Die Reise von Bernward Vesper, 1977, März/rororoDie Reise.
Roman von Bernward Vesper (1977, März).
Besprechung von Frank Keil aus der Frankfurter Rundschau, 27.4.2001:

Ortstermin in Triangel
Auf der Spur eines jungen Dichters, der die Kerze stets von beiden Seiten angezündet hat

Das Schild steht nicht mehr da. Die Uhr zeigt eine andere Zeit an. Geblieben sind die Schienen, die in der Ferne aufeinander zu laufen. Erst wenn man mitten auf dem Bahnsteig steht, sieht man den Namen des Bahnhofes. Auf einem neuen Schild, seitlich aufgestellt, das glänzt wie frisch poliert: "Triangel" steht da.

Tausende erst, später Zehntausende haben diesen Namen eines Bahnhofs gelesen, haben auf die Uhr geschaut, die immer sieben Minuten vor Eins anzeigte. Darüber zog ein grell gelber Himmel auf, von fast giftiger Färbung. Das alles zusammen ergab das Umschlagfoto für einen der vielleicht wichtigsten Berichte über die Achtundsechziger: den Roman "Die Reise" von Bernward Vesper, ein Protokoll ihrer Herkunft aus den dumpfen Fünfziger Jahren, eine Ableitung ihres Handelns als Söhne und Töchter der Nazigeneration; gedacht als Dissertationsschrift und erstmalig aufgelegt im Juli 1977. Ein Buch, das es bald in der Taschenbuchausgabe mit seinen über sechshundert apricotfarbenen Seiten zu einem selbst für damalige Verhältnisse sensationellen Preis gab: für fünf Mark und neunzig Pfennige.

Bernward Vesper verbringt in Triangel, diesem Flecken zwischen Lüneburger Heide und Harzer Vorland, mehr als die Hälfte seines kurzen Lebens, das er in einem Wust aus Verzweiflung, Kummer und Wahn von eigener Hand im Mai 1971 beendet. Von der Psychiatrie München-Haar ins Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf verlegt, besorgt er sich während eines Spazierganges in einer Apotheke die erforderliche Menge Schlaftabletten und nimmt diese in einer leerstehenden Wohnung von Freunden ein; Bernward Vesper, Sohn des selbst ernannten Reichsarbeiterdichters Will Vesper und langjähriger Lebensgefährte Gudrun Ensslins; die ihn verlässt, als sie den Weg von der erst braven, später aufmüpfigen Pastorentochter zur steckbrieflich gesuchten Terroristin einschlägt und mit der er kurz zuvor ein Kind, einen Sohn zeugt.

Wer weiß, was er zuletzt gedacht hat. Wer weiß, was er gesehen hat, als er sich in der kahlen Hamburger Wohnung womöglich auf den Boden hockte, sich lang ausstreckte und auf das Ende wartete. Vielleicht lief er noch einmal querfeldein über das baumlose Triangler Moor, sprang über die Entwässerungsgräben mit ihrem schwarzen, öligen Wasser. Möglicherweise sah er sich noch einmal energischen Schrittes die Hauptstraße entlang gehen, an der Seite des Vaters, dem die Adern an der Schläfe hervortraten, wenn er brüllte, und er brüllte nicht wenig.

In dem Manuskript, das in einer roten Sammelmappe in diesem Moment in seinem leeren Zimmer der Psychiatriestation liegt, finden sich die Sätze: "Beim Spaziergang durch das Dorf fällt mir auf, wie viele mir bekannte Gesichter noch leben. Ich hatte vorausgesetzt, sie alle wären längst gestorben."

Es ist noch nicht lange her, dass er dieses schrieb, zurück gekehrt nach Triangel, um an seiner Abrechung mit seiner Familie und seiner eigenen Herkunft zu arbeiten; nun lässt er all die Totgeglaubten hinter sich. Er schreibt weiter: "Ein Dorf, drei Meter unter der Erde." Er schreibt: "Zehn Straßen, zwei Kneipen, gesegnet von Gott, geschaukelt ins Nirwana der Jahrmillionen." Er schreibt das in sein Buch, das ursprünglich einen weniger unternehmungslustigen Titel tragen sollte: HASS. Gemäß seiner ganz persönlichen Energie-Formel: 1E = Erfahrung x Hass2.

