Die Regenhexe von Jurga Invanauskaite, 2002, dtv

Die Regenhexe.
Roman von Jurga Invanauskaite (2002, dtv - Übertragung Markus Roduner).
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit, Oktober 2002:

Verschollen im Zentrum Europas
Litauische Literatur in deutschen Verlagen - ein Überblick

Er drang in mich ein mit seiner langen flinken Zunge, sog sich wie ein Saugnapf mit seinen gierigen Lippen fest. Ich drückte seinen Kopf mit meinen Beinen. An meinen Schenkeln fühlte ich seine schweißüberströmten Schläfen pulsieren… Ich spürte, wie sich in meinem Bauch, ganz unten, etwas regte und sich drehte und wendete wie ein großer Fisch“, so schreibt die litauische Schriftstellerin Jurga Ivanauskaite (geboren 1961) in ihrem Roman Die Regenhexe. Im Grunde erzählt Die Regenhexe eine einfache Geschichte über Verzweiflung und Frust einer Frau, eine kleine Betten-Bumsen-Beichten-Epopöe, die fast allen Anfang der neunziger Jahre (in Litauen und in den anderen „postsowjetischen“ Ländern) modischen geistigen Strömungen Tribut zollt: Mystik, Feminismus, Psychoanalyse, mediävistischen und antiken Parabeln. Männer spielen hier nur eine Nebenrolle – als Handlanger der körperlichen Liebe. Im Mittelpunkt steht die Frau. Nur ihre Gefühle zählen. Alle geschichtlichen und mythischen Dekorationen dienen nur als Kulisse für ihre Leidenschaft.

Das Buch fand reißenden Absatz in Pornoshops

Und weil das so ist, existiert diese Frau gleich auf drei Zeitebenen. In der Gegenwart verführt sie einen Priester und wird von ihm verlassen. Im Mittelalter beichtet sie ihre Liebe zu einem Wundertäter und denunziert ihn damit bei der Hl. Inquisition. Aus Respekt für Jesus („Ich liebe Christus, doch ich liebe die Christen nicht“, wiederholt Ivanauskaite verständnisvoll die Worte Gandhis in einem ihrer Interviews) lässt die Autorin Maria Magdalenas sinnliche Sehnsucht nach ihm unerfüllt, obwohl Jesus das einzige klerikale Objekt der weiblichen Begierde ist, dem kein Zölibat im Wege stünde. Da alle drei Protagonistinnen – deren Geschichten wie ein Zopf miteinander verflochten sind – jeweils mit dem Geistlichen, Heiligen und Gottesmenschlichen zu tun haben, schlug die katholische Vereinigung Opus Dei Alarm. Infolgedessen wurde das Buch im Jahre 1993 nach Christus von einer staatlichen Kommission des freien Litauen geprüft und als pornografisch und antichristlich eingestuft. Es durfte daher nur in Pornoshops angeboten werden, wo es innerhalb von zwei Wochen 20000 Mal über den Ladentisch ging.

Die Regenhexe ist eines der wenigen litauischen Bücher, die von deutschen Verlagen in diesem Herbst herausgebracht werden. Vielleicht sind die Verleger der ewigen Schwerpunktverlegerei müde geworden, vielleicht gibt es aber auch im deutschen Sprachraum zu wenige Fachleute für Litauisch. Und überhaupt: Litauen, wo laut den aus einer Höhe von 180 Kilometern angestellten Berechnungen französischer Wissenschaftler das geografische Zentrum Europas liegen soll, ist im kulturellen Sinne etwas in Abgeschiedenheit, um nicht zu sagen: in eine Art Isolation geraten. Im Osten (das heißt in Russland, wo früher viel aus den baltischen Sprachen übersetzt wurde und jetzt nur sporadisch und ohne großes Interesse) sowie im Westen.

