Die Schwester des Don Quijote von Martin Kessel, 202, Schöffling

Die Schwester des Don Quijote.
Roman von Martin Kessel (2002, Schöffling).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 5.9.2002:

Schönheit mit Melancholie
Viel elektrisches Licht: Mit "Die Schwester des Don Quijote" geht die Wiederentdeckung Martin Kessels weiter

Im Strom des Unverfänglichen erscheint 1938 der Künstler-Roman Die Schwester des Don Quijote. Nach sechsjährigem Schweigen zeigt sich Martin Kessel wieder als Autor. Schreibt hier ein Rebell von gestern, der Kleist-Preisträger von 1926, als gäbe es unterm Hakenkreuz keine literarische Gegenwart mehr?

Der 1901 in Plauen geborene Martin Kessel hatte mit zweiundzwanzig Jahren "Studien zur Novellentechnik Thomas Manns" an der Universität Frankfurt zur Promotion eingereicht. Er schont den Erfolgsautor nicht. Über "Kleinmalerei, die Armut der Motive, die Bevorzugung der Beseelung auf Kosten der Erfindung" führt sein Diskurs, bis er dann beim Tod in Venedig eine "stereotype Haltung des Meisterstils" zu erkennen glaubt. Kessel wollte andere Wege gehen als Thomas Mann. Er wird auch anders schreiben als die Namhaften seiner Generation. Sein erster Roman gibt sich als Opus magnum, fünf Jahre hatte er daran geschrieben: Herrn Brechers Fiasko. Als er im Dezember 1932 erschien, war es zu spät. Das Buch ging im Geschrei von Hitlers Machtantritt unter. Der Stoff kam aus dem Bauch von Berlin. Kessel zeigt den "funktionellen Verdauungsprozess" von Metropolis. Am Morgen werden Kolonnen unausgeschlafener Angestellter von einem Labyrinth aus Büros verschluckt und nach Feierabend wieder ausgespuckt. Dazwischen liegt ein mit Neuer Sachlichkeit normierter Büroalltag. Was als "Menschenart für den kapitalistischen Betrieb ungeeignet" ist, wird ausgeschieden. So erleidet auch der Bürorebell Max Brecher sein Fiasko. Als die Weimarer Republik kollabierte, wollte davon keiner etwas lesen.

Kessel opfert seine Literatenexistenz nicht einem Reichsschrifttum. Er wechselt die literarischen Mittel, aber nicht die politischen Seiten. Auch dem Deutungsgeraune "innerer Emigration" erliegt er nicht. Er wird durch Erich Kästner in das namenlose Script-Gewerbe der Filmindustrie einbezogen. Eine Theaterkomödie entsteht unter Pseudonym. "Alle Komik ist ein abgewandeltes Schrecknis" heißt es in einem seiner Aphorismen. Die Schrecken der UFA sind nicht nur süß, sie trainieren die Autoren, Zeitbezüge zu meiden. Und nichts ist dafür geeigneter als die Farce. Martin Kessel, der Bildungsliterat, schaut tief ins UFA-Uhrwerk, dann wieder auf Thomas Mann und Fontane. Was folgt, ist kein "Meisterstil", wohl aber "die Bevorzugung der Beseelung auf Kosten der Erfindung". Die Schwester des Don Quijote, mehr Novelle als Roman, kehrt zurück zum Künstlertum mit seiner mythischen Seite von Schaffensnot, Lebens- und Liebeskampf. Der Weg zum grotesken Kammerspiel ist kurz. Einen "intimen Roman" wird Kessel das nach dem Kriege nennen.

Die Details des Umzugs eines Künstler-Hausstandes mit einem Gemüsefuhrwerk eröffnen das Ganze. Fast zeitgleich mit Nabokovs erstem Kapitel der Gabe ist eine der schönsten Umzugsszenen entstanden. Der Jungmaler Theo Schratt zieht quer durch Berlin nach Wilmersdorf unter die "Eisenbahner und Schutzmannswitwen, pensionierten Geldbriefträger". Die Schupo-Witwe Veitzuch gibt die alltagsumspannende Zimmerwirtin: Damenbesuch und so viel elektrisches Licht? Kann man vom Malen leben und werd' ich jetzt auch berühmt? Der erste Akt der Farce inmitten aller Klischees von Wohlanständigkeit, Sparsamkeit und allesfressender Neugier.

Der zweite Akt entfaltet die Sinnesreize für das Schaffen. Der vereinzelte Künstler und die Dame der Gesellschaft als Modell. Ein autodidaktischer Schwerarbeiter und eine "Schönheit mit Melancholie", wenn auch schon ein klein bisschen welk an den Rändern. Saskia Skorell ist verwitwet, um die Erbschaft wird noch prozessiert. Zwischenzeitlich hat die blonde Dame "Tarlatan-Allüren", was nichts anderes heißt als die Aufregung, sich mit Haute Couture vor der Natur zu retten. Sie interessiert sich für Kunst und sitzt für Maler bei geistesgetönter Konversation. Auch mit seinem Mentor Njeshowski teilt sich Schratt das grazile Modell. Den Skorell-Salon belebt die Gesellschafterin Mymmchen. Mit den Bewegungen "einer gezähmten Tanzmaus" und dem Mundwerk der Ku'damm-Berlinerin schafft sie den Bewunderungsraum für die Mittelpunkts-Frau. Die Zyniker der Gesellschaft halten Saskia Skorell für "ein Ergebnis der Aufzucht und der Liebhaberei". Ein Teil ihrer Kunstbegeisterung gilt den Männerstiefeln in der Malerei. Ein stiefeltragender Legationsrat steht zur Heirat bereit. In dieses Arrangement platzt Theo Schratt. Er trifft auf das Spiel einer Frau mit dem Leben. Bald verrät ihm die Aufladung der Szene, "so etwas erfasst man nicht, indem man es abmalt". Die Groteske nimmt ihren Lauf.

