Die Schule der Nackten von Ernst Augustin, 2003, Beck1.) - 4.)

Die Schule der Nackten.
Roman von Ernst Augustin (2003, Beck).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 25.8.2003:

Betörende Hüften
Ernst Augustins Plansch- und Schmunzel-Brevier

München bei Föhn - man weiß es: Die Alpen beginnen gleich hinter dem Altstadt-Ring, und ihre Gipfel rücken in die Skyline der Kirchtürme auf. Und die Münchner bei Föhn? Von Kopfschmerzen, Übellaunigkeit und Misslichkeiten aller Art entstellt. Einerseits. Andererseits so vollkommen modelliert wie nie sonst: jede Falte gestochen scharf, Körpervertiefungen und -untiefen in seltener Plastizität.

Noch der entfernteste Nackte zum Anfassen nah: "Unser Freigelände ist unter Föhneinfluss übersichtlicher und nicht mehr so groß, gleichzeitig aber viel größer geworden. Man kann von einem bis zum anderen Ende die Haarlinie von Frau Heidenreich klar erkennen." Mehr noch: "Oder die alten Damen als Elfenbeinpüppchen. Die Biertrinker haben putzige kleine Biergläser, gelb und weiß, ihre Genitalzonen weisen winzige Hämmerchen auf, und überall sind Brüste zu sehen, in der Größe von Senfkörnern, mit äußerster Präzision dargestellt."

So die Wahrnehmung des passionierten Freibadgängers Alexander, der sich mit Strategien, die seinem antiken, zum Vorbild gewählten Namenspatron alle Ehre machen, Stück für Stück eine einflussreiche Position in der Freizone erobert. Die Grenzen der Bekleidung beim herkömmlichen Baden sind ihm nämlich zu eng geworden. Welcher Art seine Entgrenzungen nach dem ersten schreckhaften Ablegen der Badehose und im weiteren Verlauf bei seiner Sonnen- und  Schwimmerinnen-Anbetung sind, das beschreibt Ernst Augustin in seinem lustvoll zu lesenden Geniestreich "Die Schule der Nackten", Anleitung zum textilfreien Nach-Baden.

Spannend muss ein Buch ja schon sein, damit man es dem kühlen Nass längerfristig vorzieht. Mit Augustins Plansch- und Schmunzel-Brevier auf dem Frottiertuch aber ist der Schwimmbad-Leser akut Sonnenbrand gefährdet. Denn so schnell tauscht er die Geschichte über die betörenden Hüften der esoterisch bewegten Juliane und des ihr nacheifernden und -geifernden Alexander nicht mehr gegen die Sonnenmilchflasche aus.

Als hätte Augustin den Jahrhundert-Sommer vorausgesehen, hat der Arzt und preisgekrönte Münchner Literat ihm ein Denkmal gesetzt. Beginnend bei der Satire, der selbstironischen Beschreibung des ersten Nacktbadeversuchs, steigert sich der Ich-Erzähler in fantastische Eroberungsfeldzüge und desillusionierende Niederlagen hinein.

Liebevoll betrachtet der 60-Jährige die (anderen) alten Körper und begehrt die jungen. Abgewiesen von Juliane, schwört er ihr im Kreise der forschen Pool-Ältesten endgültig ab. Nur um dann doch mit ihr zum Tantra-Workshop zu fahren und in vollen Zügen die Selbstfindungsrituale - und das eigene Unverständnis dafür nicht minder - aufs Korn zu nehmen. Und weil er so gebildet ist und die irrwitzigsten Bezüge zu Vor- und Frühgeschichte und den antiken Hochkulturen herstellt, gerät dieses Buch zum prickelnden Vollbad in anspruchsvollster Unterhaltungsliteratur. Vorher eincremen nicht vergessen.

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Die Schule der Nackten von Ernst Augustin, 2003, Beck2.)

