Die Rückkehr des Tanzlehrer von Henning Mankell, 2002, Zsolnay1.) - 3.)

Die Rückkehr des Tanzlehrers.
Roman von Henning Mankell (2002, Zsolnay).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 11.11.2002:

Mankell meuchelt wieder
Der schwedische Autor kommt diesmal ohne Kultfigur Wallander aus. Dessen Jagdrevier beschreibt dafür aber ein anderer Titel.

Hennig Mankell, der Unermüdliche, hat uns wieder ein richtiges Lesefutter zubereitet: lang und spannend, etwas für die frühen Winterabende mit Plätzchen und Glühwein. Oder was trinken sie in Schweden, wenn sie es dürfen? Schwedenpunsch? Ist egal: Zu jedem Getränk, auch ohne Alkohol, empfehlen wir "Die Rückkehr des Tanzlehrers". Obwohl uns Mankell einiges zumutet: Kein zuckerkranker Kommissar Wallander, keine lieblichen schonischen Landschaften. Dafür lernen wir den jungen Polizeikommissar Stefan Lindman kennen, der in den Mordfall Herbert Molin ausgerechnet zu dem Zeitpunkt hinein gerät, da man bei ihm Zungenkrebs diagnostiziert und außerdem eigentlich nur, weil Molin vor seiner Pensionierung auch Polizist war im Polizeipräsidium von Boras. Das ist etwa auf der Höhe von Göteborg.

Ein Mord in aller Abgeschiedenheit

Der Pensionär Herbert Molin aber ist in noch viel größerer Abgeschiedenheit ums Leben gebracht worden: bei Sveg im rauen Harjedalen, wo Östersunds Polizei zuständig ist und wo der Polizeikommissar Larsson sympathisch und tüchtig zu Werke geht, ohne Krebs und süßen Urin, aber mit dem Vornamen Giuseppe geschlagen. Mit ihm wird Stefan Lindman, krank geschrieben aber neugierig, inoffiziell zusammenarbeiten.

Dass dieser Fall außergewöhnliche Dimensionen annehmen wird, weiß der Leser schon aus dem Prolog, der der Handlung voraus geht. Er führt in die Tage nach dem Zweiten Weltkrieg und lässt uns einen englischen Henker im besetzten Deutschland am Werk sehen. Üble Kriegsverbrecher werden hingerichtet, aber der eine und andere, so erfahren wir, ist auch entkommen.

Herbert Molin wird in seiner Zurückgezogenheit in den Wäldern von Harjedalen förmlich massakriert, sozusagen mehrfach getötet. Und, Gipfel des Ruchlosen: Der Mörder hat mit der Leiche getanzt, blutige Fußstapfen deuten auf Tango. Bald lernt der Leser den Mörder kennen und seine Beweggründe, während die Polizei im Dunkeln tappt. Dann passiert ein zweiter Mord in Molins Nachbarschaft, dessen Ausführung dem Täter im Fall Molin zugeschrieben werden könnte. Nun weiß für eine Zeit lang nur noch Molins Mörder die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze. Die Jagd kann beginnen. Sie führt weit zurück in die Vergangenheit, auch in dunkle Ecken der schwedischen Geschichte und seiner politischen Gegenwart. Selbst der nette Lindman wird bei seinen Nachforschungen mit Peinlichem aus der familiären Vergangenheit konfrontiert.

"Die Rückkehr des Tanzlehrers", spielt in Härjedalen, der Geburtsregion des Autors. "Wallanders Landschaft" aber, die Landschaft seines Kommissars, ist Schonen. Thomas Scheinfeld hat unter diesem Titel ein höchst lesenswertes Büchlein geschrieben, schön illustriert mit Fotos von Anette #143berg.

Um dem Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung" mit Genuss durch den südwestlichen Zipfel Schwedens zu folgen, braucht man nicht Mankell-Fan zu sein. Man lernt eine Landschaft voller vorwiegend bäuerlicher Geschichte und vor allem Geschichten, vielfältiger Wetter und faszinierender Meeresnähe kennen. Wallanders Stadt Ystad ist ein besonderer Abschnitt gewidmet. Und wie es zu der besonderen Beziehung Mankells zu Schonen und zu seinem ersten Mordroman kam, erfährt der Leser auch. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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Die Rückkehr des Tanzlehrer von Henning Mankell, 2002, Zsolnay2.)