Eine Modell-Sitzung, ein Spaziergang, eine Blaue Stunde und es ist geschehen. Aber auch das Savoir-vivre gehört zur Vormoderne, nach dem ersten Kuss gibt's Huhn auf Reis. "Kleopatra ohne Ägypten", nennt Kessel sein Cherchez la femme, "eine Sphinx in der Wüste ihrer Einbildungswelten - was war dann die Dame, wenn nicht ein Traum ihrer selbst, ein Vexierbild ihrer Spiegelnatur, ein der Parodie benachbartes Ideal, kurz, die Schwester des Don Quijote?" So malt Theo Schratt die Dame Skorell in der Spiegel-Perspektive mit dem Schatten der Zimmerwirtin Veitzuch im Rücken. Der Begehrlichkeit von Kunst und Leben steht der aufdringliche Alltag entgegen. "Sein Verhängnis", das Vulgäre drängt sich ins Bild.

Mit dem dritten Akt gewinnt alles an Fahrt. Frau Skorells Treuhänder hat unterschlagen und sich erschossen. Das Erbe ist dahin. Die Modell-Diva reist nach Sizilien. Aufgefordert ihr zu folgen, endet die kühne Autofahrt an der Seite Njeshowskis auf der Höhe von Plauen. Theo Schratt kehrt blessiert zur Wilmersdorfer Witwe zurück. Mit letzter Anspannung kommt er seinen künstlerischen Erwartungen näher. Das Modell ist entschwunden, das Gemälde scheint zu gelingen.

Saskia Skorell rettet im Final-Akt ihren gehobenen Lebensstil durch Heiratspläne. Für den Maler bleibt ein Briefabschied wie aus der Goethe-Zeit, "nur das gehört uns ganz, was wir opfern, unser Opfer ist ein Teil unserer selbst". In den Silvesterabend flattert diese Nachricht, der Maler stürzt sich in die knallende Berliner Nacht. Als er entgeistert zurückkehrt, hantiert die Wirtin Veitzuch mit offenem Licht vor dem Gemälde und man fürchtet sich schon wie bei Canettis Blendung. Sie kratzt am Bild herum. Ertappt, trifft sie der Schlag. Das unerhörte Ereignis gibt Theo Schratt den Malermut, alle Misstöne auf dem Gemälde zu tilgen. Frau Veitzuch bleibt verhängnisvolle Nebelgestalt, Saskia Skorell "aber zeigt sich in vollendeter, gelblich getönter Nacktheit".

Die Sprachgewalt von Herrn Brechers Fiasko, die literarische Antwort Martin Kessels auf Siegfried Kracauers Angestelltenwelt, ist mit der Schwester des Don Quijote einem konventionellen Kammerton gewichen. Von dem Moloch Berlin ist nur der Rhythmus der Stadt-Bahn geblieben, die am Siedlungshäuschen vorbeidonnert. Wenn Theo Schratt an der entblößten Salondame malt, "unbekümmert um den Vorgang der Welt", steht die Zeit still. Der Adolf-Hitler-Platz trägt weiter seinen Namen aus der Weimarer Republik, kein Braunhemd zeigt sich, kein Wort von "entarteter Kunst". Wenn Schratts Mentor Njeshowski über die Moderne höhnt, ein "Reichsschamhaar-Maler" wie Adolf Ziegler ist er nicht.

Ohne Zeitbezüge zu schreiben, ist im Nationalsozialismus nicht ungewöhnlich und noch kein ästhetischer Widerstand per se. Ja, unpolitisches Schreiben sah man im Propaganda-Ministerium nicht ungern. Wie wirkungsvoll die Pause vom Marschtritt war, hatten die UFA-Filme gezeigt. In einigen Fällen, so bei Friedo Lampe, entsteht Literatur, in anderen weniger. Auch Martin Kessel sucht das scheinbar zeitlos Gültige. Wenn ihm das zu unheimlich wird, durchbricht er mit einem Querstrich die angehaltene Zeit. Dann gibt es den Bäckerlehrling, der keine kleinen Brötchen backen will, sondern das Völkerschlachtdenkmal im Zuckerguss.

Aber die verbrannten Brötchen zerstören alles und der selbstermächtigte Tortenkünstler endet als Postkartenmaler. Solche Anspielungen auf den "Kunstmaler" aus Braunau sind 1938 aber kaum noch komisch. Andere Wirkung entfaltet ein Satz über die Zimmerwirtin: "Von den Juden sprach sie nur flüsternd." Das ist bei Kessel der härteste Ausdruck für die Nazi-Verwüstung.

Martin Kessel zeigt sein Vermögen zum Genre-Wechsel mit einer Künstler- und Liebesgeschichte. Ein Versuch, sich aus dem Nazi-Alltag mit einer gewissermaßen klassischen Form zu retten. Wo das Groteske sich zeigt, arbeitet es schließlich subversiv. Das ist bis zu Kessels Tod im April 1990 zu wenig erkannt worden. Daran konnte auch der Büchner-Preis von 1954 nichts ändern.

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