Die Sage von Trojas Fall von Franz Fühmann, 2011, HinstorffDie Sage von Trojas Fall.
Sagennacherzählung von Franz Fühmann (2011, Hinstorff Verlag, mit Illustartionen von Susanne Janssen).
Besprechung von Monika Melchert für die Rezensionen-Welt, 03/2012:

Die Faszination des Mythos
Franz Fühmanns Nacherzählung klassischer antiker Sagen 

Wem in der Kindheit die großen alten Sagen von Prometheus oder Odysseus, von Hera und Zeus, vom Krieg um Troja und dem Hölzernen Pferd begegnet sind, der wird wohl nie wieder in seinem Leben die Faszination durch Sagen und Mythen verlieren. Franz Fühmann (1922-1984), einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegsliteratur, ist es ebenso ergangen. Über Jahrzehnte setzte er sich zuerst mit dem Märchen und bald schon mit der Eigenart des Mythos auseinander. Immer tiefer wollte er in die Welt der Überlieferungen eindringen und schrieb 1974 seinen großartigen Essay „Das mythische Element in der Literatur“. Dabei war er hingerissen von der Einsicht, daß der Mythos wie kein anderes Element in der Kunst in der Lage ist, große, ursprüngliche Menschheitserfahrungen in einem Bild, einer Geschichte, der tiefen Regung einer einzigen Figur auszudrücken.

Die Nach- oder besser Neuerzählungen vieler antiker Mythen gehören, neben dem Eindringen in Georg Trakls Lyrik („Vor Feuerschlünden“), zu seinen beeindruckendsten Leistungen. Generationen von Kindern in der DDR sind mit Fühmanns im Kinderbuchverlag Berlin erschienenen Büchern „Das hölzerne Pferd“ und „Prometheus“ aufgewachsen. Doch es sind keineswegs allein Kinderbücher. Jetzt gibt der Hinstorff Verlag, der seit Jahrzehnten das Werk Franz Fühmanns vorbildlich betreut, drei wunderschöne Bücher heraus und nennt sie zurecht Bücher für Zehn- bis Hundertjährige: „Prometheus. Die Titanenschlacht“, „Die Sage von Trojas Fall“ und „Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus“. Endlich sind sie nun wieder komplett lieferbar (zusätzlich in einer limitierten Vorzugsausgabe im Schuber mit einer handsignierten Originalgrafik für 89 Euro). Eine ganz besondere Affinität hat der Erzähler zu Gaia, der Mutter Erde, und der so witzig wie anrührend aufgefaßten Ziege Amalthea, die in ihrer Mütterlichkeit zuerst den Knaben Zeus nährt und später den ersten „Menschenmann“. Fühmann macht in einer sinnlichen und zugleich schnörkellosen Sprache das Raunen des Mythos hörbar: „Denn Gaia sprach durch viele Stunden, und was sie erzählte, war die Geschichte der Welt.“

Mit Susanne Janssen hat der Verlag eine kongeniale Illustratorin gefunden, die den Texten Fühmanns wunderbare Bilder hinzufügt, ebenso so schön wie aufregend. Inzwischen vielfach ausgezeichnet, erhielt sie für ihre Illustrationen zu „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm (ebenfalls Hinstorff) den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008. Jedesmal findet sie eine ganz eigene Bildidee, eine besondere Farbgebung. Ihre zumeist groß dimensionierten Figuren ziehen den Leser förmlich in die Welt der abenteuerlichen antiken Sagen hinein. Sie ist eine Künstlerin, die tatsächlich den Gestus des Textes aufgreift. Bei „Prometheus“ und „Troja“ sind es die dominierenden Rot- und Schwarztöne in allen Schattierungen; sehr überzeugend, denn mit Prometheus assoziieren sie sofort das Feuer, das er, gegen den Willen des Zeus, dem Menschengeschlecht bringt. Und sie assoziieren, über die unfaßbar langen zehn Jahre des Krieges um Troja, Blut und Leid. Die Bilder sind keineswegs kindlich, sondern entsprechen der Dramatik der Erzählung. Die gegnerischen Helden Hektor und Achill, die Götter Hera, Zeus und Athena, die in den Kampf der Griechen und Troer eingreifen, die Schlacht am Skamandros: Sie alle fordern unsere Phantasie heraus. Zugleich sind die Bilder inspiriert von der klassischen Schönheit griechischer Skulpturen, z. B. „Der Apfel der Eris“ – da kann man Sprache und Illustration im Zusammenspiel genießen. Man sollte vielleicht sogar die Figurationen des berühmten Pergamon-Frieses vor Augen haben, um die Korrespondenz von Text und Bildern ganz würdigen zu können.

Im Buch über „Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus“ kommt dann das Blau als bestimmende Farbe hinzu und taucht die Geschichten und Bilder in eine betörende, legendenhafte Tönung. Denn nachdem der listenreiche Odysseus mithilfe des hölzernen Pferdes, eines Betrugs also, die Stadt Troja endgültig besiegt hat, folgt seine Bestrafung durch Poseidon, den Gott des Meeres. Und so muß der Held aus Ithaka noch einmal zehn Jahre über die Meere irren, bevor er heimkehren kann auf seine Insel und zu seiner Frau Penelope. In einem Vorspruch zum „Odysseus“ betont der Autor, das Buch könne die Lektüre Homers nicht ersetzen, „es will zu ihm hinführen“. Das leistet mit Sicherheit auch die eindrucksvolle Edition dieser Bände.

Und die Sagen haben Franz Fühmann nie losgelassen. In der Auseinandersetzung mit dem Mythos stellt er sich auch seinem eigenen Lebenskonflikt – der Unabschließbarkeit eines Wandlungsprozesses, dem Qualvollen des Sich-selbst-Erkennens. „Du verlierst nichts von dem, was du einmal warst, und bist gewesen, was du erst wirst“, bekennt er denn auch. Nach diesen Texten hat sich Fühmann etwa mit dem „Marsyas“-Mythos beschäftigt, hat „Hera und Zeus“ geschrieben oder das bezaubernde „Der Geliebte der Morgenröte“. Susanne Janssens Buchgestaltung ist so schön, daß man sich wünscht, auch die weiteren Texte Fühmanns von ihr illustriert zu sehen.

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