"Mein Bruder", sagt Frau S., "war immer gehetzt." Sie sagt: "Es war immer alles gleich so dramatisch." Und sie schüttelt fast unmerklich den Kopf, als sie das Tor zum Gutspark öffnet, von wo aus man einen Blick auf das Haus hat, in dem sie und ihr Bruder ihre Kindheit verbrachten. "Mein Schwager war ein aufgewecktes Kind, aber nicht sehr jungenhaft, und immer lebte er ein bisschen abgesondert", sagt Herr von S., der noch heute trotz seines hohen Alters das Vespersche Gut verwaltet.

Zum Gut geht es linkerhand, eine Stichstraße entlang, die vom Hans-Rimpau-Weg abzweigt; nach Hans Rimpau benannt, dem Gründer des Gutes Triangel. Er pflegte mit seiner Frau während der Zwanziger und Dreißiger Jahre einen aufwendigen Lebensstil mit viel Hauspersonal in gestärkten, weißen Schürzen und Blusen und der stets fahrbereiten Kutsche, so dass seine Frau vor einem völlig verschuldetem Anwesen steht, als Rimpau 1936 stirbt. Zwei Jahre später wird sie den damals 56jährigen Will Vesper heiraten.

Er ist kein Unbekannter: Reichsweit kennt man seine Lyrik, seine Novellen, seinen Blut- und Bodenroman "Das starke Geschlecht". Verehrerinnen schicken ihm Blumen und Pralinen; als eine Art Haus- und Hofdichter ist er zuvor in Triangel ein- und aus gegangen. Will Vesper, zugleich gelernter Landwirt und von Anfang an überzeugter Nationalsozialist. Er halbiert den Besitz an Ländereien und rettet das Gut. Er verkauft das Herrenhaus, zieht mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in ein kleineres Gebäude um, mitten im Dorf, nahe der Bahnhofsstation, zu der man jetzt zu Fuß geht.

Die Gebäude des Gutes stehen noch. Sie sind längst aus- und umgebaut und die daraus entstandenen Wohnungen jeweils vermietet. Das umliegende Land hat man verpachtet, darunter ein Stück Wald und einen halben See, der in einem Naherholungsgebiet liegt. In der Ferne steht kerzengerade eine Wolke aus weißem, dicken Rauch über der Fabrik, die Dämm- und Spanplatten herstellt. Den Torf, den man gewerblich seit 1872 aus dem Moor sticht, baut jetzt eine Firma aus Österreich ab.

Herr von S. hat einen Hund; eine Hündin, die quirlig durch das Verwalterbüro läuft und dabei laut und freundlich kläfft. "Bitte", sagt er bestimmt, "hängen Sie Ihre Jacke doch vorne in den Schrank." Er ist ein hochgewachsener, schlanker Mann, und dass er sich in Folge einer Kriegsverletzung aus dem Kaukasus sowie einer Hüftoperation vor einigen Jahren vorsichtig und etwas eckig bewegt, schmälert diesen Eindruck keineswegs. "Sie bedienen sich", Herr von S. weist auf einen Teller mit Gebäck und eine Thermoskanne mit heißem Kaffee. Später wird er höflich fragen, ob er eines seiner Zigarillos rauchen darf.

Einmal steht Herr von S. auf und sucht in seinem Sekretär nach einem Foto von Gudrun Ensslin. Er spricht von ihr mit Hochachtung. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er ihren späteren Lebensweg schon damals nicht gebilligt hat. Er sagt: "Sie war eine hochintelligente Frau. Ich freue mich, dass ich sie kennen gelernt habe."

Und dass es ein Genuss gewesen sei, sich mit ihr zu unterhalten. "Sehen Sie", sagt er und nimmt das Foto, das Gudrun Ensslin von der Seite zeigt, das Gesicht weich, die Haare halblang. Er legt das Bild behutsam auf den Tisch und lässt seine Hand daneben ruhen: "Sie war auch eine sehr hübsche Frau. Die Zeitungen haben sie am Ende ja nur als Hexe gezeigt." Als ihr Vater ihm später schreibt, er wolle nun den Kampf seiner Tochter fortführen, beendet Herr von S. den Kontakt. Er beendet ihn ordentlich, mit einem Brief. Zuvor hat die Polizei ihn und die Seinigen observiert, ob sie nicht doch zur Beerdigung auf den Waldfriedhof bei Stuttgart fahren würden.

