Die Reise
über den Horizont.
Roman von Javier
Marias (2002, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Martin Halter in der Stuttgarter Zeitung
vom 23.8.2002:
Expedition in die
Finsternis des Herzens
Mörderische Intrigen auf der Tallahassee: Javier Marías"
früher Roman "Die Reise über den Horizont"
Unterkühlt, distinguiert, geheimnisvoll: so
kennt man Javier Marías, den britischsten aller spanischen Autoren. Schon in
diesem Frühwerk von 1972 liebäugelt der Zwanzigjährige mit seiner
literarischen Wahlheimat. Allerdings hat er hier noch nicht Alltagsdramen des
urbanen Spanien mit Shakespeare-Zitaten illuminiert, sondern nur, ganz im Geist
der poppigen Siebziger, mit den Klischees des klassischen Mystery- und
Abenteuerromans spielen wollen: Statt Shakespeare standen diesmal
Arthur Conan
Doyle, Jules Verne,
Poe
und Joseph Conrad Pate.
Im Jahre 1904 sticht eine illustre Expedition von Schriftstellern, Musikern und
Wissenschaftlern in See. Man will den Südpol erforschen, aber die schwimmende
Gelehrtenrepublik - "echte Repräsentanten einer Gesellschaft, die - wie
die unsere - die Existenz nur als eine von Hindernissen und Unebenheiten freie
Reise über den Horizont begreift" - ist so zerfressen von Intrigen, Streit
und schlechter Laune, dass schon das touristische Vorspiel, eine
Mittelmeer-Kreuzfahrt, zur Katastrophe gerät: Die Tallahassee kommt, erschüttert
von Skandalen, Affären, Duellen und Morden, über Tanger nie hinaus.
Der Kapitän Kerrigan, ein jähzorniger Tatmensch mit dem Gemüt eines Hamlet
und der zupackenden Art des Amerikaners, beginnt schon auf der Höhe von
Alexandria, die ersten Gentlemen und Ladies über Bord zu werfen. Und das überbordende
Temperament dieses Herrn ist nichts gegen die Hartnäckigkeit, mit der der
Schriftsteller Victor Arledge seine fixe Idee verfolgt: Die Weigerung eines
Reisegenossen, ihm Einzelheiten über seine mysteriöse Entführung mitzuteilen,
lässt ihn erst seine Manieren, dann das Schreiben und endlich sein Leben über
Bord werfen. Auch der Erzähler treibt sein böses Spiel. Offensichtlich weiß
er mehr, als er verraten will ("Mehrere Gedanken gingen mir durch den Kopf,
darunter die richtigen"), aber er beliebt uns mit Andeutungen hinzuhalten
und mit absurden Ausflüchten auf die Folter zu spannen: Das Geheimnis, teilt er
einmal beiläufig mit, sei im Grunde "nicht wichtig und tatsächlich nicht
erzählenswert". Wie Arledge muss auch der Leser lernen, dass es für
Naturforscher in der Finsternis der Herzen mehr zu entdecken gibt als im Herzen
der Finsternis....Fortsetzung
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.stuttgarter-zeitung.de]
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