Die Räumung dieser Parks von Daniel Falb, 2003, Kookbooks

Die Räumung dieser Parks.
Gedichte von Daniel Falb (2003, Kookbooks).
Besprechung von Rainer Stolz im tip Berlin Nr. 8/04:

Balance des bösen Blicks zu Daniel Falbs Lyrik-Debüt „die räumung dieser parks“

Jähe Wendungen, doppelte Böden, Abgründe – im Gelände dieser Gedichte ist Orientierungsgabe gefragt. Hat sich die Wahrnehmung aber mit der Montagetechnik vertraut gemacht und ist beim Wechseln der Blickwinkel und Bezugsrahmen geschmeidig geworden, wird allerhand sichtbar: Zumutungen der Medienmaschinerie, Praktiken der Forschung oder der inneren Sicherheit, Kindheits- und Jugenderinnerungen. Was befremdet, ist oft zugleich vertraut, denn so mancher Gesichtspunkt unseres Alltags wird in seinen finsteren oder grotesken Zügen beleuchtet: „das telefon / ist in dieses gehirn irgendwie als nervenende hineingesteckt“. Gespiegelt werden Schwierigkeiten, zwischen Wirklichkeit und Simulation zu unterscheiden. Entferntes zeigt sich in unvermuteten Zusammenhängen. Zwar gibt es Passagen, die dergestalt verschlüsselt sind, dass man dahinter Privatgemächer des Autors vermutet. Doch die meisten Konstellationen lassen aufhorchen, etwa wenn Mathias Rusts Landung in Moskau mit einem Zoobesuch überblendet wird.

Die Tonfälle sind distanziert. Die Gedichte wirken zuweilen wie Rapporte. Ein Feldforscher scheint da am Werk, der auch sich selbst als Objekt sieht. Anklänge von Betroffenheit werden allenfalls zitiert. Ein feiner, am ehesten sarkastisch zu nennender Humor, der sich manchmal nur in einem Füllwort ausdrückt, verleiht vielen Zeilen allerdings eine besondere Färbung. Indem sich Falb im Vokabular und in den Sprachgesten raffiniert an die Inhalte anlehnt, legt sich das Geflecht von Manipulation und Selbstmanipulation, das unser Leben bestimmt, wie von selbst bloß: „wenn in den gruppenszenen manche abwesend wirkten, / war das ein verbesserungsvorschlag, kein feierabend.“ Dass diese Lyrik weitgehend auf der Kippe bleibt, weder zynisch wird noch anklagt, stärkt ihre verstörende Wirkung.

Trotz des „harten, laborartigen Lichts“, so Gerhard Falkner im Nachwort, und trotz gelegentlicher Effekte gröberen Zuschnitts wie Vulgarismen oder Kalauer – in den Schlusszeilen vieler Gedichte findet eine Hinwendung zu den Subjekten statt, die anrührt. Plötzlich wird klar, wie hilflos und ausgeliefert sie sind, auch wenn sie scheinbar fröhlich mittun: „du lächelst / in die kamera und gehst schwimmen, die strömung erfasst dich sofort.“ Niemand ist sich hier seiner gewiss, seines Ortes nicht und auch nicht seines Körpers. Den einen droht mediale Bearbeitung, den anderen Abschiebung. Daniel Falb kultiviert einen Blick, der ebenso böse ist wie der Zeitgeist, dessen Wirken er betrachtet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rainerstolz.de]

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