Die Reise zum Horizon von Jürg Amann, 2010, Haymon

Die Reise zum Horizont.
Novelle von Jürg Amann (2010, Haymon)
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 31.12.2010:

Extremsituation in den Anden
Wenn man nur wüsste, wie sie gemeint ist, die Welt: Jürg Amanns meisterhafte Novelle über Absturz, Überleben, Kannibalismus

"Als wir mit unserem Schatten zusammenfielen, schlugen wir auf", endet die mit Ikarus gezeichnete Einleitung. Es ist einer jener knappen, stilsicheren Sätze, mit denen Jürg Amann seine Novelle Die Reise zum Horizont zu einer beeindruckenden Prosa gestaltet, schnörkellos und tiefsinnig, eine medienbekannte Geschichte verdichtend.

Die vierzig Kurzkapitel schildern ein Aus-der-Welt-Fallen; das unerhörte Ereignis stellt eine schreckliche existenzielle Frage. Ein Linienflugzeug stürzt in den Anden ab, der Rumpf bleibt auf einem Gletscher liegen. Die Überlebenden hoffen auf Rettung. Es schneit, der Himmel ist nicht zu sehen, sie sind vom Himmel nicht zu sehen. Sie waren über den Wolken auf dem Weg von Küste zu Küste gewesen, im Sommer. Nun sitzen sie oben bei minus dreißig Grad fest, auf dem inneren Weg an den Rand humaner Konvention. Umgeben von den Toten und Sterbenden kämpfen sie ums Weiterleben, suchen Schutz gegen die Kälte, rationieren die Nahrung, vermögen das Funkgerät nicht in Gang zu setzen.

Ob Stewardess oder Rugbyspieler, ob Arzt oder Medizinstudent, ob Mann oder Frau - mehr Unterscheidungen nennt die Novelle nicht -, die Individuen sind im Flugzeugrumpf außerhalb ihrer Erfahrungen zu einem Kollektiv zusammengeschlossen: "Die gemeinsame Reise hatte uns ja verbunden. Alle waren wir zu irgendetwas Wichtigem unterwegs gewesen. Alles war wichtig gewesen; das Kommende war immer das Wichtigste. Das musste nun ohne uns stattfinden." Entsprechend lässt Amann ein "Wir" erzählen, und selbst die Briefe, die sie an ihre künftigen Hinterbliebenen schreiben, sind alle an denselben Vornamen gerichtet, an eine Anna: Die einzige Bezeichnung von Individualität, die die Novelle angibt, erscheint aus der Sicht der Verunglückten ebenfalls als Kollektiv, wie ihnen auch ihre Lebensgeschichten nunmehr allesamt gleich vorkommen.

In der Extremsituation gibt es nur einen wesentlichen Unterschied, Leben oder Tod. "Wir lagen auf dem Eisfeld, auf das unser Flug uns geworfen hatte", beginnt das zweite Kurzkapitel und präzisiert: "Wir, das waren wir, wir alle, die wir dabei gewesen waren, alle, die den Absturz überlebt hatten." Und später: "Inzwischen hatten wir, die Lebenden, die Toten, soweit sie noch auffindbar gewesen waren, zusammengetragen." Nur eine schmale Linie, ein Beistrich, trennt die Lebenden von den Toten.

Aus einem Transistorradio ist gerade noch zu hören, dass die Suche eingestellt worden war. "Man hielt uns für tot, also waren wir tot." Die Kräfte nehmen ab, der Proviant geht zur Neige. Von den Verstorbenen verwenden die in der Kälte Festsitzenden alle Gegenstände, die ihnen irgend nützlich sein können. Der Hunger nach Leben ist zunehmend mit einfachen Sicherheiten und zugleich mit existenzieller Unsicherheit versehen. Die beiden Sätze "Der Mensch braucht den Menschen" und "Wenn man nur wüsste, wie sie gemeint ist, die Welt" münden in die Gewissheit: "Wir mussten die Toten essen." Ein ausgesprochener zivilisatorischer Tabubruch.

Mit dem notwendigen Kannibalismus landet diese Gruppe jenseits humaner Zusammenhänge. "Wir werden nicht dieselben sein, wenn wir es einmal getan haben, sagten wir." Es sei, meinen manche, wie Kommunion, und deren Ritualformeln weisen nun ins Konkrete: "Nehmet und esset alle davon." Die Unsicherheit jedoch ist so nicht zu bewältigen, es folgt eine Reihe von Fragezeichen: "So war das Geheimnis der Eucharistie nicht gemeint. Oder doch? Gerade so? Wie sonst hätte es denn gemeint sein sollen? In unserer Lage? Und überhaupt?" Wie eine Zivilisation funktioniert, die ein wesentliches Verbot in einer sakralen Handlung aufhebt, darüber gab es in der Geschichte des Abendlandes oft Debatten. Im wirkungsmächtigen Werk der Aufklärung, in der Encyclopédie, hat Diderot den Eintrag "Anthropophage" mit dem Verweis "Eucharistie, Kommunion" versehen.

Neben der Sachlichkeit des Überlebenskampfes, dem die Sachlichkeit von Amanns Schilderung entspricht, hat die Novelle vom Anfang der Ikarus-Einleitung an eine feine Linie einer transzendentalen Dimension. Gleich nach dem Absturz heben alle den Blick oder den Finger nach oben, um die Wetterbedingungen einzuschätzen, und kommen zu keinem Befund: "der Himmel gab keine Auskunft." So präzise, so konzentriert und beeindruckend erzählt Jürg Amann, wie Menschen mit ihrem Schatten zusammenfallen.

Nach eineinhalb Monaten leben noch achtzehn. Sollen sie weiterhin auf eine zufällige Rettung warten oder doch versuchen, hinter dem Horizont ins Leben zu gelangen? "18 still alive" treten sie in riesigen Lettern in den Schnee. Dann sind sie nur noch sechzehn, eng sind sie zusammengerückt, "um eine imaginäre Mitte, die unser Leben war, die unser Sterben war". Eine letzte Alternative mit geradezu prinzipieller existenzieller Bedeutung: Stillstand oder Aufbruch. Und schließlich die Entscheidung: "Wenn wir schon sterben mussten, dann lieber im Gehen, unterwegs, auf der Reise hinter den Horizont."

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