Die schwangere Madonna.
Roman von Peter Henisch (2005, Residenz).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 29.11.2005:

Von Gottes höherem Humor
Peter Henischs Roman «Die schwangere Madonna»

Freiheit heisst, wie der Kenner der Popmusik weiss, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Rasch im Volkswagen Golf, der einem nicht gehört, den Zündschlüssel gedreht, und ab nach Süden. Nicht jede Flucht bleibt ein spiessiger Traum, und so schickt der österreichische Schriftsteller Peter Henisch in seinem neuen Roman zwei Menschen auf die Reise, die ungleicher nicht sein könnten. Er heisst Josef und sie Maria, er ist um die fünfzig und in einer Krise, sie ist jung, vermeintlich schwanger und zufällig im Fond des Wagens, den er stiehlt. «Die schwangere Madonna» nennt Peter Henisch einen Roman, der kein simples Roadmovie sein will. Witz und Spannung des Buches leben davon, dass in ihm Pop und Bibel lustvoll ineinander verschraubt werden. Zwischen christlicher Verkündigung und moderner Mobilkommunikation liegen für Henisch nicht eben Welten. Und so hält Piero della Francescas berühmte «Madonna del Parto», die als schwangere Madonna dem Buch den Titel gegeben hat, auf dem Buchcover ein Handy im Arm. Das ist bei Henisch ein Witz und doch noch einiges mehr.

Das Leben seiner Figuren ist an einem Wendepunkt. Josef, freier Mitarbeiter beim Radio, gerät beruflich ins Straucheln, seine Ehe ist geschieden, und den Sohn sieht er kaum. Die Gymnasiastin Maria glaubt, vom Religionslehrer schwanger zu sein, und ist in einer Stimmung gehobener Indifferenz. Und so fahren die beiden ihren unbekannten Zielen entgegen. Quer durch Italien geht die Reise. Das Fiasko ihrer unfreiwilligen und unerfüllt bleibenden Nähe erlebt das Paar in Venedig und Florenz, am Lago di Bolsena, in Todi und Spoleto. Man sieht viel, und Josef bleibt auch in seinem Verhältnis zu Maria nur täppischer Voyeur. Zwischendurch wird es bei Henisch auch einmal kursorisch. Die beiden umrunden Sizilien und die Südspitze des italienischen Festlandes. Dafür braucht der Roman nur ein paar Seiten.

Temposteigerung

Gekonnt steigert Peter Henisch in seinem Roman das Tempo, um es an anderen Stellen wieder herauszunehmen. Die Handlung gewinnt noch dadurch an Spannung, dass der Religionslehrer namens Wolf, dem auch der Golf gehört, dem Paar nachreist. Daneben gibt es einen für Maria entbrannten Feuerschlucker, dem der Liebreiz der bella ragazza nicht entgangen ist. Die Kommunikation zwischen dem Trio erfolgt emsig und per Mobiltelefon. Peter Henisch ist ein kundiger Reiseführer durch Stätten und Sitten eines Landes. Die augenzwinkernde Anteilnahme des Hotelpersonals am Schicksal des ungleichen Paares macht die Herbergssuche zur touristischen Zumutung. In einem Land, in dessen Äther Radio Maria das Sagen hat und an dessen Bars die unheiligen Francescos stehen, ist der moralische Boden mindestens doppelt.

Diese Ironie macht sich Henischs Roman zunutze. Sein fliehendes Paar verheddert sich im katholischen Zierrat. Überall Weihrauch, ein auf Hauswände gesprühtes «Dio c'è» – «Gott existiert» – und Madonnen. Am Ende auch Piero della Francescas «Madonna del Parto». In Monterchi, wo das 1467 entstandene Fresco einmal zum Inventar der Kirche Santa Maria a Nomentana gehört hat, endet die Reise in einer Art biblischem Delirium und im Kriminal. Peter Henischs Josef steht unter dem Verdacht terroristischer Umtriebe. Wenn er dem italienischen Commissario über seine Reise berichtet, dann ergibt das zugleich die Rahmenhandlung des Romans.

Munter schlägt das Buch den Bogen zwischen den Zeiten, nichts ist ihm zu hoch und nichts zu tief. Und so sind auch die beiden Mottos zu Henischs «Schwangerer Madonna» aus unterschiedlichem Milieu. Das eine stammt von Novalis und das andere von Jimi Hendrix. Mit grosser Energie hat Henisch die kulturellen Sphären durcheinander gemischt. Wenn das Paar zielsicher in Bars tappt, die «Paradiso perduto» heissen, oder Madonna-Kassetten hört, dann ist es manchmal auch zu viel mit dem Anspielungsreichtum des Romans, aber seine ironische Grundidee treibt die Handlung doch zügig voran. Im profanen Sinn von Peter Henischs Reise ist diese schwangere Madonna ein Ausbund an frivoler Unnahbarkeit. Ein Mädel für alle Humbert Humberts dieser Welt, die gerne an der liebenswürdigen Kälte einer Lolita entflammen. Josef und Maria waren schon an ihrem biblischen Originalschauplatz ein etwas eigenwilliges Paar.

Blasphemie und Humor

Was eine Josefsehe ist, kann Peter Henischs Figur nach Wochen voller hinhaltender Erotik immerhin ahnen. Wenn der kunstvolle Roman Triviales mit Geheiligtem mischt, dann beruft sich diese leise Blasphemie auf einen «höheren Humor». So kann man's auch sehen. Unbedingt muss Peter Henischs Gott eine Art lächelnder Hippie sein. Dafür spricht schliesslich auch die hohe Musikalität seiner Prosa.

Schon 1975 hat Peter Henisch «Die kleine Figur meines Vaters» in die literarische Landschaft Österreichs gestellt. Das schmale Buch gehört zum Wichtigsten, was der erzählerische Realismus in diesem Land hervorgebracht hat. Seither ist eine Reihe von Romanen und Erzählungen entstanden, deren proletarische Helden meist im Licht grosser Sympathie auftreten. Peter Henischs Roman «Die schwangere Madonna» hat mit dieser Liebe zu ungeschützten Individualitäten nicht gebrochen. Ein ungeschickter Held ist auch der behutsame Josef seines Romans. Als Madonna ist die Reisegefährtin unerreichbar, als unheilige Maria gibt sie sich am Ende einem andern hin. Die praktische Ironie der biblischen Liebe bleibt unübersehbar. Für Fragen der Praxis hat der unverbesserliche Realist Peter Henisch schon immer einen scharfen Blick gehabt.

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