Die Reise nach Sachalin.Auf den Spuren von Anton Tschechow von György Dalos, 2001, RotbuchDie Reise nach Sachalin.Auf den Spuren von Anton Tschechow.
Bericht von György Dalos (2001, Rotbuch - Bearbeitung Elsbeth Zylla).
Besprechung von Norbert Wehr in der Frankfurter Rundschau, 14.3.2002:

Homo Sachaliensis
1890 war Anton Tschechow zu den Gefangenen der sibirischen Insel Sachalin gereist, hundertzehn Jahre danach tut der ungarische Schriftsteller György Dalos es ihm nach

"Immer wieder erklären Literaturkundler", schrieb Vladimir Nabokov Anfang der vierziger Jahre in seiner Vorlesung über Anton Tschechow, "immer wieder erklären Literaturkundler, ihnen sei unverständlich, was ihn im Jahre 1890 dazu bewegen konnte, eine gefährliche und anstrengende Reise zur Insel Sachalin auf sich zu nehmen, um dort das Leben der zu Zwangsarbeit Verurteilten zu studieren." Was viele von Tschechows Zeitgenossen, was die besagten "Literaturkundler" nicht verstanden und was auch Nabokov seinen amerikanischen Studenten nicht erklären konnte, es war dies: Anton Tschechow war damals 30 Jahre alt. Er war ein erfolgreicher, ein gefeierter Schriftsteller. Und Sachalin, die vor der sibirischen Ostküste zwischen Kamtschatka und Japan gelegene Insel, sie war mehr als 10.000 Kilometer von Moskau entfernt. Was bewegte Tschechow, fragten sich damals viele, was bewegte ihn, auf dem Höhepunkt seines literarischen Erfolgs eine so entbehrungsreiche, seine angeschlagene Gesundheit stark gefährdende Reise zu unternehmen, deren Ziel ausgerechnet Russlands grausamste Gefängnisinsel war?

Was Tschechows Zeitgenossen nicht wissen konnten, was auch Nabokov nicht wusste: Tschechow hatte seine Motive in mehreren Briefen eindringlich dargelegt. Er befand sich trotz seiner Erfolge in einer großen Lebenskrise. Er wusste seit 1884, dass er an Schwindsucht litt; er war immer häufiger depressiv, hasste seinen Arzt-Beruf, seine literarischen Erfolge waren ihm gleichgültig geworden; und er, der als Humorist geschätzt wurde, sehnte sich nach richtiger literarischer Arbeit. "Ich möchte", schrieb er, "mich leidenschaftlich gern irgendwo für fünf Jahre verkriechen und mich mit mühevoller, ernsthafter Arbeit befassen..."

Anfang 1890 beschloss er, diese "mühevolle, ernsthafte Arbeit" den Verhältnissen der "Katorga", das heißt dem russischen Strafvollzug auf der Verbannten-Insel Sachalin zu widmen. Dort gab es vier Kategorien verbannter Schwerverbrecher: die Zuchthäusler, die ihre Strafen in den Gefängnissen absitzen und Zwangsarbeit leisten mussten; die Strafkolonisten, die ebenfalls zu Zwangsarbeit verurteilt waren, jedoch außerhalb der Gefängnisse wohnen durften (sie bildeten die größte Gruppe); die Deportationsbauern, die eigenes Land bewirtschaften konnten, aber lebenslang auf Sachalin bleiben mussten; und schließlich die freien Bauern, denen zwar erlaubt war, die Insel zu verlassen, die sich aber nicht im europäischen Russland ansiedeln durften.

Tschechow hatte vor, ein Buch über Sachalin zu schreiben. Und er wollte die Verhältnisse selbst in Augenschein nehmen. Um die geographischen, klimatischen und ökonomischen, die soziologischen und hygienischen Daten zusammentragen zu können, die er für sein Buch benötigte, wollte er eine private Volkszählung durchführen. Er ließ zu diesem Zweck 10.000 Karteikarten drucken, die unter anderen mit folgenden Rubriken versehen waren: Stand / Name, Vorname, Vatersname, Verhältnis zum Hausherrn / Alter / Glaubensbekenntnis / Wo geboren / Seit welchem Jahr auf Sachalin / Hauptbeschäftigung / Schriftkundig, Analphabet, gebildet / Verheiratet in der Heimat, auf Sachalin, verwitwet, ledig / Empfängt Unterstützung vom Staat? Ja, nein / Krankheiten.