Vor kurzem zog die litauische Hauptstadt Vilnius die Aufmerksamkeit des deutschen Lesers auf sich, dank des viel beachteten Buches Die Straßen von Wilna (bei Hanser) des polnischen Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz. Diesem Buch konnte man unter anderem entnehmen, dass Vilnius als das „Jerusalem des Nordens“ gilt. Napoleon, der auf seinem Russlandfeldzug in Wilna (so die polnische und russische Bezeichnung) eintraf und dort ein blühendes jüdisches Leben entdeckte, gab der Stadt diesen poetischen Namen. Das jüdische Leben von Wilna wurde bekanntlich im Zweiten Weltkrieg brutal zerstört, nicht ohne die fleißige Teilnahme litauischer Kollaborateure, die in der heutigen nationalen Mythologie nicht selten als „Freiheitskämpfer“ und „Soldaten Europas“ dargestellt werden.

Der Athena Verlag publiziert die meiste litauische Literatur

Darüber spricht man in Litauen jedoch nach wie vor wenig. Der litauisch schreibende Schriftsteller Icchokas Meras widmet sich seit langem dieser Zeit und diesen Themen; in den sechziger Jahren war er in der ganzen UdSSR sehr populär, bis er 1972 nach Israel übersiedelte, was damals automatisch den Publikationsstopp bedeutete. Im vorigen Jahr brachte der Aufbau Verlag seinen Roman Remis für Sekunden heraus. Ein anderer jüdischer Autor aus Litauen, Grigori Kanowitsch, der russisch schreibt, viele litauische Bücher ins Russische übersetzt hat und inzwischen ebenfalls in Israel lebt, fand weder zum „litauischen“ Herbst 2002 noch (bis jetzt) zum „russischen“ Herbst 2003 einen deutschen Verleger. Sowohl Icchokas Meras als auch Grigori Kanowitsch werden als Teilnehmer der litauischen Autorendelegation Gäste der Frankfurter Buchmesse sein.

Vor diesem Hintergrund tut sich das litauische Programm des Oberhausener Athena Verlages hervor. 2001 startete der kleine Verlag die Reihe Literatur aus Litauen, in welcher er wichtige litauische Autoren in der Übersetzung von Klaus Berthel präsentiert. Die Reihe wurde nicht direkt in Anlehnung an den Buchmesse-Schwerpunkt ausgedacht, so der Verleger, und wird auch weiterhin geführt werden: zwei litauische Bücher pro Jahr. In diesem Jahr sind es einige mehr, darunter die Prosasammlung Von diesen Träumen ganz verschiedene, welche neben Jurga Ivanauskaite weitere bedeutende Namen der litauischen Literatur vorstellt, beispielsweise Herkus Kuncius (geboren 1965), einen Provokateur, der sich zu bemühen scheint, Opus Dei zu weiteren verkaufsfördernden Aktionen zu bewegen (bisher anscheinend ohne Erfolg), oder Renata erelyt˙e (geboren 1970), die von litauischen Kritikern für ihre klare kunstvolle und metaphorische Sprache viel gelobt wird (siehe Seite 50 dieser Beilage), und Marius IvaΔkevicus (geboren 1973), der in seiner Prosa in langsamem Tempo eine eigenartig lyrische und dichte Atmosphäre entwickelt. Die bisher im Athena Verlag erschienenen Bücher seien wärmstens all jenen empfohlen, die sich mit der gegenwärtigen Kultur Litauens bekannt machen wollen.

Das erste Buch der Reihe ist der Erzählband Friedenstaube von Ricardas Gavelis (1950 bis 2002). Der in diesem August verstorbene Gavelis zählt seit Ende der achtziger Jahre zu den bekanntesten litauischen Autoren. In Friedenstaube (Originalausgabe 1995) erkennt man eine Art, mit der Realität umzugehen, wie sie auch aus anderen postkommunistischen Literaturen Ost- und Mitteleuropas vertraut ist: grausame Erscheinungen wie Mafia, Gewalt, neue Reiche, alte Arme, nicht vergehende Spuren der Geschichte. All das balanciert bei Gavelis zwischen naturalistisch geschilderten alltäglichen Kollisionen und fantasmagorischen Träumen.

