Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke.
Kolumnen von Wiglaf Droste (2001, Edition Tiamat).
Besprechung von Elisa Peppel aus der Frankfurter Rundschau, 15.9.2001:

Zutaten aus dem Hause Kalau
Durchwachsen: Ein neues Buch mit Kolumnen von Wiglaf Droste pläsiert nur streckenweise. Von Elisa Peppel

Anfang des Jahres wurde Wiglaf Droste vom Berliner Landgericht in zweiter Instanz zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er in seiner taz-Kolumne Soldaten als "Waschbrettköpfe" und "Kettenhunde" bezeichnet hatte, die Gegen-Demonstranten eines öffentliches Gelöbnisses zusammengeschlagen hatten. Das Gericht befand in diesem Zusammenhang besonders eine Nebensatz-Konstruktion als beleidigend. Satiriker, der er ist, wurde Droste nach dem Urteil mit der Bemerkung zitiert, er werde die nächsten zwei Jahre nur noch Hauptsätze verfassen: "Soldaten sind keine Relativsätze".

Dass er das Urteil auch in seiner taz-Kolumne nicht unkommentiert lassen würde, war zu erwarten. Nachlesen kann man die mit spitzer Feder geschriebene Genealogie von Bundeswehrbeleidigern (Günther Pfitzmann war der erste!) in seinem jüngsten Band Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke, der einige seiner Kolumnen zusammenfasst. Der Soldat von heute, so erfährt man dort, ist keiner, der für Sold tötet, sondern ein wahrer Menschenfreund: "Der Soldat von heute tötet nicht, wenn er tötet - er hilft (...) Menschenrechte sind die schärfsten Waffen. In ihrem Namen darf man einfach alles."

Braucht man also eine schusssichere Weste um Droste-Texte zu lesen? Mitnichten. Scharfzüngig ist er zwar in seiner Kommentierung der Tagespolitik. Besonders hart geht er mit der rot-grünen Bundesregierung ins Gericht. "Rudolf Scharping ist Norman Finkelstein", Rezzo Schlauch ein "geistiges Rosinenbrötchen" und die vom Kanzler geforderte "Anständigkeit", so klärt uns Droste auf, hatte seinen Vorläufer in SS-Führer Heinrich Himmler, der seine Leute dafür lobte, immer anständig geblieben zu sein. Viel Stoff für Beleidigungsklagen also. Doch anders als die Soldaten liest der Kanzler lieber Bild statt taz und auch Wiglaf Droste macht es sich gerne mal gemütlich. Und so kommen seine Exegesen aus dem Reich des Alltags meist recht harmlos und flauschig daher. So flauschig wie das Betttuch namens "Heike", dem er einen ganzen Artikel widmet. Oder so weich wie die zarten Bauchröllchen, die er an den Frauen so sehr liebt, dass er sie füttert, bis sie wulstig genug sind für seinen Geschmack.

Überhaupt, der Geschmack. Alles Kulinarische rangiert auf Drostes Prioritätenliste des Lebens offensichtlich ganz oben - nur nicht, wenn es als Tütensauce "Hollandaise" daher kommt. Von denen testet der Autor gleich fünf Stück und der geneigte Leser, ob er nun will oder nicht, erfährt die Testergebnisse in aller Ausführlichkeit: "nasenschnottengrüne" Massen verkleben sich zu einer Art "Lymphaustritt" von "ausflussartiger Konsistenz". Aha. Wollten wir das wissen? Immerhin liefert der Autor zwei Seiten zuvor ein echtes Rezept für eine Festtagssuppe; desweiteren ein gereimtes Loblied auf die heilende Wirkung der Hühnersuppe. Dabei wird mit Zutaten aus dem Hause Kalau nicht gegeizt. Man nehme einen Kochtopf, "auch Pol Pott genannt" und auf keinen Fall Margarine, denn "nur Butter ist Mutter".

Eine weiteres Anliegen Drostes ist die Musik. Bob Dylan, Johnny Cash und Nick Drake wie auch der Kreuzberger Lokalbarde Funny van Dannen erfahren eine Huldigung. Doch nur letzterer geht bei Karstadt am Hermannplatz einkaufen. Einkaufen als Form des Buddhismus? "Alles ist da, aber nichts ist irgendwo", fasst Droste seine Erfahrungen zusammen. Nur der echte Berliner weiß hier Bescheid und kann sich gemeinsam mit Droste als Teil der verschworenen Ich-kenn-doch-mein-Neukölln-Gemeinde fühlen. Denn wer den Hermannplatz nicht kennt, der hat leider Berlin verpennt.

Am schärfsten wird Droste, wenn es gegen die eigene Klientel geht. Nicht nur die Politiker, auch die Wähler von Rot-Grün bekommen seine geballte Verachtung zu spüren. In einem Artikel über Solidarität lässt er sich über die Abo-Kampagne seines Brotgebers taz aus. "Das Unangenehmste an dem Wort Solidarität ist das moralisch Erpresserische, das es verströmt: Wie, Sie abonnieren diese Zeitung, der es so schlecht geht, nicht, Sie Schuft?" Und Richter Drostes hartes Urteil lautet: "Wer von Leben und Stil nichts weiß, flüchtet sich ins Engagement". Dieser Satz hätte auch von der andernorts ebenfalls scharf belangten "Generation Golf" stammen können.

Es ist das Problem aller Zeitgeist-Kritiker, dass sie mit dem Zeitgeist, den sie kritisieren, so untrennbar verbunden sind. Denn der ist flüchtig. Schnell wird daraus eine Art Hase-und-Igel-Spiel: Wenn der Kritiker ankommt, ist der Zeitgeist schon längst wieder fort. Und so ist der Zeitgeist-Kritiker selbst schon Anfang der Achtziger Jahre zu einem Anachronismus geworden - das bekam nicht nur die Zeitschrift Tempo zu spüren, als sie 1994 eingestellt wurde. So manche Pfeile Drostes schießen ins Leere - oder wieviel Leser hat die taz noch? Man sollte sie aber lesen, denn dort gibt es fast täglich eine Kolumne von Wiglaf Droste. Und wenn man Glück hat, erwischt man den Autor bei einem seiner geistigen Höhenflüge. Zum Beispiel über die geklonten Gespenster des Kommunismus als Beitrag zur Gentechnik-Debatte. Selbst wenn man kein Glück hat - der Altpapier-Container schluckt's gnädig. Im aktuellen Medium Zeitung sind Drostes Glossen gut aufgehoben. Als Buch leiden sie unter ihrer kurzen Halbwertszeit. Denn selbst in Neukölln schließt Karstadt jetzt erst um 20 Uhr.

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