Die Schule der Nackten.
Roman von Ernst Augustin (2003, Beck).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 6.10.2003:

Jenseits der Gürtelzone
Ernst Augustins altmeisterlich-erotischer Sommerroman lässt München leuchten

Man darf den berühmten Satz Heraklits, wonach der Krieg der Vater aller Dinge sei, nicht militärisch verkürzen. Denn Heraklit zielte mit ihm auf das Leben schlechthin, auf den leiblichen und subkutanen Kampf antagonistischer Kräfte ebenso wie auf den Widerstreit der Ideen und Ideologien, Schulen und Disziplinen, Kulturen und Religionen.

Niemand weiß das besser als Alexander, "Held" des neuen Romans von Ernst Augustin. Der 60-jährige Namensvetter Alexanders des Großen lebt als Privatgelehrter in München, seine chaldäisch-aramäischen Studien genießen in Fachkreisen einen guten Ruf. Und wenn er sich nicht gerade hinter Büchern verschanzt, dann besucht er das Freibad, um seinen wissenschaftlich geschulten Blick zu testen. Er möchte natürlich nicht als Voyeur gelten, doch die Regeln dieses "Soziotops" studiert er genau: Tief dringt sein Blick in die teils rasierten "Tüten" der Damenwelt.

Seine Eroberung des Nacktbadegeländes ist ganz in militärstrategische Nomenklatur gefasst: Als habe er den Brustpanzer des Makedonierkönigs angelegt, schreitet er, seine Potenz, ja Existenz vor sich hertragend, durch die Phalanx derer, die sich ihr Terrain bereits gesichert haben. Er durchmisst die undurchdringliche Gürtelzone, die das Schwimmbecken des Jakobi-Bades ringförmig umschließt. Er passiert, die brettharten Muskeln angespannt, eine stählerne Reihe "ungeheurer Prügel", die, unnötige Längen vortäuschend, mit Vorhäuten wie Kartuschen ausgestattet sind, zum Teil rosig glänzend, zum Teil blau-rot und geschunden. Mit dem Ausruf "Thalatta, thalatta" wirft er sich schließlich in die Fluten, nachdem er zuvor in einen Pappteller mit Senf getreten ist.

Er macht eine komische Figur, dieser Alexander, Unsicherheit charakterisiert seine Bewegungen. Gefahr droht ihm nicht nur von jenem behaarten Vierschrot, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Spanner bloßzustellen, sondern auch von weiblichen Abgründen, die sich zwischen gewaltigen Schenkeln vor seinen Augen auftun: "Wie, durchfuhr es mich, wenn ich jetzt eine Erektion bekäme?" Freilich, in erotischer Hinsicht gibt ein Freikörpergelände nicht viel her. Wo alle nackt sind und keine lasziven Stoffe und Gewebe den Eros stimulieren, fehlt das nötige Gefälle.

In altmeisterlicher Manier entwickelt Ernst Augustin, Jahrgang 1927, sein Sujet. Seine Erzählung über Nacktheit und Scham wagt die Gratwanderung zwischen Natürlichkeit und Peinlichkeit und meistert sie auf geradezu grazile Weise. Alexander beobachtet alles genau - und auch etwas "zwanghaft" - und bleibt dennoch bemüht, seine Façon zu wahren, bis ihn sein Autor, buchstäblich aus heiterem Himmel, mit der Frau seines Lebens konfrontiert. Juliane heißt die "Schönhüftige", Anfang dreißig, die Alexander um seine innere Ruhe bringt und ihn doch nicht lieben kann, weil sie seit früher Kindheit die Berührung von Männern nicht erträgt.

Man muss Ernst Augustin höchsten Respekt dafür zollen, mit welchem Geschick er seine Geschichte inszeniert. Denn was mit unbeschwert-slapstickhafter Komik beginnt, gerät im richtigen Augenblick in tiefe und dramatisch bewegte Strömung: Der Puls rauscht in den Ohren, das erregende Brausen der Badenden tritt zurück. Von nun an konzentriert sich bei Alexander alles darauf, Juliane zu umwerben und ihr einen Ausweg aus ihrer Seelenpein zu weisen.

Freilich geht auch dies nicht ohne Komik ab - Augustin-Leser werden sich an die Encountergruppe in Eastend (1982) oder die therapeutisch wirksame Architektur in Raumlicht (1976) erinnert fühlen -, wenn hier vordergründig der Tantra-Kultus Befreiung und Erlösung verspricht. Das klingt nach indischem Sektentheater und "genitaler" Heilslehre. Juliane zu Liebe nimmt er an einem Kurs teil. Doch während sich die anderen den Zumutungen von Guru Pradhi Rama willenlos unterwerfen und die Auflösung des Ichs in der Ekstase suchen, macht Alexander bloß gute Miene zum bösen Spiel. Feind alles Okkulten trachtet er danach, seine Juliane aus dieser Gruppe der Irrgläubigen herauszulösen und schlüpft mit ihr in die Haut von Gautama und Sita, die schon vor tausend Jahren ein Paar waren, in einer anderen Kultur, doch unter ähnlichen Verhältnissen.

Augustin greift hier auf ein Bilderreservoir aus der Entwicklungsgesellschaft der Menschheit zurück, um ein individuelles Glück eine kollektive Erfahrung durchlaufen zu lassen. Er beschwört eine emphatische Liebe, die seit Jahrtausenden währt und sich als ewiges Gleichnis wiederholt: "Sita, die Schöne, die Leuchtende, die Immerwiederkehrende" folgt dabei dem Lauf der Sonne, die den Geliebten mit goldenen Augen erfasst, und in Gautama manifestiert sich der bedingungslos Liebende, der im Kampf um die Frau alles tun und sogar einen Mord begehen würde. In seinem Liebeswerben um Juliane lässt sich Alexander "davontragen" in prähistorische Zeit, aktiviert Bilder in sich, als würde C.G. Jung in Literatur übersetzt: Schon vor tausend Jahren, erinnert er sich, musste er gegen einen Tantramann zweifelhafter Provenienz antreten, der die Frauen des Dorfes verführt und sie ihren Männern entfremdet hatte.Heute, im bierselig illuminierten München, haben sich die Verhältnisse zwar geändert und sind die Frauen emanzipiert, doch die Konstellation ist gleich geblieben: Erneut muss der Held kämpfen, unter Einsatz seines Lebens, um die existenziellen Schatten der Vergangenheit zu vertreiben. Sein Körper ist kein Tempel der Ruhe und kein Gefäß zivilisierter Regungen, sondern Sitz der Begierden, der Eifersucht und der verzweifelten Tat.

Wie immer geht es Augustin um "Konstellationen" beziehungsweise "Muster", die überall dort Anwendung finden, wo sich die psychischen oder eben erotischen Probleme "individuell" nicht lösen lassen. Wo aber das Individuelle scheitert, tritt das Absolute ein, so wie die absolute Liebe, die ja eigentlich auch nicht möglich ist und sich dennoch laufend ereignet: Ein Mysterium wird Realität, eben weil es wie ein Sechser im Lotto unwahrscheinlich ist, eben weil unsere Sterblichkeit, unsere kurze Erdendauer, unser begrenzter Horizont dagegen sprechen. "Wahrscheinlich" ist nur das Gedankenspiel, die Versuchsanordnung, das Lese- oder Kinoerlebnis, das wir als quasi mythische Erfahrung verinnerlicht haben und dann in der Realität umzusetzen suchen. So tröstlich verhält es sich, bei Licht besehen - und Augustin lässt sein München leuchten! - mit dem, was nur ein Bild ist und doch keine Metapher sein will, weil Alexander es wörtlich nimmt und danach handelt.

Am Ende zieht er sich wieder zu seinen Studien zurück. Er atmet den freien Geist des luftigen Lesesaals der Münchener Staatsbibliothek und übt das "schöpferische Lesen", das zu lustvollen Ergebnissen führt: tolle lege Augustinum.

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Die Schule der Nackten von Ernst Augustin, 2003, Beck3.)

