Die schwarze Ledertasche von Hartmuth Malorny, 2003, Stirner-ArchivDie schwarze Ledertasche.
Roman von Hartmuth Malorny (2003, Max-Stirner-Archiv).
Besprechung von Sabine Scholz :

Ein neuer Wallraff
Hartmuth Malorny über seine Erfahrungen als Straßenbahnfahrer in Dortmund

Die deutsche Erzählliteratur widmet sich viel zu selten dem Thema Arbeitswelt. In dem ersten Roman „Die schwarze Ledertasche" des Dortmunder Autors Hartmuth Malorny (Jahrgang1959), von dem bisher drei Gedichtbände vorliegen, geschieht es auf direkte und nachvollziehbare Weise. Anhand von locker aneinandergereihten Begebenheiten schildert Malorny, ähnlich wie seinerzeit Günter Wallraff in seinen Industriereportagen, den nervenaufreibenden Alltag eines Straßenbahnfahrers vom Eignungstest, über die Ausbildung bis zu den aberwitzigen Normen des Schichtdienstes. Dabei geht es Malorny nicht nur um bloße Aufdeckung von Missständen und Ausbeutung, sondern diese Arbeitswelt wird vor allem als Möglichkeit der Begegnung mit anderen Menschen gesehen, die oft verzweifelt versuchen, dem Berufsethos gerecht zu werden. Malorny tarnt sich nicht, er schlüpft in keine Rolle und hat sich auch nicht wie Wallraff „eingeschlichen". Wallraff ist nämlich überzeugt, dass man sich verkleiden muss, um die Gesellschaft zu demaskieren. Man muss täuschen, um die Wahrheit herauszufinden. Ganz anders Malorny, mit Ehrlichkeit zeichnet er ein desolates Bild der Dortmunder Trambahnbahnfahrer: „In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten ging es Schlag auf Schlag. Der Fahrbetriebswart (FBW) verteilte die Zettel mit den ‚Gestrichenen‘, mit den Überschichten drauf, wie Lotterielose. Wer an seinen freien Tagen einen annehmbaren Dienst als Zusatzleistung bekam, hatte schon halb gewonnen. Hauptsächlich wurden die Neuen mit Zetteln bedacht. Zur Zeit grassierte ein Personalnotstand, der sich trotz der fortwährenden Neueinstellungen lange Jahre nicht legte."

Auch für Malorny gilt, was Heinrich Böll einmal über Wallraff geschrieben hat: „er dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede ‚Überhöhung‘ vermeidet": „ich pumpte und pumpte, und selbst nach drei, vier Bewegungen spürte ich keine Bremswirkung, und dann richtete ich mich wieder hoch, drehte mich gelassen um und sagte: ‚Entweder jemand zieht den Notbremshebel, oder wir richten da vorne ein Massaker an.‘ Betty war der Notbremse am nächsten. Sie reagierte sofort. Die Schienenbremse schlug hart auf, Funken sprühten, die Bahn bremste und rutschte, und ca. 50 Meter vor der Kreuzung kam sie zum Stillstand. Währenddessen hielt ich den linken Fuß auf der Klingel. Außer Wiebruch hatten alle einen gehörigen Schreck in den Gliedern. Er lächelte bloß. ‚Was hätten Sie denn gemacht ...?‘ fragte ich ihn nach drei Sekunden. Betty fragte: ‚Und wenn die Notbremse nicht funktioniert hätte?‘ ‚Keine Sorge, die Notbremse funktioniert immer‘, sagte er." Über sein Vorbild Bukowski äußert sich Hartmuth Malorny folgendermaßen: „Als ich den Roman schrieb, befand ich mich auf dem Scheideweg und dachte, der Job sei abgehakt. In Bukowskis ‚Der Mann mit der Ledertasche‘ (1971) geht es um einen Postboten und die Widrigkeiten seines Jobs. Bukowski kündigte seinen Job beim Postamt (13 Jahre) und schrieb seinen ersten Roman. Letztes Jahr hatte ich ebenfalls 13 Jahre Straßenbahnfahrer hinter mir. Ich will mich nicht mit Bukowski vergleichen, aber diese gewisse Parallelität gefiel mir. Deshalb die Ähnlichkeit des Titels." Malornys Stärke liegt besonders in der Schilderung von Liebes- und Sexszenen, die immer wieder in den Roman eingestreut sind. Eine Episode mit einem Girl aus der Kneipe: „Wir tranken und klammerten uns wie Ertrinkende aneinander, denn wir wussten, dass unsere Zeit abgelaufen war. Wir fickten uns in den Schlaf." Sehr poetisch wird die Liebesgeschichte mit Betty, einer Straßenbahnfahrerin, erzählt, die sich eigentlich über den ganzen Roman hinzieht und ihm Spannung verleiht: „Ich drehte mich um. Sah ihr in die Augen. Sagte ein paar dumme Sätze. Ich streichelte sie und sie streichelte mich. Ich legte mich auf sie und machte es ganz langsam. Wir hatten Zeit. Der Wahnsinn dort draußen blieb vor der Tür. Es war so ziemlich die beste Nummer. Oder die vor ein paar Stunden. Es war eine Nummer voller Magie inmitten der tanzenden Staubpartikel, die wir aufwirbelten. Nun, sie hatte mich flüsternd aufgefordert zu kommen, und so kam ich eben. Mit ihr. Dieser anbrechende Tag konnte nur noch im Unglück enden."

Leseprobe I Buchbestellung I home 0703 LYRIKwelt © Sabine Scholz