Die Schule der Egoisten von Eric-Emmanuel Schmitt, 2004, AmmanDie Schule der Egoisten.
Roman von Eric-Emmanuel Schmitt (2004, Ammann - Übertragung Inés Koebel).
Besprechung von Teresa Grenzmann im Münchner Merkur, 04.02.2005:

Egoisten suchen sich selbst
Eric-Emmanuel Schmitts Debütroman

Der Suchende: ein französischer Sprachwissenschaftler, des braven Alltagstrotts seiner Dissertation überdrüssig. Der Gesuchte: Gaspard Languenhaert, im 18. Jahrhundert Verfechter und Lehrer eines radikalen Egoismus. Die paradoxe Situation: Jemand macht sich die Mühe, einen Mann zu finden, der sich für niemanden außer sich selbst interessierte. Seine Forschungen weiten sich von der Pariser Bibliothèque Nationale aus zu einer ungewöhnlichen Reise zum Ich. Eric-Emmanuel Schmitt, dem Erfolgsautor der Erzählung "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", ist mit seinem (nach zehn Jahren nun ins Deutsche übertragenen) Romandebüt "Die Schule der Egoisten" ein kleines Erzählwerk von großer Sprach- und Illusionskraft gelungen.

Die menschliche Einsamkeit eines Gottes

In einem zufällig aufgespürten Buch fehlt das Porträt Gaspards; sorgfältig wurde es herausgetrennt. "Warum?", fragt sich der Wissenschaftler und sortiert die raren biografischen Rudimente. Er erhitzt sich selbst am hetzerisch-ketzerischen Temperament des Ich-zentrierten Außenseiters, der sich für Gott hielt und am Ende doch "der menschlichen Einsamkeit" zum Opfer fiel.

"Die Grammatik und ihre Anwendung verlangen von mir, dass ich sechs Personen unterscheide: ich, du, er, wir, ihr, sie, wo es doch nur zweierlei gibt: mich und meine Ideen." Gaspard Languenhaert sah sich gleichzeitig als Schöpfer und Mittelpunkt der Welt. Er sagte: "Ich habe keinen anderen Ursprung als mich selbst", alles Weitere entspringe dem Trug der Wahrnehmung. Er gründete eine "Schule der Egoisten" und hielt ein paar Vorlesungen.

Es ist der Luxus, nur für eine spontane Idee alles stehen und liegen zu lassen, der auch den Wissenschaftler egoistisch erscheinen lässt. Und es sind Schmitts novellistische Form sowie das Thema der Sinnsuche des freien Geistes, die eine andere interessante Parallele assoziieren lassen: zu den unbekümmerten Helden der Romantik, die auszogen, das Leben zu lernen.

Auch Schmitt mischt das Realistische mit dem Fantastischen. Die Ebenen von Traum und Wirklichkeit verschwimmen zu einer wunderbaren Androgynität, genau wie das Objekt und das Subjekt, das Du und das Ich. Und wo andere viele Hundert Seiten benötigen, um Atmosphären zu schaffen und Charaktere entstehen zu lassen, genügt diesem Autor der minimale Romanraum. Für seine kleine philosophische Lehre vom Egoismus - und für eine spannende Spurensuche. Anonyme Hinweise führen den Wissenschaftler schließlich zu einem mysteriösen alten Mann, der das Unmögliche behauptet: Gaspard zu sein. "Muss man die Gesichtszüge von jemand kennen, der ,ich’ sagt?", fragt ihn dieser Mann, fordert ihn zum Blick in den Spiegel und damit zur finalen Erkenntnis heraus: Die Suche nach dem Egoisten endet bei einem selbst.

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