. Ohne einen, der zuhört, gäbe es keinen, der spricht. Insofern ist das Problem, einen Roman auf monologischer Rede aufbauen zu wollen, intrikat: Immer wird sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Sprechsituation in den Vordergrund schieben. Isabel Allende hat es da leichter: Sie schreibt für ein weibliches Massenpublikum, und ihr Buch wird durch den authentischen Fall ihrer Tochter quasi aus der Zone der Kritik genommen. Ulrike Kolb muss eine große Hürde nehmen: Sie schreibt für ein kleines, wählerisches Publikum und rührt an eine der Risikofragen der Literatur, nämlich wie ein Autor Informationen über seine Figuren verteilt, ohne dabei unglaubwürdig zu werden. Denn heikel ist es in jedem Fall, den Stand der Dinge zu referieren, wenn er den Romanfiguren bereits geläufig ist, und den Leser mit Vorgeschichten zu behelligen, wenn das "unerhörte Ereignis" längst eingetreten ist.

Ulrike Kolbs Erzählerin Vera sitzt am Krankenbett ihres komatösen Jugendfreundes Zott. Sie beschwört ihn aufzuwachen, sie hält und massiert ihm die Hand, sucht Hautkontakt, benetzt seine Lippen mit einem Schwamm - und spricht mit ihm, offenbart ihm Geheimnisse, die sie ihm, wäre er bei Bewusstsein, wohl niemals anvertrauen könnte. Die Therapie, so scheint es, gilt eher ihr: Sie soll sich freisprechen von Zott als einer fast lebenslangen Obsession.

Zott wird auf diese Weise zum Katalysator einer forciert ungeschützten Lebensbeichte, in der all das zur Sprache kommen kann, was sonst Scham und Schuld unterdrücken würden: Die Nöte der Pubertät in der klösterlich-puritanischen 50er-Jahre-Welt etwa, in der der erste Freund so etwas wie ein Vergehen war. Damals haben sie sich geliebt und sich (fast) alles erzählt, und bevor es dann später zu einer unschönen Eifersuchtsszene mit Trennungsfolge kam, haben sie sich sogar eine Wohnung geteilt. Nach der Trennung von Franz hat sie eine Psychoanalyse angefangen, und ihr Arzt diagnostizierte "magisches Denken" bei ihr, die Neigung, sich "Trugbilder" zu schaffen, "um die Wirklichkeit nicht sehen zu müssen". Dabei heißt sie Vera, Wahrheit, und ihr Verismus ist im Wortsinne schonungslos: "Ungeschminkt" ist sie ins Krankenhaus geeilt, ungeschminkt und elend sitzt sie hier fest und atmet die Luft von Blut, Schweiß und Tränen.

Als Analysandin eines "klassisch" arbeitenden Therapeuten ist sie es gewohnt, von ihren Niederlagen zu erzählen und Dinge anzusprechen, die eigentlich nicht mitteilbar sind - und das ist durch und durch peinvoll, für den Leser ebenso wie für die Protagonistin. Für die Autorin auch? Das nicht nur hypothetische, sondern manifest ästhetische Problem, die Fiktion eines Romans als eines monologisch gesprochenen Textes von 200 Druckseiten Länge aufrecht zu erhalten, ist ja kaum zu lösen. Daran ändern die Kunstgriffe der literarischen Moderne und die Spitzenleistungen auf dem Gebiet der Erlebten Rede oder des Inneren Monologs wenig. Umso mehr ist Ulrike Kolb für ihren Mut zu bewundern: Schon ihr letztes Buch operierte mit dem Skandal der Sprechsituation, bereits ihr Roman ohne Held (1997) konnte seinen Avantgarde-Titel nicht einlösen. Ist sie daraus nicht klüger, nicht vorsichtiger geworden?

Es ist ein Drahtseilakt: Wenn ihrer Geschichte Wahrscheinlichkeit zukommt, so verdankt dies Ulrike Kolb unserer Schriftkultur, denn im Gegensatz zu unseren Alt-Altvorderen, die sich noch mit einer ungrammatischen Rumpfsprache verständigen konnten, tendieren wir dazu, bereits in der Mitteilung die Bedingungen für ein (auch späteres) Verstehen mitzuliefern. Und die Balance einer für Zott artikulierten Redeform, die auch für Fremdadressaten verständlich bleibt, ist Ulrike Kolb im wesentlichen geglückt. Über ein mögliches Zuviel der Worte, die Vera an Zott richtet, kann ein Kritiker schlecht urteilen.

Darüber hinaus musste es Ulrike Kolb darum gehen, mehr Gefühl und weniger Glätte zu zeigen und dennoch eine Schmachtprosa à la Allende zu vermeiden. Mit verschiedenen Mitteln hat sie das (mit Ausnahme der letzten Seiten vielleicht) recht überzeugend geleistet - einerseits mit Hilfe der aus ihren früheren Büchern schon bekannten Drastik, andererseits durch sparsam dosierte Komik: Die Autorin hat sich die zahlreichen Gelegenheiten, Veras Rückblick auf ihre Konflikte mit Zott, den Freundinnen und der Familie fast schon slapstickhaft abzufedern, nicht entgehen lassen, und so hält Vera dem Louis Armstrong-Impersonator Zott einmal eine Zinkwanne vors Gesicht, damit seine Stimme mehr Volumen kriegt. Mit solch einem Trichter müsste sie eigentlich auch in sein Koma hineinsprechen, um ihn aufzuwecken. Denn soviel weiß sie: Mit Seufzern allein ist ihm nicht geholfen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0303 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau