Die Schuld des Tages an die Nacht von Yasmina Khadra, 2010, UllsteinDie Schuld des Tages an die Nacht.
Roman von Yasmina Khadra (2010, Ullstein - Übertragung Regina Keil-Sagawe)
Besprechung von Irene Binal in Neue Zürcher Zeitung vom 7.09.2010:

Die Kluft zwischen den Welten
Yasmina Khadra erzählt eine Geschichte von Heimat und Herkunft

«Du bist einer von uns, aber du führst ihr Leben.» Diesen Satz wirft der arabische Diener Djelloul dem jungen Jonas entgegen, im Algerien des Jahres 1945, in dem ein tiefer Graben zwischen der arabischen und der französischen Bevölkerung klafft. Jonas heisst eigentlich Younes, er ist der Sohn arabischer Eltern und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in einem Elendsviertel der Stadt Oran, wohin sein Vater Issa nach dem Verlust seines Landbesitzes mit seiner Familie zog. Issa ist stolz und unbeugsam, er glaubt fest daran, dass er den Seinen ihren früheren Wohlstand zurückgeben kann; aber seine Versuche, Arbeit zu finden, scheitern, und schliesslich beugt er sich dem Drängen seines Bruders, eines wohlhabenden Apothekers, und bringt Younes zu ihm. Im Haus seines Onkels lernt Younes ein anderes Leben kennen, er zieht mit der Familie nach Río Salado, besucht eine gute Schule, freundet sich mit seinen französischen Mitschülern an und wird langsam zu Jonas, einem kultivierten, vermögenden jungen Mann, der mit der arabischen Dienerschaft seiner Freunde nur mehr die Herkunft gemein hat.

Zerrissener Zauderer

Yasmina Khadra – hinter dem Namen verbirgt sich Mohammed Moulessehoul, ein ehemaliger Offizier der algerischen Armee, der seine Bücher wegen der Zensurbestimmungen unter dem Namen seiner Frau veröffentlicht – lässt sein Thema schon in diesem ersten Teil des Romans anklingen: die Zerrissenheit seines Protagonisten zwischen der arabischen und der französischen Welt. Während Jonas' Vater das Elend vieler Araber verkörpert, dem Alkohol verfällt und seinem Sohn schliesslich nur mehr als hinkende, armselige Gestalt in einer grünen Filzjacke erscheint, steht der Onkel für die intellektuelle arabische Bevölkerung, die sich mit dem neuen Leben arrangiert hat. Seine Wurzeln hat der Apotheker freilich nicht vergessen, das wird deutlich, als er wegen der Unterstützung einer nationalistischen Untergrundbewegung verhaftet und gefoltert wird – ein Ereignis, das den noch jungen Jonas tief verstört.

Er selbst ignoriert den Zwiespalt lange Zeit, trifft sich mit seinen französischen Freunden und wird nur ab und zu daran erinnert, dass er anders ist – etwa als die schöne Isabelle ihm erklärt, lieber sterben zu wollen, als einen Araber zu heiraten. «In einem Alter, in dem das Erwachen der Sinne für einen Jungen nicht minder schmerzhaft ist als die erste Blutung für ein Mädchen, ist das ein schwerer Schlag. Ich war schockiert und verwirrt, als sei ich aus einem Traumschlaf erwacht. Fortan änderte sich meine Wahrnehmung. So manches Detail, vom naiven Kinderblick weichgezeichnet bis zur Unkenntlichkeit, ist plötzlich gestochen scharf zu erkennen, setzt dir gnadenlos zu, und wenn du die Augen schliesst, holt es dich in Gedanken ein, gierig, unerbittlich, Gewissensbissen gleich.»

Und die Gelegenheiten, bei denen Jonas seine Zerrissenheit zwischen den Welten zu spüren bekommt, werden häufiger, je älter er wird. «Die Unseren sind auch die Deinen», mahnt ihn Djelloun, «nur dass sie nicht dort ansässig sind, wo du es dir gut gehen lässt.» Immer deutlicher spürt Jonas, dass von ihm eine Entscheidung verlangt wird, die er nicht zu treffen bereit ist. Denn Khadra hat seinem Protagonisten nur wenig Willenskraft mit auf den Weg gegeben: Meist ist Jonas ein Spielball der Ereignisse, er lässt geschehen, ehe er selbst agiert, und das zeigt sich vor allem in seiner Liebe zu Émilie, einer jungen Französin. Jonas liebt Émilie auf eine verzweifelte, hoffnungslose Weise, aber selbst, als sie ihn anfleht, sich zu ihr zu bekennen, kann er nur schweigen und tatenlos mit ansehen, wie sie seinen besten Freund heiratet.

Ein bisschen leidet der Roman unter diesem allzu unentschlossenen Helden, der ausser langen Lamentos wenig zu bieten hat und sich kaum je eindeutig positioniert. Er unterstützt mehr aus Zwang denn aus freiem Willen die arabischen Nationalisten im Algerienkrieg, beobachtet, wie seine Freunde sich ihm entfremden, indem sie sich ganz selbstverständlich für eine Seite entscheiden, und kommt letztlich zum Schluss: «Ich führte Krieg gegen mich selbst.» Jonas und Younes kämpfen einen aussichtslosen Kampf, der erst ein Ende findet, als Jonas ein alter Mann ist, der auf sein Leben zurückblickt.

Ohnmacht und Wut

All dies schildert Khadra auf eine lakonische, fast beiläufige Art und Weise, die bei all ihrem Reiz die Identifikation mit seinem Protagonisten kaum je zulässt. Selbst grosse Gefühle finden ihren Nachhall nur in dürren Sätzen, die Sprache ist einfach und reduziert, was den Roman mitunter fast wie einen Bericht erscheinen lässt. Dennoch gelingt es Khadra, eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Er lässt Jonas wie unter einer Glasglocke durch die Welt gehen, als Beobachter, der unglücklich miterlebt, wie seine Freunde ihren Platz finden, während er übrig bleibt: «Ich war wütend – in mir schwelte eine dumpfe, tückische, ätzende Wut. Ich war neidisch. Auf all die anderen, die dabei waren, sich in ihrem alten Leben häuslich einzurichten, während meine Welt zusehends zerfiel.» Gleichzeitig ist es gerade diese kulturelle Doppelgleisigkeit, die Jonas davor bewahrt, sich für eine Seite entscheiden zu müssen – und nicht ganz umsonst wirft Djelloul ihm genau dies vor: «Du natürlich, mit dem Arsch zwischen zwei Stühlen, du kannst nach Lust und Laune herumlavieren. Du schlägst dich auf die Seite, die dir gerade passt.»

Jonas' Schicksal hat sich so oder ähnlich Hunderte Male ereignet, und es ist Khadras grosses Verdienst, es in Gestalt seines Protagonisten verdichtet und verdeutlicht zu haben. Er ist ein Protagonist mit Schwächen, ein inaktiver Held, der in einen Konflikt hineingezogen wird, den er am liebsten ignorieren würde; aber er ist auch ein Protagonist, der all den namenlosen Arabern, die sich in Algerien zwischen den Kulturen bewegen müssen, ein Gesicht und eine Stimme gibt und sie damit vor dem grossen Vergessen bewahrt.

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