Die Ringeltaube von André Gide, 2006, DVADie Ringeltaube.
Erzählung von André Gide (2006, DVA - Übertragung Andrea Spingler).
Besprechung von Martin Lüdke aus Die Zeit, 7.12.2006:

Es ist schön! Es ist schön!
Eine rührende Erzählung aus dem Nachlass von André Gide.

Eine sehr kurze, zärtlich-anrührende Geschichte einer Liebesnacht. Eine Bagatelle nur. Der Mann, knappe 40, keineswegs unerfahren, schwärmt von dem Erlebnis. Nur: Sein Liebesobjekt, gerade 17 Jahre alt, war ein junger Mann.

Sie nannten ihn »Ringeltaube«, weil er beim Vögeln gurrte. Er gab »leise gurgelnde Töne von sich«. Das »Gurren einer Taube, hätte man glauben können«. Nach diesem Burschen, der Ferdinand hieß, Sohn eines Knechtes war, hat André Gide seine kleine Erzählung benannt, die er 1907, unmittelbar nach dem Erlebnis mit dem Jungen, geschrieben, einigen Freunden gezeigt, aber nie veröffentlicht, vielleicht später sogar vergessen hat.

Gide zählt zu großen Figuren der Literatur des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1869 in einer streng protestantischen Familie geboren. 1893 wird er sich, auf einer Nordafrikareise, seiner homosexuellen Neigungen bewusst. 1895 heiratet er seine Cousine. 1947 wird er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Lange Zeit zählte Gide neben Virginia Woolf und James Joyce, Kafka, Faulkner, Valéry und Proust zu den Begründern der Moderne, und er galt, wie eine Generation später noch Henry Miller, als Agent einer moralischen Befreiung. Heute stehen die Türen, gegen die er angerannt ist, weit offen. Auch, aber nicht nur deshalb ist es still geworden um den großen Franzosen, trotz der ehrgeizigen zwölfbändigen deutschen Gesamtausgabe, die Anfang der neunziger Jahre bei der DVA erschienen ist.

Daran wird Die Ringeltaube nichts ändern. Vor wenigen Jahren entdeckte Catherine Gide, die Tochter des Autors, diese kleine »Novelle«. Jetzt ist sie mit allem editorischen Aufwand in deutscher Übersetzung erschienen. Zwölf Druckseiten, ein winziges Teilchen, das noch fehlte im umfangreichen Werk des französischen Nobelpreisträgers. Fast hundert Jahre lang verborgen, aus verständlichen Gründen. Statt der uns vertrauten »derbsten Sexualität« sieht Gides Tochter in der Ringeltaube einen »nuancierten, behutsamen« Bericht. Der Text sei »frei von jeglicher Perversität«. Er bestätige zudem, »daß es in Gides Fall ungerecht und falsch ist, von ›orgiastischem Verhalten‹ zu sprechen«. Das passe nicht zu Gide. Die kleine Geschichte vermittelt tatsächlich, nicht immer ganz frei von Kitsch, die innere Disziplin, die ihn zähmte.

Gide verbrachte im Sommer 1907 ein Wochenende bei seinem Freund Eugène Rouart auf dessen Anwesen in Bagnols-de-Grenade, in der Nähe von Toulouse. Nach einer langen, alkoholreichen Feier, Rouart hatte die Wahl zum Bezirksrat gewonnen, konnte der damals knapp 40-jährige Schriftsteller dank der tätigen Mithilfe seines Freundes einige Stunden mit der »Ringeltaube« verbringen. Schon auf dem Weg, sie gingen dicht nebeneinander, Gide legte dem Jungen die Hand auf die Schulter, auf die Hüfte, murmelte Ferdinand immer wieder: »Es ist schön. Es ist schön.« Und Gide spürte, wie der Junge zitterte. Unter den Bäumen hervorgekommen, »ergoß sich das Mondlicht über uns«.

»Schade, daß wir keine haben«, meint der Junge: »Mädchen.« Gide führt diese Feststellung auf »Anstand« und »Tradition« zurück. Dann beschreibt er durchaus dezent das Auskleiden, die Berührungen, die Zärtlichkeiten, bis hin zu dem etwas überraschenden Angebot: »O ja, wir werden uns einen blasen!« Gide spürt, dass der Junge das nur sagt, um zu prahlen, »nicht aus Verderbtheit, sondern aus Scham über seine Unschuld und weil er nicht auf halbem Wege stehenbleiben wollte«. Er hielt ihn zurück – »da ich selbst nicht sehr lasterhaft bin und es mir widerstrebte, durch irgendeinen häßlichen Exzeß die Erinnerung zu verderben, die uns beiden von dieser Nacht bleiben würde. Ich«, fügt Gide hinzu, »habe keine schönere erlebt.«

Gides Tochter nennt Die Ringeltaube zwar einen »Initiationsbericht«, doch der Autor konnte durchaus auf Vergleichsmöglichkeiten zurückblicken. In seinem Tagebuch Stirb und werde, das die Jahre 1889 bis 1902 umfasst, aber erst 1926 veröffentlicht wurde, haben die entsprechenden Episoden Wirbel gemacht. Der Autor spricht offen über seine ersten, von Oscar Wilde vermittelten homosexuellen Erlebnisse. Fast 30 Jahre zögerte Gide mit der Veröffentlichung. 1920 brachte er das Buch erstmals als Privatdruck in Umlauf, sechs Jahre später wurde das Buch allgemein zugänglich. Die Wirkung war heftig. Sein Leben lang musste sich Gide mit Vorwürfen auseinander setzen.

In dem Dialog Corydon versuchte er später, die »Natürlichkeit« seiner Veranlagung wissenschaftlich zu begründen. Die Geschichte von der Ringeltaube erzählt nur von seinem Glück, von Zärtlichkeit, Liebe, ohne jeden Exzess und ohne schlechtes Gewissen. Das macht diese kleine, rührende Geschichte aus lange vergangenen Zeiten auch heute noch lesenswert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.die zeit.de]

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