In einem Brief, den er an seinen skeptischen Verleger-Freund Suvorin adressierte, begründete er sein Vorhaben folgendermaßen: "Sachalin", schrieb er, "das ist ein Ort der unerträglichsten Leiden, deren ein freier und unfreier Mensch überhaupt nur fähig ist (...) Aus den Büchern, die ich gelesen habe und lese, geht hervor, dass wir in den Gefängnissen Millionen von Menschen haben verfaulen lassen, umsonst verfaulen, ziellos, barbarisch; wir haben die Menschen in Ketten Zehntausende von Verst durch die Kälte getrieben, sie mit Syphilis infiziert, demoralisiert, Verbrecher vermehrt (...). In unserer Zeit wird für die Kranken einiges getan, für die Häftlinge dagegen nichts; der Strafvollzug interessiert unsere Juristen absolut nicht. Nein, ich versichere Sie, Sachalin ist interessant..."

Nicht fünf Jahre, aber lange acht Monate war er unterwegs: drei brauchte er für die abenteuerliche Hinfahrt durch Sibirien, drei Monate dauerte sein Aufenthalt auf Sachalin, zwei Monate die Rückfahrt per Schiff. Auf Sachalin absolvierte er ein strenges, hartes Programm. Da er sich frei bewegen durfte, besuchte er jede Siedlung, jede Hütte und sprach mit fast jedem Strafkolonisten. "Meine Arbeit war anstrengend", schrieb er Suvorin nach seiner Rückkehr, "ich habe eine vollständige und detaillierte Zählung der gesamten Bevölkerung von Sachalin durchgeführt und alles gesehen, außer einer Hinrichtung. (...) Solange ich auf Sachalin lebte, empfand ich im Innern nur eine gewisse Bitterkeit, wie von ranziger Butter, jetzt dagegen, in der Erinnerung, erscheint mir Sachalin als wahre Hölle."

Für sein Leben, vor allem aber für sein Werk war diese Reise ein Wendepunkt. Deutlichster Ertrag war Die Insel Sachalin, das ungewöhnlichste Buch seines Œuvres, der "grobe Häftlingskittel in meiner belletristischen Garderobe", wie er selbst es nannte. Denn mit ihm hatte er kein Theaterstück, keinen Roman und keine Erzählung geschrieben - es war ein merkwürdiger Zwitter geworden: halb Reisebericht, Essay, Statistik und Analyse; halb Belletristik und halb Wissenschaft.

Der ungarische Schriftsteller György Dalos hat sich jetzt, 110 Jahre später, auf die Spuren von Tschechows Reise begeben. Er hat dessen Buch wiedergelesen, hat mit Hilfe zahlreicher Quellen die weitere Geschichte der Insel recherchiert und ist im Sommer 2000 selbst für dreizehn Tage nach Sachalin gefahren. Auch er hatte Gründe, wie Tschechow: Er wollte, erstens, Tschechows Reise und dessen Buch zum Ausgangspunkt seines eigenen Erzählens machen. Und er wollte, zweitens, die Hypothese überprüfen, ob sich Tschechows Buch als "Kompass zur Neuentdeckung" Sachalins eignet. Drittens wollte er einen Auftrag Tschechows erfüllen. Denn dieser hatte zwei unwegsame Siedlungen nicht besuchen können und hatte im 10. Kapitel seines Buchs einen jüngeren Autor aufgefordert, diese Arbeit irgendwann einmal für ihn zu erledigen.

Dalos' Reise nach Sachalin besteht nun aus drei Teilen: Im ersten referiert er 110 Jahre Geschichte Sachalins nach Tschechows Besuch, im zweiten erzählt er von seinem dreizehntägigen Aufenthalt im Sommer 2000, im dritten schließlich von einem Kurz-Besuch Putins. Sachalins Geschichte im Zeitraffer: 1905 erobern die Japaner die Insel; im Frieden von Portsmouth wird sie entlang des 50. Breitengrads geteilt; 1906 wird die Katorga abgeschafft - wegen des Friedensvertrags mit Japan, vor allem aber, weil Russland einsieht, dass sich Landwirtschaft und Industrie durch Zwangsarbeit nicht entwickeln lassen; 1920 besetzt Japan die Insel ein zweites Mal, 1925 wird die ehemalige Demarkationslinie wiederhergestellt (mit einem kommunistischen System im infrastrukturell benachteiligten, weil klimatisch extremen Norden, und einem kleinen Wirtschaftswunder-Japan im wärmeren Süden); am 9. August 1945, dem Tag des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki, erklärt die Sowjetunion Japan den Krieg, am 2. September kapitulieren die Japaner auf Süd-Sachalin. Die Japaner werden daraufhin von der Insel vertrieben, und eine große Ansiedlungskampagne, insbesondere im Süden, beginnt. Da diese Ansiedlung mit finanziellen Anreizen verbunden ist, gilt Sachalin bis Anfang der neunziger Jahre als Ort, an dem es sich trotz des extemen Klimas vergleichsweise gut leben lässt . . .

