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Die
Reise nach Trulala.
Roman von Wladimir
Kaminer (2002, Goldmann).
Besprechung von Jörg
Plath aus der Frankfurter
Rundschau, 16.7.2001:
Während es seinen westlichen Altersgenossen
schon in der Jugend kaum mehr gelang, sich das Glück hienieden hinreichend
konkret vorzustellen, wusste der gebürtige Moskauer des Jahrgangs 1967 stets,
wo es anzusiedeln war. Das Glück befand sich für ihn, da mochte die
sowjetische Propaganda noch so sehr mäkeln, jenseits des Eisernen Vorhangs. Das
Gras war grüner dort, wo die Sichel nicht mähte und der Hammer nicht
schmiedete. Zu seiner Entschuldigung sei gesagt: Niemand wusste es besser. Der
Eiserne Vorhang tat ja seinem Namen alle Ehre und war recht undurchlässig. Das
ließ sie seltsame, exotische Blüten treiben, die die unverfänglichen Namen
Amerika, Paris oder London trugen. Kaminers Erzählungsband Die Reise nach
Trulala erzählt von solchen Verheißungen und davon, wie sie schon in der
Perestroika an der Wirklichkeit zuschanden werden. Das geliebte Amerika zum
Beispiel: Die Hollywood-Filme, die in den Achtzigerjahren in Moskau gezeigt
werden, sind allesamt langweilig, die T-Shirts in den Farben der amerikanischen
Fahne verfärben sich beim ersten Waschen, und die Schlange vor dem ersten
McDonald's am Puschkinplatz verschwindet schon nach einem Jahr. "Amerika
brach quasi vor unseren Augen zusammen."
Als die Sowjetunion langsam zusammenbricht, reisen der Erzähler und sein Freund
Andrej Richtung Westen. In einem Ausländerheim in Ostberlin bleiben sie hängen,
kaufen zwei Busfahrkarten nach Paris mit offenem Abfahrtermin und genießen erst
einmal das Gefühl der Reisefreiheit, indem sie sich beim Studium deutscher
Biermarken allerlei von Paris erzählen - von seinen Glücksversprechen und den
furchtbaren Enttäuschungen all jener, die auf sie hereinfielen. Die zwei Genießer
im Plattenbau in Marzahn richten sich in der Äquidistanz zwischen Glück und
Desillusion ein.
"Verfehltes Paris" heißt denn auch die erste Erzählung, die wie die
anderen in sehr lakonischem Ton von abstrusen Schiffbrüchen berichtet. Mangel
an Phantasie kann man Kaminer nicht vorwerfen. Seine Russen fahren nach Paris, müssen
sich von Exilanten als KGB-Agenten beschimpfen lassen, irren mittellos durch die
Kapitale, werden von einer Antiterroreinheit verhaftet, als sie nachts in einem
Springbrunnen nach Münzen tauchen, und geben ihr mit Kindergartenliedern
erbetteltes Geld voller Heißhunger schließlich für Konservendosen aus, die
mit nichts als französischer Luft gefüllt sind.
Wie angenehm war dagegen der Aufenthalt eines Familienangehörigen vor
Jahrzehnte: Die vielen Arbeitslosen auf den Straßen lächelten durchweg
freundlich, tranken Wodka mit Bier, aber aus ganz kleinen Gläsern, und
verstanden fast alle ein paar russische Sätze. Außerdem musste der Onkel für
diese Reise in die französische Hauptstadt nicht einmal die Grenze der
Sowjetunion überschreiten. Der tüchtige KGB hatte für verdiente Genossen ein
Potemkinsches Dorf mit Eiffelturm und Big Ben erbauen lassen, das im Sommer als
Paris und im nebligen Herbst als London diente.
Für solche absurden Episoden, bei denen nicht zu unterscheiden ist, ob sie
autobiographisch oder erfunden sind, ist Wladimir Kaminer bekannt. Er lebt seit
1990 in Berlin, organisiert die legendäre "Russendisko" im Kaffee
Burger und versorgt Tageszeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen mit Texten.
Beinahe nebenher beschickt er zudem den deutschen Buchmarkt mit
Schelmengeschichten aus einem zwar nicht allzu langen, aber offenbar äußerst
aufregenden Leben. Schönhauser Allee hieß der erste Band, dann folgten Russendisko
und Militärmusik.
