Die Rezeptionistin von Markus Bundi, 2014, Klöpfer&Meyer

1.) - 2.)

Die Rezeptionistin.
Erzählung von Markus Bundi (
2014, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Zürcher Zeitung, 8.5.2014:

Markus Bundis Erzählung «Die Rezeptionistin»
Ein Teppich in «Kopfhochblau»

Das «Grand Bleu» ist eine der ersten Hoteladressen dieser Stadt, und nicht umsonst hat die Direktion für den neuen Teppichläufer, der in die Beletage führt, ein nobles dunkles Blau gewählt. Dabei gewinnt der Navy-Ton gerade dank den Rändern in hellerem Blau an Tiefe. Gregori, der Juniorchef, nennt die belebende Farbe «Kopfhochblau». Dieses Ausstattungsdetail verführt indessen dazu, darin ein Strukturprinzip für das Erzählverfahren von Markus Bundis Geschichte zu wittern.

Warum dies? Sein Text ist von philosophischer Natur. Er spricht von Sinn- und Identitätssuche, reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen der Wahlfreiheit, erwägt die Rolle des Menschen. Denn es stellt sich die Frage, ob das menschliche Wesen (k)ein Puzzleteil sei und ob es «das grosse Ganze» überhaupt gebe. Diese Passagen, die sich bisweilen zu sehr mit Begrifflichkeit aufladen und als blutarm gelten könnten, schaffen gleichsam die Domäne in dunklem Blau. Den lebensspendenden Kontrast bilden die Erzählteile, die der jungen Mona, der Rezeptionistin im «Grand Bleu», gelten. Monas liebste Tanzpartner sind die Schneeflocken. Wenn sie ins Gestöber eintaucht, lässt sie ihr schwarzes Haar wehen, findet und verliert sich im Tanz. Augenblicke wie diese, so leicht und verspielt, heben den Text in beschwingte Sphären, sprich: ins luzide Blau.

Schon der erste Satz lässt aufhorchen: «Ein Zögern liegt über der Grossstadt.» Da spürt man ein Sensorium für atmosphärische Besonderheiten und ebenso ein Bedürfnis nach bildhafter Umsetzung. Solche Impulse üben auf die Gedankenschwere eine mildtätige Wirkung aus. Zudem gönnt Markus Bundi den Lesenden augenzwinkernde Momente. Da taucht etwa ein schwergewichtiger Gast an der Rezeption auf, der unter dem Arm ein mageres Hündchen trägt, «Macho der Dritte» genannt. Für Mona, die aufmerksame Beobachterin hinter der Theke, ist die Leine «das eherne Band, durch das der Mann zu seiner Existenzberechtigung kommt».

Ja, es wird viel gedacht in dieser Erzählung, wenig gehandelt und wiederum viel geträumt. Im Traum erscheint Lisa, die – so fürchtet Mona – leicht auch in der Realität die Oberhand gewinnen könnte. Und was ist dann mit Mona? Wird sie nur noch als Kopie gelten? Wird ihre Identität so wenig feststehen wie jene des Modells für da Vincis «Mona Lisa»?

Zugegeben: Markus Bundis Protagonistin riskiert Gedanken, die man kaum von einer Rezeptionistin erwarten würde, aber immerhin hat sie ein abgebrochenes Philosophiestudium hinter sich und ist von der frühen Erfahrung einer familiären Katastrophe geprägt: Monas Eltern starben bei einem Flugzeugunglück. Seither dominieren nicht bunte Zukunftspläne das Denken der jungen Frau; vielmehr beherrscht sie das Gefühl des Ausgeliefertseins, welches sie nach ihrem Platz in der Welt fragen lässt.

In diese Denklandschaft spukt dann auch Magie hinein, so dass sich am Schluss eine anmutige Balance einstellt. Mona greift nach dem Stein in ihrer Handtasche, den sie einst am Strassenrand gefunden hat und der für sie zum «Stein der Weisen» geworden ist. In entscheidenden Momenten verleiht er ihr die Fähigkeit, sich richtig zu verhalten und nichts zu überstürzen. Ein bisschen Zauber, etwas Flunkerei darf's auch bei Markus Bundi durchaus sein.

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Leseprobe I Buchbestellung 1114 LYRIKwelt © Beatrice Eichmann-Leutenegger/NZZ

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2.)

Die Rezeptionistin von Markus Bundi, 2014, Klöpfer&MeyerDie Rezeptionistin.
Erzählung von Markus Bundi (
2014, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Helmut Schönauer - schoenauer-literatur.com, 11/09/2014:

Wenn man an der Schaltstelle der Wahrnehmung sitzt, kann man die ganze Welt verwalten.

In Markus Bundis kompakter Erzählung sitzt eine Rezeptionistin an der Schaltstelle zwischen innen und außen. Mona ist eine wirtschafts-fitte Erscheinung, jung, kompetent und berufserotisch versieht sie als Rezeptionistin in einem Schweizer Nobelhotel ihren gläsernen Dienst. Von den Gästen wird sie als freundliches Stück Inventar wahrgenommen, das im Kundenkontakt die vorgegebenen Abstände einhält.

Zu dieser Vitrine eines zur Schau gestellten Daseins führt ein Weg als Mona hin und dann wieder einer als Lisa weg. Im Zentrum bleibt für Sekunden dieses Monalisa-Lächeln, das schon verschwunden ist, wenn man es wahrgenommen hat.

Auf dem Weg zum Dienst ist Mona eine gewöhnliche Frau, die mit der Tram fährt und dabei in der Handtasche mit einem Stein der Weisen spielt. Mona hat sich eigentlich für den Zirkus entschieden, aber nach dem Tod der Eltern bei einem Flugzeugabsturz sind die Träume rasch verflogen und Mona erfindet so etwas wie das Mona-Gesetz eins: „Das Leben ist kein Süßgetränk.“ (27) Da beginnt Mona zu studieren, bis sie einem Professor aus akademischem Himmel heraus einen blasen soll. Da wird das Mona-Gesetz zwei schlagend. „Das Leben ist zu kurz, um es in stickigen Hörsälen zu verbringen.“ (28)

Dieser Werdegang steckt in der Rezeptionistin, wenn sie sich den Gästen zuwendet. Aber nach hinten hinaus hat sie so etwas wie einen traumhaften, visionären Abgang. Sie kann die Welt als Lisa wolkig leicht und apperzeptiv empfinden. Wenn jemand in einem Schwächeanfall zusammensackt, kann sie ihn „traumwandlerisch sicher“ auffangen, weil sie jenseits der Schwerkraft zu agieren vermag. Manches ist auch ein Tagtraum, der sich in die Länge zieht. „Das Aufwachen hat keine Eile.“ In diesem Zustand ist Lisa besonders Erotik-affin, indem sie ihre Gefühle vom Körper entkoppelt aus sich heraus losschicken kann. Sie wird „vielleicht mit einem Herrn texten, nur texten.“ Und wenn sie sich an die Wange fasst, werden sich die Einstiche von Bartstoppeln noch fühlen lassen, vielleicht spielt das bärtige Gegenüber auch Gitarre.

Markus Bundi stattet eine scheinbar kühle Dienstsequenz mit dem Feuer von Bildbeschreibungen aus. Dieser Gestus der Rezeptionistin löst Vermutungen, Geschichten und Träume aus. Aus einer kleinen Bewegung kann eine ganze Leidenschaft fließen. Markus Bundi lehnt sich in dieser Erzählung diesen kleinen erotischen Piecen von Robert Walser oder Jürg Amann an, die man landläufig als Schweizer Erotik handelt. Nur texten, nur texten, das ist die vollkommene Erotik.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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