Die Schweizer
Korrektur.
Essays von Brigitte
Oleschinski, Durs
Grünbein, Peter
Waterhouse (1995, Edition Engeler).
Besprechung von Charitas Jenny-Ebeling in Neue Züricher Zeitung vom
7.11.1995:
Zwischen den Spalten: Poetologische Essays
Eine solche Idee muß man erst einmal haben!
Verwirklichung ist der zweite, nicht unbedingt einfachere Schritt. Urs Engeler, dem
Herausgeber der Poetik-Zeitschrift «Zwischen den Zeilen», ist beides gelungen. In
weinrotem Umschlag präsentiert sich ein editorisches Glanzstück, das seinesgleichen
sucht.
Das Besondere springt sofort ins Auge; gedruckt wurde in vier Spalten pro Doppelseite. Die
ersten drei Kolonnen sind (der Reihe nach) den Essays und Kommentaren von Durs Grünbein (geb. 1962), Brigitte Oleschinski (geb.
1955) und Peter Waterhouse
(geb. 1956) reserviert, die vierte dem Editor und Conférencier Engeler, dessen Glossen
(eigentliche Zitate) sich aus dem Textkorpus der anderen drei generieren. Immer dort, wo
sich im Haupttext Unterstreichungen finden, beginnt in einer der Spalten daneben, auf
gleicher Höhe, ein Kommentar. Die Glossen rechts außen sind anspielungsreich montierte
Gedankensplitter und deuten, je nach Textherkunft, voraus oder zurück. Auch die
Haikuartigen, immer zuoberst placierten Dreizeiler von Waterhouse sind weniger Kommentar
als Bildassoziation (wie auch sein «Essay» das Dichterisch-Anschauliche dem
Abstrakt-Theoretischen vorzieht). Zur strengen Polyphonie tritt so eine spielerische
Variante.
Das Ganze liest sich in der Art einer Partitur, nur nicht von links nach rechts, sondern
von oben nach unten. Und doch: wie soll man in der Praxis eigentlich lesen? Linear, immer
brav einer einzigen Spalte folgend (melodisch also) - oder abschweifend, nach rechts und
links (harmonisch bzw. kontrapunktisch)? Sich dieser Frage überhaupt zu stellen bedeutet
schon, auf dem rechten Weg zu sein. Denn hier, wie übrigens auch in seiner Zeitschrift,
geht es Engeler darum, den monologischen Text aufzubrechen und auf ein Dazwischen zu
öffnen. Im übrigen ist das Verfahren gar nicht so neu. Kommentierte Bibelausgaben aus
dem Mittelalter können ganz ähnlich aussehen. In jüngerer Zeit haben Autoren wie Arno Schmidt («Zettels
Traum», 1970) oder Oskar Pastior
(«Jalousien aufgemacht», 1987) vom mehrspaltigen Druck Gebrauch gemacht.
Was zunächst wie «eine zusammengeflickte Sache» (Waterhouse) aussieht und «im Passgang
zwischen Denken und Andenken» (Grünbein) entwickelt zu sein scheint, ist letztlich ein
Zeichen dafür, daß Dichtung - zumindest ansatzweise - «keine hermetische Angelegenheit,
sondern eine gesellschaftliche» (Oleschinski) sein kann oder will. Zwar sind die
poetologischen Beiträge von Grünbein («Mein babylonisches Hirn»), Oleschinski
(«Baustellen, Wespen, Abendgeruch») und Waterhouse («Gedichte und Teillösungen»)
unabhängig voneinander entstanden, wurden aber anschließend (im Rahmen von
«Leukerbad-Literatur») ausführlich miteinander diskutiert.
Zwischen den philosophisch geprägten Gedankengängen Grünbeins, den soziolinguistisch
gerichteten Überlegungen Oleschinskis und dem von Waterhouse geleisteten poetischen
Anschauungsunterricht («Theorie» ist «Anschauung», wie Oleschinski zu Recht bemerkt)
ist ein oszillierendes Gewebe entstanden, ein «Geflecht» mit überraschenden
Querverbindungen. So etwa spielen die Körper- und Dinghaftigkeit des Gedichts, die Frage
nach dem «lyrischen Ich», die dichterische Reizanfälligkeit bzw. Reizabwehr, die
Analogie zwischen Gehen und Schreiben bei allen eine wesentliche Rolle. Die dem Buch zu
wünschende ideale Leserschaft wird sich, im Sinne des im Titel «Korrektur» suggerierten
Mitspracherechts, in einer fünften Spalte Gedanken über das Gelesene machen wollen.
[...diese und weitere Besprechungen
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