Davon ist allerdings nicht mehr viel zu spüren, als Dalos die Insel im Sommer 2000 besucht. Moskau interessiert sich nicht für Sachalin, die Insel ist sich mittlerweile selbst überlassen. Unüberlegte Privatisierungen, Stillegung ganzer Produktionszweige, Inflation, stetiger Rückgang der Bevölkerungszahl - Dalos wird Zeuge einer Insel mit schlechter Prognose, im nördlichen Teil sogar von Agonie; Zeuge auch von typisch postsowjetischen Ungleichzeitigkeiten. Denn in Form von Denkmälern, öffentlichen Beschriftungen, auch in Form von Körpersprache und Verhaltensweisen, ist die untergegangene Sowjetunion immer noch präsent. Zur gleichen Zeit dringen die Waren der japanischen, amerikanischen und europäischen Märkte mit immer größerer Macht in die Läden.

Wie einst Tschechow, fährt auch Dalos von Ort zu Ort, um sich über den Zustand der Industrie-Anlagen und der Verkehrswege, über die Stromversorgung, die Architektur, über die Folgen des Klimas auf die Gesundheit, über die Armut, Kindergärten und Schulen, über Kirchen und Religionsausübung, über Museen, die Presse und die Literatur auf Sachalin zu informieren. Er trifft dazu den Gouverneur, einige Bürgermeister, spricht mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, besucht das Sozialamt und sitzt im Zentralarchiv. Er trifft dabei niemanden, der Tschechows berühmtes Buch nicht gelesen hätte. Sein Geist ist überall zugegen. So gibt es ein Tschechow-Museum, ein Denkmal, und es gibt jährliche Tschechow-Lesungen. Und es gibt Leute, die hatten Großväter, die Tschechow vor 110 Jahren getroffen haben. Und es gibt selbstverständlich Tschechow-Legenden. Die von dem Großvater etwa, der sich nach seiner Begegnung mit Tschechow voller Stolz eine Frisur und einen Bart wie dieser schneiden ließ.

Es sind solche Geschichten, die Dalos' Buch lesenswert machen. Ansonsten krankt es daran, woran auch Tschechows Buch zum Teil krankte: an zuviel abstrakten Zahlen, Daten und Fakten. Denn Dalos vertraut zu wenig der eigenen Wahrnehmung - anders als der genaue, nüchterne Beobachter und Analytiker Tschechow. Hatte dieser sein angelesenes Wissen völlig aus seinem Buch herausgehalten und sein Material vor Ort zusammengetragen, kann sich Dalos im ersten und dritten Teil nur auf Informationen aus zweiter Hand berufen, aus Büchern und aus dem Internet. Anschaulich ist sein Buch deshalb nur da, wo er die Sachalienser ihre Geschichten selbst erzählen lässt. Oder im letzten Teil, wo er Geschichten schildert, die vom Kampf gegen die unmenschliche Kälte handeln: Geschichten von Menschen, die in ihren Wohnungen wegen unzureichender Öfen verbrennen oder ersticken, von Menschen, deren einziges Heizmittel der Wodka ist, Geschichten von Schneestürmen, von Stromausfällen, die Produktion und Verkehrswege lahmlegen und die Versorgung unmöglich machen.

Erst nach diesen drastischen Geschichten ahnt man, wie hart das Leben auf Sachalin tatsächlich ist. Und man versteht, dass sich die Sachalienser nur eine Reform von Herzen wirklich wünschen: die Reform längerer Wärmeperioden nämlich! Keine Bücher von Tschechow oder Dalos, keine Hilfen aus Moskau können ihnen diese Reform verschaffen. Auf mehr Licht und längere Wärme müssen sie deshalb noch lange warten.

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