"Fragen Sie", sagt Herr von S., "fragen Sie." Er lehnt sich zurück und erzählt, wie Bernward als kleiner Junge so begeistert von der Uniform war, in der er 1944 auf das Gut eingeheiratet hat, und dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als selbst einmal Orden zu tragen. Wie er als Kind seiner Wege ging, sich an die Erwachsenen hielt, wo doch im elterlichen Wohnhaus wie auch im Gut sich infolge von Krieg und Rückzug die Kinder geflüchteter Verwandter und zugewiesener Flüchtlinge nur so tummelten. Dass er schlecht in Mathematik war, aber in Deutsch immer auf Eins stand. Dass er seinen Altersgenossen in intellektueller Hinsicht überlegen war und sie nur nach ihrem geistigen Horizont bewertet hat. Und wie Bernward in Berlin später Gudrun Ensslin kennen lernte, beide Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes, sie mitbrachte nach Triangel, dann und wann.

"Was ich nicht verstehe", sagt Herr von S. in die Stille hinein, "was ja so grotesk war, ist, dass er und Gudrun so lange versucht haben, das Werk Will Vespers wieder zu beleben." Angedacht war tatsächlich, das Gesamtwerk jenes Mannes herauszugeben, der die Bücherverbrennung guthieß, bei dem in den Nachkriegsjahren die einstige deutsch-nationale Elite sich die Klinke in die Hand gab und für den bis zuletzt die Bundesautobahn die Reichsautobahn blieb.

In einem Testament aus dem Jahre 1962 überantwortet Bernward seine Habe im Falle seines Todes Gudrun Ensslin. Ergänzend heißt es weiter in einem seinem Vater entliehenen Schriftdeutsch: "Dafür geht auch die Verpflichtung, für meine Arbeiten (durchgestrichen: schmales Werk) zu sorgen an Gudrun über, vor allen Dingen aber die, für Will Vespers Werk nach dem von mir begonnen Grundsätzen zu sorgen, soweit es ihre Kraft zulässt." Der Papierbogen trägt oben rechts ein Signet: privat-presse triangel.

Es ist das zweite Testament in diesem Jahr, er ist ganz besessen vom Testamenteschreiben, er ist gerade mal vierundzwanzig Jahre alt. Will er anfangs seine Asche - Erdbestattungen sind im Triangler Boden aufgrund des hohen Grundwasserstandes nicht möglich - im Gutspark neben seinem Großvater und seinem Vater bestattet wissen, bestimmt er zuletzt, seinen Körper der Anatomie in München zur Verfügung zu stellen. Nichts soll mehr bleiben, wenn er nicht mehr ist. Als seinen Testamentsvollstrecker benennt er den damaligen Berliner Anwalt Otto Schily, der später die Vormundschaftsangelegenheiten für den Sohn regeln wird.

Es gibt in seinem Reise-Roman eine Szene, die exemplarisch erzählt, zwischen welche Mühlsteine er zuweilen geraten ist: Es ist 1953, da ist er fünfzehn Jahre jung, liegt als Halbwüchsiger auf seinem Bett und lauscht dem Radio, dass die Ergebnisse der zweiten Bundestagswahl verkündet. Die Wochen vorher ist er zu Fuß durch die moorige Landschaft gepilgert, hat mit dem Rad Hof für Hof abgeklappert. Er hat Plakate geklebt, hat Flugblätter verteilt und versucht Stimmen zu werben. Für die DRP, die Deutsche Reichspartei, die sich später selbst auflöst und deren Mitglieder sich in der neugegründeten NPD wiederfinden werden. Vesper schreibt: "Die Niederlage war vernichtend. Auch im Dorf siegten die anderen Parteien, die SPD an der Spitze." Er schreibt: "Die Zukunft stand vor mir, schwarz wie eine Wintergewitterwand." Und er fängt an, die bisher so lückenlosen Argumentationsketten seines Vaters über den Führer und den Verrat, die historische Wahrheit und die Lügen der Presse zu zertrümmern; obwohl es doch so schön gewesen wäre, hätte der Vater recht behalten.

