Die schöne Aussicht von Renate Welsh, 2005, dtvDie schöne Aussicht.
Roman von Renate Welsh (2005, dtv).
Besprechung von Susanne Falk in DAVID, 2007:

Rosa ist ein ungeliebtes Kind, das Produkt einer Ehe zwischen einer unglücklichen und lieblosen Mutter und eines alkoholkranken Vaters. Die Mutter verschweigt ihre Schwangerschaft im Alter von fünfzig Jahren, das Kind ist ihr peinlich; der Vater ignoriert sie zunächst, später misshandelt er Rosa schwer. Einzig der Bernhardiner der Familie gibt ihr das Gefühl von Geborgenheit und Zuneigung. Als er stirbt, zieht sich das Kind endgültig in sich zurück.

Rosas Familie betreibt ein Wirtshaus im Wien der Zwischenkriegszeit, Bildung wird ihr weitgehend vorenthalten. Als sie mit der Schule fertig ist, gibt die Mutter sie gegen Rosas Willen in die Lehre zu einer Weißnäherin. Ihre Lehrmeisterin, Frau Michalek, nimmt im Laufe der Zeit die Rolle einer Ersatzmutter ein. Gleichzeitig begegnet Rosa ihrer ersten Liebe, Josef, mit dem sie abseits aller Tabus Glück und erfüllte Sexualität erlebt. Doch Josef stirbt bei einem tragischen Unfall und Rosa wird, nicht zuletzt auf Wunsch ihrer Mutter, an einen älteren Witwer verheiratet. Es ist das Jahr 1938 und die Nationalsozialisten auch in Österreich auf dem Vormarsch. Rosa verliert ihre Stellung, denn Frau Michalek ist Jüdin und flieht vor den Nazis nach Prag. Aus Verbundenheit zu Frau Michalek geht Rosa daher in Opposition zu ihrer nationalsozialistischen Familie. Überrascht stellt sie fest, dass auch ihr Ehemann Ferdinand sich dem Widerstand angeschlossen hat. Nicht zuletzt dadurch entwickelt sich die Beziehung von einer Zweckehe zur großen Liebe. Doch Ferdinand wird verhaftet und kommt schließlich 1944 um. Rosa sucht daraufhin Anschluss bei den Ehefrauen anderer Widerstandskämpfer, später bei den Trümmerfrauen Wiens. Die Gemeinschaft ist fragil, denn auch hier verliert Rosa immer wieder Vertrauenspersonen durch Krieg, Krankheit und Willkür. Der größte Verlust ist jedoch ihr unfreiwilliger Verzicht auf ein Kind, den sie ihr Leben lang nicht mehr kompensieren kann.

Die Geschichte Rosas basiert teilweise auf einer wahren Geschichte. Renate Welsh entwirft mit ihrer Protagonistin das eindringliche Portrait einer Frau, die in ihrer Sensibilität und ihrer Einsamkeit zutiefst berührt. Der klare, nüchterne Sprachstil von Welsh unterstützt den Gegensatz zwischen der inneren Welt Rosas und der äußeren Welt einer verrohten Gesellschaft meisterhaft. Die Sehnsucht Rosas nach einem geborgenen Familienleben und die wiederkehrende Zerstörung ihrer Hoffnung auf privates Glück stehen stellvertretend für das Schicksal einer verlorenen Generation. Rosa bleibt zudem die Übertragung ihrer Sehnsüchte auf mögliche Nachkommen verwehrt – für die Figur der Rosa ein untragbarer Verlust, den ihr reales Vorbild in der Aufrechterhaltung einer fiktiven Familie zu verarbeiten suchte. Unter den vielen Frauen-Schicksalsromanen der letzten Jahre nimmt dieses Buch durch sprachliche Qualität und das große Maß an Authentizität eine herausragende Rolle ein.

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