Die Schule der Nackten.
Roman von Ernst Augustin (2003, Beck).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 20.2.2004:

Was Traudel gefällt
Ernst Augustin liest aus seinem Roman "Die Schule der Nackten"

In der Schleuse gibt man alles ab: den Namen, den Beruf, die sozialen Bindungen, Schuhe und Strümpfe und vor allem das Schamgefühl. Im FKK-Bereich eines Schwimmbades sind alle gleich, zumindest auf den ersten Blick. In Wahrheit stimmt das natürlich nicht, denn auch hier gibt es eine strenge Rangordnung, die sich in der Nähe des eigenen Handtuchs zum Schwimmbecken manifestiert.
Der Schriftsteller Arnst Augustin hat sich für seinen Roman "Die Schule der Nackten" (zumindest für dessen ersten Teil) ein in der Literatur wenig bevölkertes Terrain ausgesucht - im Münchener Jakobi-Bad verbringt der Ich-Erzähler, ein Historiker mit Schwerpunkt auf vorderasiatischen Frühkulturen, die heißen Sommertage. Was er dort erlebt und beobachtet, ist grausam, komisch und traurig zugleich. In der Frankfurter Romanfabrik las Ernst Augustin, Jahrgang 1927, in ungewöhnlicher und äußerst textadäquater Weise aus seinem Roman, nämlich mit einem beinahe an Heinz Rühmann erinnernden Stakkato, der besonders der Genitalfreakshow des ersten Parts eine wohltuende Lakonie verlieh.
Und was es hier nicht alles zu sehen gibt: Menschen, die ihre angestammten Liegeplätze verteidigen, "Kinnladen wie Äxte", "Gesichter wie Streitwagen", Männer, "bis zum Anschlag aufgeklappt", die "ungeheure Prügel" entblößen, "fürchterliche Hämmer". Ein "dauerndes Richten der Rohre" ist das hier. Allerdings kommen die Frauen nicht viel besser weg; Frau Wieland zum Beispiel, voller Runzeln, eine einzige "kostbare Klöppelarbeit". Es ist nicht der billige Voyeurismus, der den Erzähler antreibt, und kein Altmännerhumor, von dem der Roman getragen wird, sondern die interessierte Beobachtung, mit deren Hilfe "die Landkarte des Körpers" erstellt wird. Das ändert sich auch im zweiten Teil nicht, mit dem Augustin den Abend beschloss.
Sein Erzähler landet, getrieben von der Verliebtheit zu einer der FKK-Damen, in einer Tantra-Gruppe, in der sich Liebes- und Eifersuchtsdramen abspielen. Dass es der Traudel so gut gefällt, vom Erzähler massiert zu werden, gefällt ihrem Mann gar nicht. Am nächsten Tag ist Abreise. Man wäre allerdings gerne noch etwas länger m Jakobi-Bad geblieben, in diesem bizarren Mikrokosmos, aus dem Ernst Augustin ein Panoptikum der ganzen Welt gebastelt hat.

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Die Schule der Nackten von Ernst Augustin, 2003, Beck4.)

Die Schule der Nackten.
Roman von Ernst Augustin (2003, Beck).
Besprechung von Michael Amon :

Ein merkwürdiger Roman: über weite Strecken amüsant zu lesen und gut beobachtet. Das Ende nicht wirklich schlüssig, aber wohl irgendwie folgerichtig. Für Freunde von FKK, diversen Schulen der Selbsterfahrung, und überhaupt für alle jene, denen indische Gurus auf den Wecker gehen. Bester Leseort: englischer Garten in München. Und gedankt sei dem Autor dafür, daß er sich vom vorherrschenden 48-kg-Schönheitsideal nicht beeindrucken ließ.

Weinempfehlung:
Ein leichter Cidre, eventuell ein Frizzante oder ein guter (aber nur ein wirklich guter) Verdicchio.

Plattenempfehlung:
Dan Hicks & The Hot Licks: featuring an all-star cast of friends. Surfdog Records44018-2

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