Die rote
Lilie.
Roman von Anatole France (2003,
Manesse - Übertragung Caroline Vollmann).
Besprechung von Maike Albath in der Frankfurter Rundschau, 9.8.2003:
Die Ödnis des Müßiggangs
Vielleicht zu einwandfrei
gearbeitet: Sein Roman über die Liebe verhalf Anatole France zur Aufnahme in
die Académie Française
Anatole Frances Roman Die rote
Lilie schlägt man mit einem Seufzer der Erleichterung zu - wie gut, dass
einem die belle epoque erspart blieb. Was für eine steifleinene
Wohlerzogenheit! Welch eine Fülle an Konventionen! Nichts als Salons,
Theaterbesuche, erlesene Toilette und gepflegte Konversation beim Diner unter
Berücksichtigung etlicher Regeln! Kein Wunder, dass sich auch die bezaubernde
Heldin Thérèse Martin von Anfang an mit Fluchtgedanken trägt. Zu Beginn der
Geschichte schaut sie prüfend in den Spiegel und erblickt ihre zarte Gestalt
inmitten von Tapisserien, Meißner Porzellanfiguren und Terracottastatuen -
gleich einem Möbelstück ist auch sie ein Ziergegenstand und kennt kein
selbstbestimmtes Leben. Doch Madame Martin weiß um ihre Betäubung. Wie sie
eines Tages ausbricht, nach Italien reist und durch die Hingabe zu sich selbst
findet, ist Gegenstand dieses Gesellschaftsromans. Aber halt, Anatole France
schreibt im Geist seiner Zeit und ist ein Meister der Contenance. Zuerst führt
er uns hundertfünfzig Seiten lang die Pariser Gesellschaft vor.
Gemächlich, mit Liebe zum Detail und manchmal etwas schwerfällig lässt der
Schriftsteller seine Personage aufmarschieren und gruppiert sie um die charmante
Gastgeberin herum: Als erste taucht die atemberaubende Prinzessin Seniavine auf,
berüchtigt für die Vielzahl ihrer Affären und von beunruhigender
Sinnlichkeit, ihr folgen ein dickleibiger General, die tugendhafte Witwe eines
Etruskerforschers namens Madame Marmet sowie der scharfsinnige Paul Vence,
Schriftsteller und unverkennbar dem Erfinder dieses Gesellschaftsfreskos eng
verwandt. Hinzu gesellen sich außerdem der jüdische Gelehrte Monsieur Schmoll,
der penetrant auf seiner Benachteiligung herum reitet, sowie Le Ménil, ein einfältiger
junger Mann mit vollendeten Manieren und einer Leidenschaft fürs Jagen. Er ist
der obligatorische Geliebte der Gastgeberin und ihr vollständig ergeben. Erst
ganz zum Schluss hat Madame Martins biederer Gatte seinen Auftritt. Betraut mit
den Geschicken der Dritten Republik, steht ihm eine große politische Zukunft
bevor, für die Thérèse Martin, Tochter eines einflussreichen Bankiers, genau
die richtige Gefährtin ist. Zwischen den Eheleuten herrscht eine Art
Stillhalteabkommen: Trotz emotionaler Fremdheit schätzt man einander und wahrt
den Schein. Nichts Ungewöhnliches im Paris der 1890er Jahre. Das ancien régime
ist lange vorbei, wir befinden uns in einem fortschrittlichen Haushalt, in dem
die Pariser Elite verkehrt, aber die Spielregeln sind dem 18. Jahrhundert
verpflichtet. Alles ist Taktik, jede Abweichung vom Code wird geahndet.
Ansonsten herrscht die Anstrengung des Müßiggangs.
Schon auf der ersten Seite macht uns Anatole France mit seinem grundlegenden
literarischen Prinzip vertraut: Interieurs wie der kostbar eingerichtete Salon
spiegeln das Seelenleben seiner Protagonistin, gemäldeartige Stillleben und
Szenen veranschaulichen ihr Gefühlsdrama. In der zweiten Hälfte des Romans,
als Madame Martin in Florenz aus ihrem Schneewittchenschlaf geweckt wird, zieht
kurz vor dem Moment ihrer sexuellen Entfesselung ein Leichenzug an ihr vorüber
- Tod und Eros sind von Anfang an eng verknüpft, der Erfüllung wohnt die Vergänglichkeit
inne. Auch sonst ist Die rote Lilie, abgesehen von ein oder zwei quälend
ausführlichen Tischgesprächen, ein recht unterhaltsames und handwerklich
einwandfrei gearbeitetes Buch. Vielleicht zu einwandfrei für einen Leser des
21. Jahrhunderts, denn die amourösen Verwicklungen der innerlich erloschenen
Heroine sind allzu vorhersehbar, zumal der Befreier aus den Ketten der bürgerlichen
Anständigkeit schon im ersten Kapitel von Paul Vence bedeutungsschwer angekündigt
wurde. Es handelt sich um Jacques Duchatre, einen eigenbrötlerischen Bildhauer
und ebenfalls ein alter ego des Verfassers.