Die Urszene des Kaminerschen Schaffens geht so: Der kleine Wladimir hält sich
wacker auf einem roten Plastikpanzer, den seine Mutter über einen unebenen
Waldweg zieht. Da springt ein Exhibitionist aus einem Busch hervor und präsentiert
einen Schwanz "groß wie eine Panzerkanone". Die Mutter ängstigt
sich, aber der kleine Wladimir auf dem Plastikpanzer schreit: "Hau
ab!" Sein Wille wird erfüllt. Seitdem, schreibt Kaminer, spricht er
"und kann bis heute nicht damit aufhören." Kaminer zückt allzeit
schwere Geschütze und schießt, was das Zeug hält. Bewundernswerterweise geht
ihm trotz Dauerfeuer die Munition nicht aus, und so reihen sich zahllose
Scherze, Anekdoten, Kalauer und Pointen aneinander. An Militärmusik -
dem Band entstammt jene Urszene - schließt Die Reise nach Trulala nahtlos
an. Kaminer ist in seiner Lebensbeschau nun schon in den ersten Jahren nach der
Wende angekommen. Erzählte Zeit und Erzählzeit nähern sich damit bedrohlich
einander an, aber das ist ja ein altes Projekt der Avantgarde.
In zwei der fünf Erzählungen liegt der Ort der Sehnsucht im Osten. In
"Verschollen auf der Krim" findet ein mit Kaminer befreundeter
Kunsthistoriker den einzigen Sohn des im Zweiten Weltkrieg abgestürzten und von
Krimtataren geretteten Joseph Beuys, einen gewissen Viktor Josefowitsch. Und in
"Verdorben in Sibirien" strampelt ein grüner Bundestagsabgeordneter
mit dem Fahrrad durch die Tundra und erobert wider Erwarten die Herzen der rauen
Landbevölkerung.
[...diese
und weitere Besprechungen finden Sie unter
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2.)
Die Reise
nach Trulala.
Roman von Wladimir
Kaminer (2002, Goldmann).
Besprechung von Michael
Wuliger aus Jüdische
Allgemeine:
Der Schweijk
von der Schönhauser Allee
Trotz Schwächen:
Als Beobachter der Alltagsabsurdität ist Wladimir Kaminer unschlagbar
Noch bevor Wladimir Kaminers Reise nach Trulala im August herauskam, war
ich entschlossen, das Buch hymnisch zu besprechen. Wer Perlen wie Russendisko
und Militärmusik verfaßt hat, dachte ich, kann literarisch nicht irren.
Doch die Lektüre enttäuschte:
längst nicht mehr so witzig wie früher, Längen statt Lakonie, und bei manchen
Geschichten ein Déjà-vu-Gefühl, als hätte ich sie schon früher ‘mal
gehört oder gelesen.
Ein paar Tage später war eine Freundin zu Besuch, sah das Buch auf dem Tisch
liegen und fragte, ob sie es ausleihen dürfte; sie habe von dem Autor schon
viel gehört, aber noch nie etwas gelesen. Tags drauf rief sie hellbegeistert
an: das Buch sei toll, sie habe sich halbtot gelacht.
Aha, dachte ich: Kaminer liest man beim ersten Mal mit Begeisterung; beim
zweiten Mal noch mit Vergnügen; danach kennt man die Masche und langweilt sich.
Vielleicht, überlegte ich weiter, ist Kaminer auch ein Opfer seines eigenen
Erfolgs: Anfangs hat er noch aus der Außenseiterperspektive geschrieben;
inzwischen ist er ein Starautor und hat den unbefangenen, naiven Blick verloren,
der ihn früher auszeichnete. Statt einer Eloge würde ich wohl einen Abgesang
verfassen müssen. Schade. Ich hatte meinen Lieblingsautor verloren.
Dann kam im Oktober das allerneueste Kaminerbuch, Helden des Alltags, mit
Fotos von Helmut Höge. Skeptisch, mehr aus Pflicht denn Lust, machte ich mich
an die Lektüre - und fand in weiten Teilen den alten Kaminer wieder, der die
Welt so unverstellt sieht und beschreibt wie Schweijk oder Simplicius
Simplicissimus; der komisch ist, weil er nicht versucht, komisch zu sein; ein
Nachfahre von Jaroslav Hasek
und Daniil Charms.
Wobei das Lob eingeschränkt gilt: Kaminer ist genial, wenn er
Alltagssituationen und die ihnen innewohnende Absurdität beschreibt. Verläßt
er die Situationskomik und die kurze Form, gleitet er oft ins Belanglose,
Geschwätzige aus. Trotzdem: Der witzigste deutsche Autor ist derzeit ein
russischer Jude namens Wladimir Kaminer. Falls Sie noch nichts von ihm gelesen
haben, wird es höchste Zeit.
...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
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