Herr von S. nickt. Er schaut aus dem Fenster, wo halbwüchsige Mädchen aus der Nachbarschaft, die hier ihre Pferde untergebracht haben, diese striegeln und das Zaumzeug fest zurren. Immer wieder ist Bernward hierher zurückkehrt, der zuletzt als seinen Ort "lebt mit seinem Sohn auf Reisen" angab und der dabei unentwegt schrieb. Herr von S. dreht sich wieder um. "Es war ein bisschen gespenstisch: Er hatte auch die Sprache verloren, um mit unseren Leuten zu sprechen. Er ging wie ein Fremder durch das Dorf, allein mit dem Jungen, der keine Spielkameraden fand."

Die Hündin kratzt sich mit dem linken Hinterlauf am Ohr. Wann das mit den Drogen angefangen hat? Herr von S. weicht aus. Lieber erzählt er, dass einer der Drogen nahm, einfach kein ernst zu nehmender Partner für Gudrun Ensslin war. "Sie wollte die Aktion." Was konnte sie da mit einem anfangen, der so ängstlich war; fleißig zwar, aber der seine Tatkraft nicht bündeln konnte. "Ja, sie wollte die Aktion." Er betont jedes Wort einzeln.

Es muss zuletzt eine quälende Beziehung gewesen sein, ein ständiges Hin und Her, garniert mit verzweifelten Unternehmungen, zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Etwa: durch eine Verlobung. Diese findet im Sommer 1967 statt, Herr von S. und Bernwards Schwester fahren mit ins Baden-Württembergische, wundern sich gemeinsam, dass zwei wie Bernward und Gudrun sich noch so amtlich binden wollen. Es wurde eine kuriose und abenteuerliche Veranstaltung im Haus der Ensslins; der Vater Pfarrer und dilletierender Maler, die Mutter eine ängstliche, frömmelnde Pietistin. Weder Ernsthaftigkeit noch Feierlichkeit will sich einstellen, Herrn von S. schüttelt belustigt den Kopf: "Bernward war die ganze Zeit übel. Ihm war das wahrscheinlich selber unangenehm, und wir haben diese Verlobung weitgehend ohne ihn gemacht."

Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass er ihm trotz aller Unterschiede in Meinung und Lebenswandel zur Seite stand: Er trifft sich mit ihm Ende der Sechziger in Berlin, um alles zu regeln, was mit den Besitzungen des Gutes noch zu regeln ist; denn raus will Bernward aus der Familie, nur raus; und auch diese Geschichte verläuft im Sande. Er ist zur Stelle, als ihn unbekannte Freunde Bernwards anrufen, denen er gerade in einem psychotischen Anfall die Wohnung demoliert und sich ihnen als Heilsbringer gezeigt hat. Er reist nach München, besucht Bernward in der Psychiatrie. Und er fährt nach Hamburg, als man ihn auffindet, und kümmert sich um die Überführung des Leichnams in die Münchner Pathologie, so wie Bernward Vesper es bestimmt hat. Auch Gudrun Ensslin sucht er in Frankfurt im Gefängnis auf, bietet ihr an, den Sohn in Triangel aufzuziehen. Sie willigt ein, aber die Sache zerschlägt sich, und das Kind wächst später bei Pflegeeltern auf der schwäbischen Alb auf.

Als letzten Akt setzt er einen Gedenkstein im Park; einen Findling, wie ihn die Eiszeiten hier und da in den Moorboden gedrückt haben: So gibt es kein Grab, aber immerhin einen Ort, der an Bernward Vesper erinnert. "Ich bin etwas schlecht zu Fuß", sagt Herr von S., "haben Sie etwas dagegen, wenn meine Frau Sie durch den Park führt?"

"Kommen Sie", sagt Frau S., die sich mit dem Satz vorstellt: "Ich bin die Tochter von Will Vesper und die Schwester von Bernward Vesper, aber ich muss mein eigenes Leben leben." Sie öffnet das Tor des zum Gut gehörigen Parks, der mittlerweile nachts abgeschlossen wird. Zu viele Zerstörungen gab es in letzter Zeit, so dass man sich zu dieser Maßnahme gezwungen sah, wie eine Tafel entschuldigend erklärt. Auch schlug der Blitz in eine der uralten Eichen ein, nur deren Stumpf mit der frischen Sägestelle ist noch zu sehen. Üppig wächst der Rhododendron, Busch an Busch, die Blätter steif und dunkelgrün, man spürt beim Gehen wie feucht und schwer die Erde das ganze Jahr hier bleibt.