Als
Anatole France in den 90er Jahren an der roten Lilie arbeitete, war er ein
gefeierter Repräsentant der laizistischen Republik. Man schätzte seine
kritische Zeitgenossenschaft und verehrte ihn als Journalisten und Verfasser
philosophischer Romane über die Eitelkeit menschlichen Handelns. Nur auf
Betreiben seiner Geliebten Léontine Arman de Caillavet begann der eher träge
France mit der Niederschrift eines neuen Werkes. Ihr reichte die allgemeine
Anerkennung noch nicht aus - sie wollte die Aufnahme in die Académie française
bewirken und hatte mit ihrem ehrgeizigen Vorhaben auch Erfolg. Aber keinen
moralphilosophischen Traktat mit skeptischem Grundton sollte der Geliebte dieses
Mal verfassen, eher eine delikate Liebesgeschichte mit Anspielungen auf tatsächlich
existierende Personen. Was lag näher als auf die eigene amour fou zurück zu
greifen? France tat Léontine den Gefallen und zitierte sogar aus seinem
privaten Briefwechsel.
Florenz ist der Wendepunkt der Geschichte, das sinnenschwere Italien wird für
Thérèse Martin zum kathartischen Erlebnis. Mit der gutmütigen Madame Marmet
als Anstandsdame im Schlepptau, reist Thérèse aus einer Laune heraus zu ihrer
Freundin Miss Bell, einer exzentrischen Lyrikerin aus England, die in Fiesole
einen mondänen Landsitz unterhält. Die kleine Gesellschaft wird außerdem
bereichert durch einen versponnenen Pariser Poeten namens Choulette mit
mystischen Neigungen, hinter dem sich Paul
Verlaine verbirgt.
Kurz vor ihrer Abreise war es
zwischen Madame Martin und Le Ménil zu Irritationen gekommen. Angeekelt von der
Leere ihres Daseins hatte sich Madame Martin im Geiste bereits von ihrem langjährigen
Gefährten getrennt. Sie ist also bereit, in tiefere Seelenschichten ihres
Selbst vorzudringen, und es kommt, wie es kommen musste. Der düstere Dechatre fährt
ihr nach und öffnet ihr die Augen für die Schönheit der Toskana. Von der
Sinnlichkeit des Südens betört, verfallen die beiden einander und erliegen
einem Gefühlsrausch.
Anatole France, 1921 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, mag ein scharfer
Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse gewesen sein, ein großer
Psychologe ist er nicht. Für seelische Belange, wie sie vor ihm Flaubert und
nach ihm Proust auf ästhetisch bahnbrechende Weise zu fassen wussten, fehlt es
ihm an analytischer Tiefenschärfe. Auch geht es France nicht um eine Studie der
zynischen Gepflogenheiten in Liebesdingen, wie es Choderlos de Laclos rund
hundert Jahre zuvor mit seinem Skandalerfolg Gefährliche Liebschaften (1776) so
meisterhaft betrieben hatte. Zwar entfaltet sein Roman, der sich durch den Störenfried
Le Ménil zu einer Dreiecksgeschichte mausert, eine gewisse Spannung, doch
wirklich zu ergreifen vermag er einen nicht.
Im Unterschied zu seinen großen Kollegen fehlt es France an Raffinesse: die
Symmetrie der konkurrierenden Galane Le Ménil und Duchatre ist langweilig, und
die implizite Kritik an den Verhältnissen liegt auf der Hand. Während der
geschasste Liebhaber mit seiner Schwäche für Jagdgesellschaften und
Fechtwettbewerbe ein Produkt seiner Zeit ist, tritt der Künstler Duchatre als
Verkörperung des Authentischen auf, als Hüter des Wahren, durch den Madame
Martin zu ihrem inneren Kern vordringt. Dennoch wird der Geläuterten das
Unechte zum Verhängnis, denn Duchatre verzeiht ihr die frühere Liebschaft
nicht. Nicht durch die konventionelle Ehe, sondern durch die - nicht minder
konventionelle - Affäre ist sie für ihn entweiht. So lässt Anatole France den
hoffnungsvoll begonnenen Prozess einer Selbsterkenntnis enden: Vorbei das Glück,
es bleiben Schmerz und Einsamkeit, denn das Wahre nistete im Falschen.
Aber die Raserei des Bildhauers erschließt
sich nicht, und die Auflösung des Romans verläuft eher enttäuschend - nicht
einmal der Liebestod, wie ihn Tolstoi und
Fontane so dramatisch zu inszenieren
wussten, ist dem eifersüchtigen Duchatre vergönnt. Doch Anatole France hat Die
rote Lilie genützt. zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung verhalf ihm das
Buch 1896 zu dem begehrten Stuhl im Arkanum der französischen Literatur. Die
Liaison mit seiner Geliebten Léontine hielt bis zu seinem Tod. Da hat es das
Leben besser gemeint als die Literatur.
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