Die Rückkehr des Tanzlehrers.
Roman von Henning Mankell (2002, Zsolnay).
Besprechung von Harald Loch aus Jüdische Allgemeine, 2003:

Der Tod ist ein Meister aus Schweden
Henning Mankells neuer Krimi über skandinavische Alt- und Neonazis

Die große deutsche Henning Mankell-Gemeinde wird sich wundern: Die Rückkehr des Tanzlehrers ist kein Wallander-Roman. Das Personal und die Umgebung sind vollkommen neu. Neu und irgendwie verstörend sind auch der kriminelle und politische Hintergrund sowie vor allem die rigorose Moral, die den Roman durchzieht.
Mankell greift ein schwedisches Tabu auf. Die Nazis hatten in dem sozialdemokratischen Musterland viele Anhänger, deren Ideologie sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg gehalten und weiterentwickelt hat. Nicht in Gestalt prolliger Skinheads, sondern als Netzwerk innerhalb einer bürgerlich wirkenden Gesellschaft. Das ist der Hintergrund, auf dem der Plot sich entwickelt.
Ein pensionierter Polizeibeamter wird in seinem nordschwedischen Versteck ermordet, regelrecht hingerichtet. Er hatte, wie viele Schweden seinerzeit, als junger Mann freiwillig in Hitlers SS gedient und gegen Ende des Krieges in Berlin eigenhändig seinen jüdischen Tanzlehrer umgebracht, der unter höchstem willkürlichem Schutz mit seiner Familie hatte überleben können. Der Sohn des Ermordeten fand seinen erdrosselten und mit einer zerbrochenen Tangoschallplatte geschändeten Vater. Nach dem Krieg geht dieser Sohn nach Argentinien. Der Mörder kehrt nach Schweden zurück, wo er seinen Namen ändert und Polizist wird. Aber er lebt in der ständigen Angst, daß ihn die Rache des überlebenden Sohnes einholen könnte, kann nicht schlafen, fühlt sich permanent bedroht. Sein Haus in der nordischen Einsamkeit ist gut bewacht.
Stefan Lindmann, ein siebenunddreißigjähriger Polizeikommissar, kannte den Toten. Er war sein erster Ausbilder gewesen. Stefan ist krank geschrieben, Diagnose Zungenkrebs. Er fährt nach Norden und mischt sich in die Ermittlungen ein. Auch ein Nachbar des alten Nazis wird kurz darauf ermordet. War es derselbe Täter? Die örtliche Polizei tappt im Dunkeln. Keiner kann sich vorstellen, daß die Motivsuche vor fünfundfünfzig Jahren beginnen müßte. Lindmann klemmt sich hinter den Fall und stößt auf die Spur einer neonazistischen Geheimgesellschaft. Am Ende ist es nicht sein Krebs, der ihn bedroht, sondern die Tochter des ermordeten Altnazis, ehe sie selbst, neben dem Sarg ihres Vaters von einer verirrten Polizeikugel getroffen, stirbt.
Mankell baut seinen Roman mit der ihm eigenen so schätzenwerten Logik auf. Alles ist plausibel, der Leser wird rechtzeitig eingeweiht, so daß er der Polizei immer ein paar Schritte voraus ist. Bewußt eingebaute Zufälle betonen den fiktiven Charakter - der reale Hintergrund bleibt. Das genau macht die Lektüre so verstörend. Krimis sind Unterhaltungsliteratur. In der Wirklichkeit sind Mord und andere Verbrechen nie unterhaltsam. Aber das Wissen um das Fiktionale, um die konstruierte Handlung entspannt den Krimileser. Nicht so in der Rückkehr des Tanzlehrers. Neonazismus und Rassismus sind leider alles andere als fiktional. Mankel zielt in das Herz unserer aktuellen Ängste und Empörung - mit dem unterhaltsamen Kitzel der Spannung. Darf er das? Eignen sich Schoa und Neonazismus als Krimithemen? Aber wie sonst will man aufklären? Es gibt keinen Königsweg zur breiten Öffentlichkeit.

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

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