Die ganz neue Welt, in der sich die Menschen in den „neu-unabhängigen“ Ländern auf einmal fanden, ist kulturell und ideologisch keinesfalls eine Tabula rasa. Unverhofft von der müden Sowjetideologie befreit, standen die neuen Staaten vor der Aufgabe, innerhalb kürzester Zeit neue politische und kulturelle Modelle zu schaffen. In den leeren Raum sickerten nationalistische Mythen, eine Verklärung der eigenen Geschichte (besonders der Zeit zwischen den Weltkriegen und ganz besonders während des Zweiten Weltkrieges), auch religiöser Obskurantismus. Die Last der Geschichte, die mit Schuldzuweisungen immer an andere und nie an sich selbst bequem ausgerichtet wird, und eine zu langsame Wahrnehmung der eigenen historischen Verantwortung prägen das gesellschaftliche Klima. Gavelis greift in seinem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman Das Quartett der verlorenen Begierden scharf und ironisch nationale Mythen an und leugnet nicht seine Zugehörigkeit zur „sowjetischen Zivilisation“. Aufgrund dessen hat sich der Schriftsteller bei manchen den Ruf eines „antipatriotischen“ Autors erworben.

Zwar scheint die litauische Literatur heute die Blütezeit ihrer Prosa zu erleben, sie war jedoch traditionell überwiegend eine Literatur der großen Lyriker, die noch präsent und wichtig sind. Noch immer schreiben die viel geachteten Poeten älterer Generation wie beispielsweise Marcelijus Martinaitis (geboren 1936) oder Justinas Marcinkevicius (geboren 1930) in eher traditioneller Manier. Der als avantgardistisch und experimentell geltende Sigitas Geda (geboren 1943) wird nun das literarische Litauen als Buchmesse-Redner vorstellen.

Alle drei Dichter sind auf Deutsch in einer umfangreichen Anthologie zu finden, die der litauische Verlag Vaga in Koproduktion mit dem Athena Verlag herausgibt (Übersetzung von Klaus Berthel, der sich in Sachen litauische Literatur verdient gemacht hat). Ein anderes repräsentatives Bild der Lyrik Litauens, das nur teilweise mit der Vaga-Anthologie übereinstimmt, bietet die Zeitschrift Akzente (Heft Nr. 5). Beide Sammlungen enthalten Gedichte von Tomas Venclova, der 1977 in die USA ausgereist ist und sich außerhalb Litauens am meisten profiliert hat. Er ist einer der wenigen Litauer, die einen eigenen Lyrikband in deutscher Sprache vorweisen können: Vor der Tür das Ende der Welt wurde bereits 2000 vom nicht mehr existierenden Rospo Verlag herausgegeben; nun nimmt die rettende Hand des Carl Hanser Verlages dieses Buch in seinen Vertrieb (siehe Seite 53/54 dieser Beilage).

Ein Jahrzehnt Unabhängigkeit. Kulturgeschichtlich gesehen eine Epoche, die zwischen Zuvor und Nachdem eine Zäsur legt. Der Lyriker Marcelijus Martinaitis schrieb vor ein paar Jahren in der Moskauer Zeitschrift Druzhba narodow („Die Völkerfreundschaft“): „Wie viel – und wie schnell – hat sich alles geändert: Adressen, Telefonnummern, Buchtitel, Farben, Schriftarten, Gesichter auf den Fotos, Reiseziele, Sprachen, Bekanntenkreise, Geld, Urlaubslektüre und Literatur… In allen Nachbarländer passiert dasselbe wie in Litauen, Lettland, Russland. … Viele berühmte Namen sind verschwunden, Werke, die zur Klassik ernannt wurden… In ein, zwei Jahren ist all das zur Vergangenheit geworden.“ Der Prosaautor Jurgis Kuncinas (geboren 1947), der für seinen Spürsinn für gesellschaftliche Launen bekannt ist, schaut in seinem von einer leisen Anmut der Nostalgie geprägten Roman Mobile Röntgenstationen zurück in die verhasste sowjetische Zeit und staunt: „…jene längst beerdigten Dinge werden unerwartet wieder wichtig … Und noch seltsamer: Diese Ära gewinnt ein Interesse an und für sich, übt zudem, was bedenklich ist, eine Art Faszination aus.“

Litauische Literatur hat ein weites Feld vor sich: Die Geschichte, die noch zu verarbeiten ist, die Gegenwart, die es noch zu erfinden gilt. Eine Zwischenbilanz dieses Prozesses wird nun dem deutschen Leser vorgestellt: bedauernswert, dass unvollständig; dankenswert, dass überhaupt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKwelt © O.M./Die Zeit