Die Schwingen des Todes von Faye Kellerman, 2003, BertelsmannDie Schwingen des Todes.
Roman von Faye Kellerman (2003, Bertelsmann).
Besprechung von Viola Keeve aus Jüdische Allgemeine:

Gute Juden koksen koscher
„Die Schwingen des Todes“: Faye Kellermans Krimi zeigt die dunklen Seiten des New Yorker ultraorthodoxen Milieus

Rina Lazarus hat keine guten Nachrichten für ihren Mann, Lieutenant Peter Decker vom L.A. Police Department. In der Familie seines Halbbruders Rabbi Jonathan Levin ist etwas Schreckliches geschehen: In einem schäbigen Hotelzimmer in Manhattan ist die nackte Leiche von Ephraim, dem Schwager des Rabbis in einer Blutlache gefunden worden. Ephraims fünfzehnjährige Nichte, die mit ihm auf dem Zimmer gewesen sein soll, ist spurlos verschwunden.

Decker soll nach New York fliegen und privat ermitteln, bittet die chassidische Verwandschaft, aber behutsam, mit Samthandschuhen: Schalom bajit, der häusliche Frieden, ist in Gefahr. Doch in New York wird Decker alles andere als freudig erwartet. Für Chaim und Minda Lieber, die Eltern des verschwundenen Mädchens, ist er, der moderne Orthodoxe, ein Apikores, ein jüdischer Ungläubiger, dem man nicht trauen kann. "Wenn man nicht einer von ihnen ist, zählt man nicht", weiß der jüdische Detective Nowak von der New Yorker Polizei über die Chassiden zu berichten. Hershfield, der Anwalt der Familie Lieber, erklärt es Decker so: „Wir sind beide frum Jiddim, die versuchen, die Welt für einen Haufen Schwarzhüte zu retten, die uns für Gojim halten“.
Trotzdem macht Decker sich auf die Suche nach der verschwundenen Nichte. War sie Zeugin des Mordes? Oder ist sie aus Angst geflohen, ein gefallenes Kind, das nicht mehr zurück kann in die strenggläubige Gemeinschaft. Denn es geht um ein Tabuthema, Sex, möglicherweise noch zwischen Onkel und Nichte. „Halacha-technisch kommt es dem Inzest gleich“, erklärt Anwalt Hershfield. Decker spürt: Er muß sich beeilen, wenn er das Mädchen noch lebend finden will - und der Weg führt nur über die Chassidim. Dabei gerät er in ein Labyrinth aus Lügen, Drogen, Betrug, Einschüchterungen und sexuellen Abhängigkeiten - und bringt sich und seine Familie in die Schußlinie.
Manchen jüdischen Lesern in den USA war das zu kritisch. „Jüdischer Selbsthaß“ wurde Faye Kellerman gar vorgeworfen. Dabei macht gerade der Konflikt zwischen einem modernen Orthodoxen wie Pete Decker und den chassidischen Juden diesen Krimi so spannend und - über die Krimihandlung hinaus - lesenswert, weil die Autorin ein vielschichtiges Bild von jüdischem Alltag in Amerika zeichnet. Wie die berühmten Rabbi-Small-Krimis von Harry Kemelman gibt Kellerman intensive Einblicke in die Sprache, die Rituale, die Denk- und Lebensweise einer jüdisch-amerikanischen Subkultur.
Gleichzeitig ist Die Schwingen des Todes ein grandioser New York-Roman, der sich liest wie ein poetischer Reiseführer durch die amerikanische Metropole: Die düsteren Industriegelände von New Jersey, der idyllische Riverside-Park, das trendige East Village, Harlem, die schleichend verfallende Shona-Bailey-Area, das frühere Lieblingsviertel der Internetmillionäre, die elegante Upper East Side, auf der Rina ihren Kaufrausch sättigt, das chassidische Borough Park. Und Quinton, wo die reichen Chassidim wohnen: Eine teure, ländlich anmutende Vorstadt mit zweigeschossigen Backsteinhäusern auf großzügigen Grundstücken mit Geländewagen und Mercedes-Limousinen in der Auffahrt, geschwungenen Alleen, hohen Bäumen, altmodischen Straßenlaternen - und kriminalität: Detective Nowack zeigt Decker, wo auch hier gedealt wird - und wie fromme Süchtige Kokain koscher konsumieren: per Spritze, durch Dämpfe inhalierend oder mit einem Strohhalm durch die Nase, Hauptsache nicht oral.
Die Schwingen des Todes ist ein temporeicher, leicht zu lesender Ausflug in eine fremde, faszinierende Welt, spannend und lehrreich. Faye Kellerman hat recht: „Es gibt nichts, was so fesselnd ist wie ein Mord. Es spricht die Tiefen der menschlichen Seele an, ähnlich wie es die Religion tut.“

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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