Eine Zeit lang lebte Frau S. mit ihrem Mann, einem Architekten, im fernen Wiesbaden, bis die Stadtverwaltung Gifhorn ihn mit einem attraktiven Posten abwarb. Nach Triangel zurückgekehrt, bot man ihnen sofort das alte Vesperhaus an. Doch was sollten sie damit, es ist zu groß, und allein die Sanierung des Hauses hätte Unsummen verschlungen. So bauten sie nebenan ihr eigenes Haus und blicken nun über den Gartenzaun hinweg auf das Kindheitshaus, in dem heute einer aus der nahegelegenen Autostadt Wolfsburg wohnt. Wie überhaupt der Kern des Dorfes Triangel umsäumt ist von frisch bezogenen Einzelhäusern; errichtet von überwiegend jungen Familien, ein zementiertes Klettergerüst und umher liegendes Spielzeug beweisen es. Im kommenden Sommer wird der Rasen anwachsen, aber es wird noch seine Zeit brauchen, bis sich die Häuser mit ihren Gärten ins Dorfbild eingefügt haben. "Die vierte Fruchtfolge", nennt es Frau S. leicht lächelnd und schreitet voran.

Was soll sie sagen? Was soll sie erzählen? Es ist doch schon so viel gesagt und erzählt worden, und doch kommt man damit nicht weiter. Ihr Haus war noch nicht fertig eingerichtet, da beherbergte sie einen Journalisten samt Kamerateam drei Tage lang; erinnerte sich, führte ihn herum, ging in die Tiefe, kramte alles noch einmal hervor, die Kindheit, ihre und Bernwards: für einen Beitrag von fünf Minuten. Sie holt tief Luft: "Als ich mich gesehen habe in diesem Film, da tat ich mir selber leid." Als das nächste Mal einer kam, um einen Film zu drehen, stand sie für Auskünfte nicht mehr zur Verfügung.

Zweimal hat sie das Buch gelesen, zweimal unter Tränen. "Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich die Jüngere gewesen wäre", sagt sie und dass ihr Bruder zu viel zu stark aufgesaugt hätte, was die Erwachsenen redeten und keine Ruhe gefunden hätte, das auch zu verdauen. Zu viel war es, einfach zu viel.

Da steht der Stein, eine einfache Inschrift. "In memoriam Bernward Vesper", umgeben von anderen Findlingen: dem bereits gesetzten und noch nicht zu Ende beschrifteten von Herrn von S., dem des Hans Rimpaus, dem der Mutter und des Vaters, auf den Frau S. jetzt zeigt: Will Vesper, der so hart, herrisch und unwirsch sein konnte, und der zugleich seine Tränen nicht verbarg; Sylvester etwa, wenn er eines seiner Gedichte vortrug, die längst niemand mehr drucken wollte.

Heute sieht sie auch diese widersprüchliche weiche, gefühlvolle Seite ihres Vaters. "Der Bernward zündet die Kerze immer von beiden Seiten an", so knapp und doch so wissend hat sich der Vater einmal ausgedrückt. Und sie bleibt plötzlich stehen, denkt über diesen Satz ihres vor neununddreißig Jahren verstorbenen Vaters nach, als wäre er eben erst gesagt worden. Und sie geht zu ihrem Haus, zu dem vom Park aus ein kleiner Trampelpfad führt, schließt hinter sich langsam die Tür.

Es dämmert, und es wird Zeit, Triangel wieder zu verlassen. Richtung Norden geht es, durch den Nachbarort; man befährt dazu die "längste, gerade Ortsdurchfahrt ganz Niedersachsens", wie es stolz auf der Webside der Gemeinde Sassenburg heißt, zu der Triangel seit der Gemeindereform von 1976 gehört. Eine schnurgerade Straße, die einmündet in eine gleichfalls gerade und verschattete Bundesstraße; Bäume stehen dicht bis an den Asphalt, so dass man wie durch einen Schlauch fährt. In unregelmäßigen Abständen parken links und rechts auf den Rastplätzen Wohnmobile, in denen leicht bekleidete Frauen sitzen. An den Bäumen angeschlagene Plakate geben bekannt, dass in der Stadthalle der nächst folgenden Stadt Uelzen am kommenden Wochenende eine Erotik-Messe stattfinden wird.

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